In der Deutschschweiz

22. August 2018 15:15; Akt: 22.08.2018 19:29 Print

Laura (19) ist die erste Gerüstbauerin

Noch immer gibt es sehr wenige Frauen auf dem Bau. Laura Bruderer erzählt, wie sie ihre Gerüstbauer-Lehre trotz dummer Sprüche und knochenharter Arbeit abgeschlossen hat.

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Die 19-jährige Laura Bruderer aus Reinach AG ist laut dem Schweizerischen Gerüstbau-Unternehmer-Verband die erste Frau in der Deutschschweiz, die eine Lehre als Gerüstbauerin gemacht hat. Das Heben von Gerüstteilen mit Eigengewicht von über 45 Kilo gehören in diesem Job zur Tagesordnung. Von anfänglichen Sprüchen der männlichen Kollegen wie «Was machst du eigentlich hier? Das ist ein Männerjob!» liess sich Laura nicht abschrecken. Seit diesem Sommer hat die Hobbyreiterin den Berufsabschluss in der Tasche.

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Zum Gerüstbau kam sie durch Zufall. Sie wusste, dass eine bürolastige KV-Lehre nichts für sie war, und begann deshalb, sich umzusehen. Die Geschäftsführerin des Unternehmens, in dem sie später die Lehre beginnen sollte, war eine Bekannte von ihr und motivierte sie zum Schnuppern. «Die Tätigkeit hat mir derart Spass gemacht, dass ich mich dazu entschieden habe, Gerüstbauerin zu werden», erinnert sich Laura.

Physische Herausforderung

Die Lehre sei nicht immer einfach gewesen. Sie habe die Ausbildung zu Beginn unterschätzt. «In den ersten Monaten bin ich ausgelaugt um 19 Uhr ins Bett gegangen und nach einem halben Jahr war ich sehr kurz davor, die Lehre hinzuschmeissen», sagt Laura. Freunde und die Familie hätten sie jeweils dazu motiviert, nicht aufzugeben.

Die körperliche Herausforderung – die Arbeit eines Gerüstbauers ist ein Knochenjob – und die Kälte im Winter auf den Baustellen seien hart gewesen. Ernsthaft verletzt habe sie sich zum Glück nie. «Einmal fiel ich von einem Gerüst und zog mir eine Wirbelquetschung zu», sagt die 19-Jährige. Heute stemmt Laura Stahlgerüste, die sie früher nie hätte hochheben können. Mit den männlichen Kollegen könne sie gewichtstechnisch zwar noch immer nicht ganz mithalten.

Vom Sensibelchen zur starken Frau

Heute ist Laura froh, dass sie die Ausbildung durchgezogen hat. «Früher war ich ein Sensibelchen. Die Lehre hat mich abgehärtet, stärker und selbstbewusster gemacht.» Sie nehme sich nicht mehr jede Bemerkung zu Herzen. Ihre männlichen Kollegen hätten zu Beginn daran gezweifelt, dass die schmale junge Frau die Lehre packen würde. Je länger sie durchgehalten habe, desto mehr Unterstützung habe sie aber erfahren. In ihrem privaten Umfeld hat Laura vorwiegend Bewunderung geerntet.

Gegenwärtig absolviert Laura das Handelsdiplom, das sie braucht, um ihr Ziel zu erreichen: Die 19-Jährige will Bauführerin werden. Im Gerüstbau möchte sie aber bleiben. Neben der Ausbildung ist Laura eine leidenschaftliche Reiterin. Seit einem Jahr besitzt sie ein eigenes Pferd, das ein guter Ausgleich zur anstrengenden Tätigkeit als Gerüstbauerin sei.

«Würde es unterstützen, wenn es mehr Frauen auf dem Bau geben würde»

Laura würde es unterstützen, wenn sich mehr Mädchen für eine Lehre in der Baubranche entscheiden würden: «Die Zeiten, in denen wir Frauen uns nur an den Herd stellten, sind definitiv vorbei. Auf dem Bau erlebt man verschiedenste Dinge, es ist eine tolle Herausforderung.» Auch gebe es zahlreiche Aufstiegsmöglichkeiten. Und auch das Arbeitsklima unter ihren Kollegen hat Laura geschätzt: «Ich glaube, dass die Jungs durch mich ein wenig ruhiger geworden sind.»

* Update 22.8.2018: In einer ersten Fassung des Artikels hiess es, Laura Bruderer sei die erste Gerüstbauerin der Schweiz. Dies teilte die Organisation Bausinn.ch mit, die sich für die Wertschätzung der Baubranche einsetzt und vom Schweizerischen Gerüstbau-Unternehmer-Verband SGUV mitgetragen wird. Bei unseren Kollegen von 20minuti.ch hat sich nun aber eine junge Frau gemeldet, die ihre Lehre als Polybauerin schon 2017 abgeschlossen hat. Der Verein Polybau begründet den Fehler damit, dass Bildung föderalistisch sei und man nur die Übersicht in der Deutsch- und Westschweiz habe. Laura Bruderer sei die erste Gerüstbauerin der Deutschschweiz. Wir entschuldigen uns für die Verwirrung.

(jk)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Mice am 22.08.2018 15:19 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Frauenquote

    Weshalb wird eigentlichin dieser Branche nie eine Frauenquote gefordert?

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  • Bauarbeiter am 22.08.2018 15:19 Report Diesen Beitrag melden

    Aber ebe

    Leider selber oft erlebt, dass bei körperlich anstrengenden Berufen dann die (männlichen) Kollegen mehr schwere Arbeit für gleichen Lohn leisten müssen. Ganz korrekt ist das nicht.

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  • Dario am 22.08.2018 15:22 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    viel spass

    Ich bin ja auch für Frauen auf der baustelle, aber ich wünsche den kollegen viel spass beim schleppen wenn es dann doch mal schwer wird...

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Schwinger am 23.08.2018 14:13 Report Diesen Beitrag melden

    Muskeln sind gefragt

    Diejenigen, die mehr Frauen auf dem Bau wollen, haben vermutlich noch nie auf dem Bau gearbeitet. Das ist kein Ferienjob und auch kein Kaffeekränzchen. Da sind Muskeln gefragt.

  • Maria am 23.08.2018 13:16 Report Diesen Beitrag melden

    Ich schaffe auch beim Bau

    Meine Freundin ist gelernte Kauffrau. Sie sagt was sie alles erleben muss um ende Monat 3800 chf zu kriegen. Sie hat andauernd stress und immer mehr druck. Ihre Chef sagt:"Wenn dir dass nicht passen gibt viele gelerne kaufrau" Lieber bin ich bei der Baustelle arbeite 8 Stunden ,kriege viel bessere Lohn und mache was nützliches. Die Jugentlichen wollen nur als Kauffrau studieren! Passt auf! Es ist nicht so wie es scheint.

  • Berufsberaterin Barbla am 23.08.2018 12:44 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Durchhalten liebe Laura

    Ich wünsche Laura, dass sie diesen harten Job durchhält. Als Berufsberaterin mache ich leider die Erfahrung, dass in den letzten Jahren junge Frauen öfters harte Männer-Jobs lernen wollen und kläglich scheitern. Schade. Ich erinnere mich an Gespräche mit jungen Frauen und ihren Eltern, wo das Thema Berufswahl zur Machtproben u. Streitereien ausartete. Warum? Die jungen Damen wollen den Jungs imponieren und Aufmerksamkeit heischen. Nach abgebrochener Lehre und dem grossen Frust, heisst es, die vergeudete Zeit aufzuholen und sich neu zu orientieren. Der Weg führt zum RAV...

  • Freya1990 am 23.08.2018 11:51 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ehemalige Malerin

    Ich habe 10 Jahre auf dem Bau gearbeitet. Es war eine tolle Zeit aber als Frau auf dem Bau hat man keine Zukunft. Oftmals wollten die Chefs mir nicht den selben Lohn bezahlen wie meinen mänlichen Arbeitskollegen. Festanstellung war auch kein Thema, weil ich im Alter bin wo jeder denkt das ich bald schwanger werde und somit wäre es auch nie möglich gewesen prozentuell zu arbeiten. Es ist toll und interessant auf dem Bau zu arbeiten, leider ist aber ein grosser Teil der Männer immer noch so eingestellt das Frauen in diesem Berusfeld nichts verloren haben. Schade!

  • Bauarbeiter am 23.08.2018 10:26 Report Diesen Beitrag melden

    Unterste Schublade

    Bei allem Verständnis für Gleichberechtigung, gibt es Berufe und Sportarten, wo Frauen freiwillig verzichten sollten. Gerade auf dem Bau ist die Gesprächskultur und das Niveau oft unterste Schublade. Ich verstehe nicht, warum sich eine Frau das antun will.