Augenzeugin in Crans-Montana

19. Februar 2019 20:31; Akt: 19.02.2019 22:10 Print

«Wir waren so schockiert, standen einfach nur da»

von V. Fehlmann - Nicole H. (48) war gerade auf der Skipiste in Crans-Montana, als die Lawine niederging. Noch immer sitzt der Schock tief.

Bildstrecke im Grossformat »

Zum Thema
Fehler gesehen?

In Crans-Montana VS ist am Dienstagnachmittag eine Lawine auf einer Skipiste niedergegangen. Vier Personen wurden verletzt, die Polizei befürchtet noch Vermisste. Nicole H. aus Ried bei Kerzers ist derzeit mit ihrer Familie in Crans-Montana in den Ferien. «Wir wollten eigentlich gestern schon rauf auf die betroffene Piste, sie war aber wegen Lawinensprengungen gesperrt», erzählt die 48-Jährige. Deshalb seien sie und ihr Mann am Dienstag hoch zur Piste gefahren. «Die Kinder wollten zum Glück nicht mitkommen, sie fahren uns sonst immer voraus.»

Oben auf der Piste sei es warm gewesen, jedoch nicht so warm wie in den letzten Tagen. «Da hatten wir am Nachmittag 14 bis 15 Grad, man konnte praktisch sehen, wie der Schnee schmilzt.»

«Das hätte ich nie erwartet.»

Oberhalb der betroffenen Piste hätten sie noch angehalten und Fotos gemacht. «Zum Glück», wie H. nun sagt. Als sie weiter fuhren, sahen sie plötzlich Schneemassen, die vor ihnen auf die Piste niedergingen. Eine Rettungskraft habe ihnen zugerufen, dass sie anhalten sollen. «Das Erschreckende war, es gab Leute, die trotzdem einfach weiter fuhren», sagt H.

Das Ehepaar konnte jedoch nicht einfach weiter. «Wir waren so schockiert, wir standen einfach nur da. Das hätte ich nie erwartet.»

«Der Schnee war bleischwer.»

Der Niedergang der Lawine habe lange gedauert. «Es hörte nicht auf. Das war nicht einfach ein Schneebrett. Am Schluss kam noch Wasser, es spritzte wie ein Springbrunnen.» Man habe die Lawine aber nicht kommen hören. «Es gab kein Donnern, man hörte gar nichts», sagt H.

Sie und ihr Mann hätten dem Retter ihre Hilfe angeboten. «Wir versuchten selbst in den Schneemassen zu graben und riefen nach Verschütteten. Die ersten 15 Minuten sind entscheidend. Doch der Schnee war bleischwer.»

«Dort hoch gehe ich sicher nicht mehr.»

Innerhalb von 10 Minuten seien die ersten Retter und Helikopter eingetroffen. «Ein Schneetöff wurde von den Schneemassen umgeworfen, der Fahrer und eine weitere Person, die vermutlich auf dem Schneetöff sass, wurden verschüttet.» Dank einem Ortungsgerät hätten die beiden aber rasch gefunden werden können. Eine andere Person habe einen Herzinfarkt erlitten, die Retter hätten sich um sie gekümmert.

Ein Schneeschuhwanderer und ein Tourengänger seien ausgeflogen worden, weil sie nicht selbst bis ins Tal konnten. H. und ihr Mann wurden angewiesen, am Rand der Piste ins Tal zu fahren. «Wir sollten den Hang aber im Auge behalten.»

Im Nachhinein sitzt der Schock noch immer tief. «Es war etwas vom Eindrücklichsten, das ich je erlebt habe. Die Kraft der Natur ist gewaltig», sagt die 48-Jährige. In Zukunft will sie die betroffene Piste meiden. «Dort hoch gehe ich sicher nicht mehr. Zum Glück waren die Kinder nicht dabei. Wir haben ihnen erklärt, dass sie nun immer die Hänge und die Umgebung im Auge behalten sollen, wenn sie am Skifahren sind.»

Lawine verschüttet Personen auf Skipiste