Sexuelle Belästigung

04. April 2019 09:51; Akt: 04.04.2019 09:51 Print

Diese Grenzen sollten Lehrer nicht überschreiten

Darf ein Lehrer ein Verhältnis mit einer Schülerin haben? Ist Körperkontakt im Unterricht tabu? Diese Fragen wirft die Freistellung eines Kantilehrers auf.

Bildstrecke im Grossformat »

Zum Thema
Fehler gesehen?

Weil er gegenüber Schülerinnen «unangemessen kommunziert» habe, stellte die Kantonsschule Wettingen einen Deutschlehrer per sofort frei. Laut «Aargauer Zeitung» habe er anzügliche Sprüche gemacht und sei mit einer Schülerin in der Öffentlichkeit intim gewesen.

Der Fall wirft die Frage auf, wo die Grenzen zwischen einer professionellen Lehrer-Schüler-Beziehung und einem strafrechtlich relevanten Übergriff liegen. Dies lotete bereits der Lehrerverband in seinem Merkblatt «Persönliche Grenzen kennen und respektieren» aus.

Bei Abhängigkeit ist Beziehung tabu

«Sexuelle Handlungen mit Kindern und auch mit Jugendlichen über 16 Jahren, sofern eine Abhängigkeit durch ein Erziehungs- oder Betreuungsverhältnis besteht, sind verboten und strafbar», heisst es dort. Darunter fielen auch Handlungen wie unerwünschte Berührungen, aufdringliche oder herabwürdigende Gesten, aber auch anzügliche Bemerkungen, sexistische Sprüche oder das Vorzeigen von pornografischem Material.

Geht also ein Lehrer eine Beziehung zu einer Schülerin ein und nutzt seine Machtposition aus, riskiert er laut Strafgesetzbuch eine Freiheitsstrafe von bis zu drei Jahren oder Geldstrafe. Peter Hofmann, Jurist und Geschäftsführer der Fachstelle Schulrecht, nennt Beispiele: «Zu denken ist an Schulen an Situationen, bei der eine Schülerin oder ein Schüler von der Lehrperson geprüft wird, beispielsweise mündliche Lehrabschlussprüfungen oder Maturitätsprüfungen oder Empfehlungen für ein Auslandsemester. «Oder schlicht bei der Notengebung, vor allem wenn es um die Promotion geht.»

Auch Schule könnte aktiv werden

Aber auch grundsätzlich sei eine Beziehung zu einer derzeitigen Schülerin mit der Vorbildfunktion eines Lehrers nicht zu vereinbaren, sagt Hofmann. «Das ist ein No-Go.» Der Arbeitgeber könne laut Arbeitsrecht den Lehrer in einem solchen Fall verwarnen oder ihm gar künden.

Dem Wettinger Lehrer wird auch «unangemessene Kommunikation» mit Schülern vorgeworfen. «Anzügliche und peinliche Bemerkungen sind eine Form der sexuellen Belästigung», hält auch der Lehrerverband fest. Bereits der Ausdruck «Spätzli» zusammen mit anzüglichen, herabwürdigenden Blicken und Gesten sei heikel. «Eine gepflegte Sprache und eindeutige Kommunikation ist das Kapital jedes Lehrers», hält Peter Hofmann fest. Wer hier in den Sexismus abgleite, habe sein Vertrauen und seine Vorbildfunktion verspielt.

Ein weiterer Punkt, der im Merkblatt verhandelt wird, ist der Körperkontakt. Schüler berichten davon, der Wettinger Lehrer sei Mädchen wiederholt sehr nah gekommen. Berührungen aus Mitgefühl würden laut Gesetz nicht als sexuelle Belästigung eingestuft, heisst es im Merkblatt. Sobald aber die Lehrperson ihre Hand auf die nackte Haut lege, werde die Situation heikel. Und: «Falls die Schülerin von sich aus ein sehr enges Vertrauensverhältnis sucht und mehr vom Lehrer möchte, ist körperliche Nähe besonders heikel.»

Körperkontakt sei zu vermeiden

Der Verband rät darum: «Körperkontakte zwischen Lehrpersonen und Lernenden – sicher ab der Pubertät –, die über das Händeschütteln hinausgehen und eine gewisse Vertrautheit zwischen den Beteiligten voraussetzen, sind in der Regel zu vermeiden.»

(20M)