Standard-Fragebögen

10. August 2014 15:28; Akt: 10.08.2014 15:28 Print

Kritik an Bewertungswahn in Kindergärten

Bereits im Kindergarten sollen Defizite erkannt werden. Immer häufiger kommen dabei standardisierte Fragebögen zum Einsatz. Experten kritisieren das Vorgehen.

storybild

Bereits im Kindergarten gibt es Bewertungen wie in Grossunternehmen. Experten halten diese Normierung von Kindern alles andere als förderlich. (Bild: Keystone/Georgios Kefalas)

Zum Thema
Fehler gesehen?

Wie werden Aufträge umgesetzt und welchen Entwicklungsstand hat das Kind? Solche Fragen werden in Schweizer Kindergärten zunehmend mit standardisierten Fragebögen beantwortet. Damit sollen sich Lehrpersonen auf Elterngespräche vorbereiten. Auch in den Kantonen Aargau, Basel-Stadt und Bern wurden jetzt solche Bewertungssysteme eingeführt. Im Kanton St.Gallen gibt es ihn bereits, insgesamt 76 Punkte sind auf dem Beurteilungsbogen aufgeführt. Sie sollen Aufschluss geben über Selbst-, Sozial- und Sachkompetenz, schreibt die «Sonntagszeitung».

Damit wird für Kinder eine Norm geschaffen. «Früher war die gesellschaftliche Erwartung weniger hoch», sagt Pierre Felder, Leiter Volksschulen in Basel-Stadt, zur Zeitung. Mittlerweile wollten Eltern genauere Angaben zur Entwicklung ihrer Sprösslinge. «Das Verhältnis zu den Kindern hat sich gewandelt. Die Gesellschaft erwartet, dass Kinder optimal auf ihre Schullaufbahn und somit auf die Arbeitswelt vorbereitet werden, und das fängt schon im Kindergarten an.»

Fragebögen fördern Therapiewahn

Die standardisierte Bewertung, die man eher von Personalbeurteilungen in Firmen kennt, ruft allerdings auch Kritiker auf den Plan. Brigitte Fleuti, Präsidentin des Zürcher Kindergarten-Verbands, befürchtet, dass Lehrpersonen so weniger auf den gesunden Menschenverstand hörten und sich stattdessen zunehmend von einem Formular leiten liessen. Ausserdem könnten sowohl Kinder als auch Eltern mit der Hervorhebung von Defiziten nicht umgehen. «Wirft man den Eltern an den Kopf, was ihr Kind nicht kann, kann das kontraproduktiv sein.»

Auch Hans-Ulrich Grunder, Professor am Forschungszentrum für Pädagogik der Universität Basel und an der Fachhochschule Nordwestschweiz, kritisiert den Trend zur standardisierten Bewertung. Die Kinder würden schon früh «mit einem pädagogisch fragwürdigen Messzwang konfrontiert», sagt er zur Zeitung. Dass die Methode ihr Ziel verfehlt, glaubt auch Margrit Stamm, Professorin für Pädagogische Psychologie und Erziehungswissenschaften an der Universität Freiburg. «Damit züchten wir Kinder heran, die schon im Kindergarten erfahren, dass sie in einem Bereich nicht genügen.» Damit werde der wachsende Therapiewahn zusätzlich gefördert.

In Basel-Stadt will man jetzt erstmals abwarten. Die Testbögen werden ab diesem Schuljahr während zwei Jahren eingesetzt, danach will man eine Bilanz ziehen. Ob die Tests tatsächlich Auswirkungen auf die Entwicklung eines Kindes hat, ist derzeit noch unklar. Bekannt ist hingegen, dass so mancher Sprössling bereits im Kindergarten überfordert ist. Schuld daran seien Tussi-Mütter und desinteressierte Eltern. Um dem besorgniserregenden Trend entgegen zu wirken, gibt es mittlerweile Vorkurse für den Chindsgi.

(vro)

Kommentarfunktion geschlossen
Die Kommentarfunktion für diese Story wurde automatisch deaktiviert. Der Grund ist die hohe Zahl eingehender Meinungsbeiträge zu aktuellen Themen. Uns ist wichtig, diese möglichst schnell zu sichten und freizuschalten. Wir bitten um Verständnis.

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Heinz Meier am 10.08.2014 15:46 Report Diesen Beitrag melden

    Einfach dekadent

    Schlimm diese Sozial- und Pädagogikindustrie. Lasst doch Kinder Kinder sein. Obwohl heute nur noch Psychoprofile und Zertifikate etwas bedeuten war die Welt in den letzten Jahrzehnt noch nie so im Ungleichgewicht wie heutzutage. Das bringt alles nichts wenn man nicht mehr die Werte und charakterlichen Eigenschaften vermittelt bekommt auf die es wirklich ankommt.

    einklappen einklappen
  • J.E. am 10.08.2014 15:40 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    System Mensch

    In was für einer kranken Gesellschaft wir doch mittlerweile leben.

  • Zyniker am 10.08.2014 15:49 Report Diesen Beitrag melden

    Kindergarten...

    Der Kindergarten soll den Kindern Spass machen und sie zugleich mit Basteleien, Turnereien, Klettereien, Tobereien, usw. fordern, fördern, unterhalten. Die Verantworlichen "Pädagogen" gehören entlassen bzw. bedanken wir uns doch bei den linken Schönrednern, dass der Kindergarten heute auch Sprachliche und Kulturelle Barrieren überwinden muss :-p

Die neusten Leser-Kommentare

  • Berner Bär am 11.08.2014 08:59 Report Diesen Beitrag melden

    Arbeitsbeschaffungsmassnahmen

    Mein Göttibub (6) verwechselt noch B,P,D,T,M und N. Die Kindergärtnerin alle Eltern durch die Gemeinde zitieren lassen. So wurde auch mein Göttibub vom anwesenden Schulpsychologen als "legasthenischer Grenzfall mit Potential zu verminderter Bildungsfähigkeit" klassiert, da er mit rund einem Viertel des Alphabetes Schwierigkeiten habe und dies nicht Buchstaben seien, die selten vorkämen. Es wurde eine "schulbegleitende Langzeittherapie zur Verminderung der potentiellen legasthenischen Störungen" empfohlen! Nur so nebenbei: Zählen kann er bis 30, sowohl in Deutsch, als auch in Rätoromanisch...

  • Phil am 11.08.2014 08:51 Report Diesen Beitrag melden

    Der Falsche Weg......

    Sage nicht ich sondern die Hirnforschung und die Psychologie.

  • Querdenkerin am 11.08.2014 08:38 Report Diesen Beitrag melden

    Fleissiger, williger Einheitsbrei

    Die Jungen von heute müssen folgsame, willige und fleissige Arbeitsbienchen werden. Wer aus dem Raster fällt, muss dringend therapiert werden und wird ausgegrenzt. Der beste Weg in eine verblödete, normierte und schubladisierte Gesellschaft. Besondere Begabungen und Querdenken sind längst nicht mehr erwünscht. Mir tun die Kinder von heute extrem leid. Früher gabs noch einen Hauch von Individualität, heute ist alles genormt, wer nicht zum mainstream Einheitsbreit gehört, wird ausgeschlossen Grosse Talente werden so unterdrückt, Innovation stirbt bald aus. Arme Schweiz!

  • Susanne am 11.08.2014 07:59 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Gegenargumente und Humor:

    Wieso machen die Eltern meistens diesen Druck mit und lassen sich von so einem Kindergärtnerinnen-Testli verunsichern? Das sind ja keine Ärzte und für Therapien brauchts die Einwilligung der Eltern! Schulbeispiel: der Sportlehrer/SekE bemängelte, dass unser Sohn (ADHS mit motorischen Defiziten) keinen Rückwärtsburzelbaum machen konnte. Antwort: Dieses Kind hat einen Vater, der heute noch keinen Hampelmann machen kann, dafür ein Geschäft mit Angestellten führen. Lassen wir dem Jungen doch offen, was aus ihm wird, sicherlich nicht Sportlehrer!

  • Kluges Mädchen am 11.08.2014 07:46 Report Diesen Beitrag melden

    Meine persönliche Erfahrung damit

    Meine Geschichte: Schon früher wurde im Kindergarten "bewertet". Da ich mich schwer sozial integrieren kann, sollte ich nach dem Kindsgi in die Sonderklasse. Meine Eltern wehrten sich. Nach der Primar hiess es: lieber in die Real, weil hier Defizite und dort Defizite. Ich schaffte die Sekprüfung. Nach der Sek: Sie wird das Gymi nie schaffen, weil "Defizite" hier und dort. Aha. Gymi locker geschafft, studiert und vor einigen Jahren sogar promoviert. Liebe Eltern, Moral von der Geschicht´: Hört nicht auf diese so genannten "Experten"! Manche Kinder sind einfach nur Spätzünder.