Mindestkurs-Aus

19. Januar 2015 09:13; Akt: 19.01.2015 11:38 Print

Kürzt uns der Chef jetzt den Lohn?

Tiefere Löhne und längere Arbeitszeiten: Nach dem Franken-Schock fordert die Wirtschaft, dass auch die Arbeitnehmer den Gürtel enger schnallen.

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Viele exportierende Firmen und den Tourismus trifft der Wegfall des Mindestkurses hart. Laut dem Schweizerischen Arbeitgeberverband dürfen deshalb auch tiefere Löhne und längere Arbeitszeiten bei gleichem Lohn nicht tabu sein, sollte der heutige Eurokurs länger Bestand haben: «Gewisse Firmen müssen ihre Kosten senken, damit sie wieder wettbewerbsfähig sind. Kurzfristig geht das fast nur über die Löhne sowie die Arbeitszeit», sagt Direktor Roland A. Müller. Für letztere Massnahme bedürfe es allerdings erst genügender Aufträge, was nicht immer der Fall sei.

«Arbeitnehmer dürfen nicht bluten»

Müller betont, dass der Arbeitnehmer auch im Falle einer Lohnkürzung zustimmen muss (siehe Box). «Lohnkonzessionen können helfen, Jobs zu retten und eine Auslagerung ins Ausland zu verhindern.» Insgesamt rechnet Müller längerfristig mit stagnierenden Löhnen in der Schweiz, wobei die Entwicklung in den Branchen sehr unterschiedlich ausfallen könne.

Kein Verständnis für die Forderung haben die Gewerkschaften. «Es geht nicht an, dass jetzt die Arbeitnehmer bluten müssen, bloss weil der Franken überbewertet ist. Jetzt muss man erst einmal abwarten, wie sich der Kurs weiter entwickelt», sagt Daniel Lampart, Chefökonom des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes (SGB). Sollte sich der Kurs nicht erholen, müsse die Schweizerische Nationalbank (SNB) einschreiten. «Die SNB hat einen Auftrag, den sie wahrnehmen muss.»

Grenzgänger in Euro bezahlen?

Diskutiert wird auch, welchen Beitrag die Grenzgänger leisten können, deren Kaufkraft sich massiv erhöht hat. Zum Beispiel plant das Modeunternehmen Akris, das im Tessin 150 Mitarbeiter beschäftigt, die Löhne der Grenzgänger in Euro zu bezahlen – und zwar ohne Berücksichtigung der Wechselkursgewinne von letzter Woche. «Wenn das nicht geht, müssen wir über eine Verlagerung des Standorts nachdenken», so Akris-Chef Peter Kriemler zur «SonntagZeitung».

Arbeitgeber-Direktor Müller ist skeptisch: «Das empfehlen wir nicht. Das ist sicher keine Lösung, die allgemein praktikabel ist.» Müller verweist auf ein Gerichtsurteil des Baselbieter Kantonsgerichts, das die Auszahlung von Euro-Löhnen in einem ähnlichen Fall rügte. Auch SGB-Ökonom Lampart hält nichts von der Idee: «Wenn ausländische Arbeitskräfte billiger sind, werden sie den Schweizern vorgezogen. In der Schweiz sollen auch Schweizer Löhne bezahlt werden.»

«Zu früh für Lohnsenkungen»

FDP-Nationaltrat Christian Wasserfallen sieht nun vor allem die Politik in der Pflicht, möglichst gute Rahmenbedingungen für die Unternehmen zu schaffen. «Mit der Unternehmenssteuerreform III kann der Staat die Unternehmen entlasten. Hier muss man nun vorwärts machen.» Kontraproduktiv seien dagegen neue Milliardenabgaben etwa für Solarstromsubventionen. Nur mit guten Rahmenbedingungen könne langfristig sichergestellt werden, dass nicht die Arbeitnehmer die Zeche bezahlen müssten.

Wasserfallen erinnert daran, dass der flexible Arbeitsmarkt ein Grund dafür war, dass die Schweiz gut durch die Krise gekommen ist. Bestehende Gesamtarbeitsverträge seien zwar einzuhalten, ein Ausbau etwa des Kündigungsschutzes, wie ihn jüngst SP-Präsident Christian Levrat gefordert hatte, sei aber kontraproduktiv.

Andere Stimmen mahnen zur Geduld. «Es ist noch viel zu früh, um über Löhne und Arbeitszeiterhöhungen zu sprechen. Einzig die SNB muss nun schauen, dass sich der Franken abschwächt», sagt SP-Nationalrat Beat Jans. Zudem müsse nun dafür gesorgt werden, dass die Importwaren tatsächlich billiger werden. Vor Aktivismus warnt auch Christoph Blocher: «Jetzt sofort die Löhne zu senken, ist sinnlos. Eine seriöse Firma hat das nicht nötig», so der SVP-Vize zur «SonntagsZeitung».

(daw)