Verhaltenskodex

27. März 2014 09:21; Akt: 27.03.2014 10:46 Print

Krippen erlauben Kindern Doktorspiele

Kinder dürfen in Krippen «dökterlen». So sieht es der Verhaltenskodex des Verbandes der Kindertagesstätten vor. Damit überschreite man Grenzen, sagen Kritiker.

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«Das Entdecken des eigenen Körpers gehört zur normalen Entwicklung eines Kindes. Das Spiel wird zugelassen und soll an einem dafür bestimmten Ort stattfinden», heisst es im Verhaltenskodex des Verbandes der Kindertagesstätten der Schweiz.

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In Kinderkrippen wird nicht nur gebastelt und gemalt, sondern auch «gedökterlet». In der Zürcher Irchelkrippe etwa können sich Kinder mit Tüchern oder Schachteln kleine Rückzugsorte schaffen, um den geschlechtlichen Unterschieden ungestört auf den Grund zu gehen, schreibt der «Beobachter». Hier werden etwa 50 Kinder ab sechs Monaten bis zum Kindergarten betreut.

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Sollen Kinder in Krippen Doktorspiele machen dürfen?
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«Sich selber und andere zu entdecken gehört zur normalen Entwicklung eines Kindes», sagt Krippenleiter Heinz Roth. Die Kinder seien neugierig und wollten wissen, inwiefern sie sich von den anderen unterscheiden. Bei den Doktorspielen müssten gewisse Regeln befolgt werden: «Die Kinder müssen in einem ähnlichen Alter sein, es darf kein Machtgefälle in der Gruppe geben und sie müssen es aus eigenen Stücken wollen», sagt Roth. Und: «Wenn ein Kind von seinem Gspänli mehr will als es, intervenieren die Leiter.» Nach einer Weile würden die Betreuer die Kinder auch dazu auffordern, etwas anderes zu spielen.

«Dökterlen» in der Kinderkrippe heisst auch der Verband Kinderbetreuung Kibesuisse gut. «Das Entdecken des eigenen Körpers gehört zur normalen Entwicklung eines Kindes. Das Spiel wird zugelassen und soll an einem dafür bestimmten Ort stattfinden», heisst es in ihrem Verhaltenskodex. Erwachsene würden nicht an den kindlichen Handlungen teilnehmen. Das Spiel werde unauffällig beobachtet. Eingegriffen werde nur, wenn ein Machtgefälle entstehe.

«Wir haben eine sittliche Ordnung im Land»

SVP-Nationalrätin Natalie Rickli ist von der Praxis irritiert: «Kinder sollen zwar den natürlichen Umgang mit ihrem Körper lernen. Das gehört für mich aber nach Hause und nicht in die Kinderkrippe.» Indem spezielle Rückzugsorte geschaffen würden, animiere man die Kinder richtiggehend dazu. «Gerade für kleinere Kinder, die sich noch gar nicht für das Thema interessieren, ist das zu früh.»

CVP-Nationalrat Jakob Büchler spricht von einem Vertrauensbruch gegenüber den Eltern: «Wir haben eine sittliche Ordnung in diesem Land. Aber offenbar sehen gewisse Leute die Grenze nicht mehr.» Es gebe sicher sinnvollere Spiele für kleine Kinder in der Krippe als dökterle.

Gegen diesen Vorwurf wehrt sich Talin Stoffel Co-Geschäftsleiterin von Kibesuisse: «Dass Dökterle ist eine Tatsache und es kann auch in der Kita stattfinden, denn die Kita ist heute eine Lebenswelt der Kinder.»

«Das Kind könnte ausgegrenzt werden»

Auch Flavia Frei vom Kinderschutz findet Doktorspiele in Krippen unbedenklich, sofern sich Kinder und Betreuer an die Spielregeln halten. Wichtig sei, dass die Krippe das Thema gegenüber den Eltern thematisiere: «Wenn die Eltern am Abend das Kind abholen, sollten sie sie darüber informieren, wenn die kleine Lina heute Doktorspiele gemacht hat.»

Und was, wenn Eltern gar nicht wollen, dass ihre Kinder in der Krippe dökterlen? «Vielleicht haben sie selber Mühe, über das Thema zu sprechen», glaubt Frei. Ihren Wunsch jedoch müssten die Krippen respektieren. «Allerdings kann das problematisch sein, weil das Kind ausgegrenzt werden könnte.» Es sei auch nicht ganz einfach, dem Kind zu erklären, warum es denn nicht mitspielen dürfe, wenn es doch wolle. Frei rät diesen Eltern, sich mit ihrem Partner oder Partnerin oder mit Fachpersonen auszutauschen.

(dp)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Robin G. am 27.03.2014 10:01 Report Diesen Beitrag melden

    Wissens Verbot

    Wenn man Kindern das Spielen verbietet dann weiss ich auch nicht mehr weiter. Bei Kindern ist das doch noch nicht wirklich Sexuell sondern reine Neugiere. Wieso sollte man also das Kind darauf trimmen nicht alles zu wissen? das ist doch gegen die Menschlichen Instinkte.

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  • LadinaM am 27.03.2014 10:33 Report Diesen Beitrag melden

    Wo ist das Problem?

    Hmmm... Wir haben früher im Kindergarten auch Doktor und Patient gespielt aber auch zu Hause. Wir waren im Besitz eines Doktorkoffer und haben damit gespielt. Gegenseitig mit den Plastikspritzen uns eine spritze gegeben, wir haben uns mit dem Plastikstethoskop gegenseitig abgehört. Warum ist jetzt alles verkehrt was früher in Ordnung war oder unbedenklich? Mir hat das Spiel als Kind nicht geschadet. Ich habe als Kind auch Dreck gegessen. War auch nicht falsch... Leben tu ich auf jedenfall noch ;-)

  • Dr. Black am 27.03.2014 10:09 Report Diesen Beitrag melden

    Das ist ja dann ein krasses Problem

    mit demjenigen Prozentsatz an pädophilen Kindern, welche ihre kranken Neigungen bereits in der Tagesstätte ausleben können. Früh übt sich. - Sarkasmus off -

Die neusten Leser-Kommentare

  • Myne am 29.03.2014 12:48 Report Diesen Beitrag melden

    Zu Dr. Black, Fortsetzung

    Bei diesem Satz hat es Klick bei mir gemacht, sowas kann nur von einem Erwachsenen stammen. Alle wussten davon, Gespräche mit Heilpädagogin, Krippenchefin und Kinderschutz fruchteten nichts. Dabei betonte ich immer, dass nicht nur meiner Tochter, sondern auch dem Bub geholfen werden müsse. Ich nahm meine Tochter aus der Krippe, da eine Zusammenführung der Kinder geplant wurde, und ich das meiner Tochter nicht nochmals zumuten wollte. Nur 2 KITA-Mitarbeiterinnen bestätigen die Vorfälle, andere Kinder waren auch betroffen. In der 1.Kl. dann die Ausstellung: Mein Körper gehört mir!

  • Myne am 29.03.2014 12:33 Report Diesen Beitrag melden

    Zu Dr.Black

    Meine Tochter machte eine schlimme Erfahrung in der KITA, normales Dökterle war das nicht mehr. Mit 4 Jahren wurde sie und andere von einem gleichaltrigen Jungen ohne ihr Einverständnis belästigt beim Stuhlen, Hosen runtergerissen, bei Kleineren die Windeln, ein Box mitten ins Gesicht nach dem Mittagsschlaf usw. und bedroht mit den Worten: Deine Mutter liebt Dich nicht mehr, wenn Du nein sagst.

  • Urs Leutwiler am 28.03.2014 16:29 Report Diesen Beitrag melden

    Die Expertin

    Was mir nicht einleuchtet: Natalie Rickli hat selber keine Kinder, beschäftigt sich auch beruflich nicht mit dem Thema, denkt aber, dazu eine qualifizierte Meinung abgeben zu können. Einen minimalen Bezug zum Elternsein oder Kinder betreuen sollte man schon haben, sonst ist es nur "anderen dreinreden".

  • Nana Çe am 28.03.2014 10:34 Report Diesen Beitrag melden

    Schutz der Kinder

    Ich habe selbst ein Kind und ich wäre ehrlich gesagt nicht begeistert, wenn mein Kind so etwas tun würde. Klar, ich habe das damals auch gemacht, doch ich wurde auch belehrt... ich finde das nicht richtig, denn so können Kinder auf dumme Gedanken kommen und heutzutage ist das nicht schwer, wenn man bedenkt was die Kinder sonst schon alles zu Gesicht bekommen. Man muss den Kindern ja beibringen, das niemand anderes dessen Körper ohne Einverständnis berühren darf... doch wenn sie Doktorspiele in Kitas zulassen, dann lernen sie genau das Gegenteil und das ist alles andere als gut!!!

  • Reto Gutknecht am 27.03.2014 19:51 Report Diesen Beitrag melden

    den eigenen Körper entdecken

    Was spricht dagegen, den eigenen Körper zu entdecken? "Döckterlen" bei kleinen Kindern ist absolut harmlos - es ist sogar gut für die Entwicklung. Und nicht zuletzt sind Kinder (und später Erwachsene), die als Kleinkind so den eigenen Körper erfahren haben, später viel offener.