Bildung

27. November 2015 05:50; Akt: 27.11.2015 08:51 Print

Lehrer proben Aufstand gegen Sparprogramm

Mehr als eine Milliarde Franken soll bis 2019 bei der Bildung gespart werden. Die Lehrer wehren sich – und wenden sich in ihrer Verzweiflung sogar an die Eltern.

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Es ist ein Hilfeschrei: In einem Brief, den die Schüler der Kantonsschule Enge und ihre Eltern diesen Monat erhielten, findet der Rektor Christoph Wittmer deutliche Worte zu den Sparplänen des Kantons: Diese könnten «zu einem markanten Leistungsabbau in der Bildung führen», heisst es darin. Wenn das Budget gekürzt werde, sei die Chance der Jugend «auf bestmögliche Ausbildung» in Gefahr.

Zürich ist nicht allein: In praktisch allen Kantonen soll im Bildungsbereich massiv gespart werden, wie der «Tages-Anzeiger» berichtet. Bis 2018 sind kantonale Sparprogramme in der Höhe von 535 Millionen Franken geplant, und es dürften noch mehr werden. Auch der Bundesrat will bei der Bildung, Forschung und Innovation sparen: Die Hochschulen und Universitäten sollen bis 2019 rund 555 Millionen Franken weniger erhalten als geplant. Gemäss dem «Tages-Anzeiger» sind nicht nur die Lehrerlöhne, sondern auch das Unterrichtsangebot und Förderangebote für schwache Schüler betroffen. Im Aargau sollen etwa beim Fach «Deutsch als Zweitsprache» 11 Millionen Franken gespart werden.

Beschwerde beim Bundesgericht

Beat Zemp, Präsident des Schweizer Lehrerverbands (LCH), ist konsterniert. «Die Qualität des Unterrichts leidet unter solchen Sparübungen massiv». Schüler mit Migrationshintergrund sowie besonders schwache und besonders starke Schüler hätten das Nachsehen. Auch spiele der Kanton Thurgau etwa bereits mit der Idee eines Schulgeldes, welche die Eltern zahlen müssten. «Wir prüfen eine Beschwerde beim Bundesgericht, denn solch ein Schulgeld wäre wahrscheinlich verfassungswidrig.»

In Zürich haben bereits über 4000 Personen ein Manifest unterzeichnet, welches von den Verantwortlichen der Bildungsinstitutionen und -verbände des Kantons verfasst wurde. «Sämtliche Bildungsstufen, von den Volksschulen bis hin zur Universität sind dabei», sagt Christoph Wittmer, Rektor der Kantonsschule Enge. «Wir wollen mit dem Tag der Bildung in einen Dialog mit Politik, Wirtschaft und Gesellschaft treten». Dazu plane man Podiumsdiskussionen und einen Tag der offenen Tür, an dem man den Wert der Bildung aufzeigen und über die Zukunft sprechen wolle.

An der Kantonsschule Enge müsste man umgerechnet etwa eine Million Franken einsparen. «Selbst wenn wir sämtliche Freifächer, Projektwochen und Schulreisen streichen würden, kämen wir nur auf die Hälfte dieser Zahl», sagt Rektor Wittmer. Weitere Möglichkeiten seien, grössere Klassen zu schaffen oder gar weniger Schüler ins Gymnasium zuzulassen. «Bei der Klassengrösse sind wir jetzt schon an einer Grenze angelangt, mit bis zu 30 Schülern im Untergymi. Und die Gymnasialquote liegt bereits unter dem Schweizer Mittel. Wenn wir also weniger Schüler aufnehmen sollen, steigt der Druck, Vorbereitungskurse zu besuchen, die sich nicht alle leisten können.»

«Armutszeugnis für die Schweiz»

Auch Matthias Aebischer, SP-Nationalrat und Präsident der Bildungskommission, findet die Sparbemühungen falsch. «Wenn wir aus finanziellen Gründen jungen Leuten den Zugang zum Gymnasium verwehren müssen, ist das ein Armutszeugnis für das Top-Bildungsland Schweiz.» Vor der Wahl sei er noch belächelt worden, weil er gegen Bildungskürzungen einsetzte. «Es hiess, niemand wolle bei der Bildung sparen. Nun sieht das wieder ganz anders aus.»

Für Felix Müri, SVP-Nationalrat und Vizepräsident der Kommission, ist das Sparprogramm hingegen eine nachvollziehbare Korrektur. «In den letzten 20 Jahren haben sich unsere Bildungsausgaben verdoppelt.» Diese Entwicklung sieht er als Folge der Akademisierung. Immer häufiger brauche man in der Arbeitswelt einen Bachelor oder Master. «Das ist ja an sich auch nicht schlecht, aber wir müssen lernen, mit den bestehenden Mitteln auszukommen, anstatt immer mehr zu fordern.»

(the)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • L.S. am 27.11.2015 06:14 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    alle müssen sparen nur unsere Politiker nicht

    Die sollen mal bei ihren Gratis 1. Klass GA's, den Jetflügen, Limousinen etc sparen und doch nicht am wichtigsten Gut für unsere Zukunft. Die Bildung ist mit Abstand das wichtigste.

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  • Franz W. am 27.11.2015 06:18 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Kommentare zeigen es.

    Dass an der der Bildung nicht gespart werden darf, ja eher noch mehr in sie investiert werden muss, beweisen täglich viele Kommentare dieser Zeitung. Vielleicht auch dieser.

  • Bejhon am 27.11.2015 06:31 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Da wird mir schlecht...

    Hauptsache den Reichen und den Grossunternehmen Steuergeschenke machen und dafür sparen müssen. Da verstehe ich schon, dass man in der Bildung sparen will. Schliesslich würde die mehrheit des Volkes sonst merken, dass da etwas schief läuft.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Vater am 28.11.2015 23:01 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Schule

    Das Schweizer Schulsystem hat einen Fehler. Die guten Schüler müssen sich den Schwachen anpassen. Ich persönlich finde das eine Sauerei. Deswegen schicke ich meine Kinder auf eine Privatschule und verzichte auf viel. Meine Kinder sollen sich entfalten können und sich nicht langweilen im Unterricht.

  • G.V. am 28.11.2015 17:53 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Bitte nicht...

    Der Bildung geht es leider schon schlecht genug...

  • Alfonso Mayr am 28.11.2015 10:54 Report Diesen Beitrag melden

    Weg mit der Schulverwaltung

    In der Bildung muss nicht gespart werden, aber der aufgeblähte Verwaltungs-Wasserkopf muss ersatzlos gestrichen werden.

  • Aufklärer am 28.11.2015 09:58 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Asyl kostet - Schweizer muss sparen

    Steigende Kosten vor allem im Migrationsbereich sorgen für dieses Sparprogramm. Anstatt dass man einen Asylstop verfügt, wird bei der Bildung gespart. Gewisse Leute haben halt das Gefühl man kann immer mehr Leute aufnehmen und das kostet nichts. Eigentlich ein Skandal aber man macht nichts dagegen!

  • Prof. Dr. hc. Nonsens am 28.11.2015 09:03 Report Diesen Beitrag melden

    Ketzerisches Statement

    Nicht in der Bildung, aber im Drumherum sparen. Es gibt bald mehr Schulsozialpädagogen, Schulpsychologen, Sonder- und Extrasettings und ähnliches, als Lehrer. Kinder, welche auf dem Pausenplatz raufen, sind sofort verhaltensauffällig und werden "therapiert" usw. usf. Die ewigen Studenten abschaffen, Anforderungen an Matura erhöhen, strenge Zulassungstests zur Uni und schon sind Millionen frei für bildungswillige und -fähige.