Angst vor der Justiz

13. Januar 2014 11:56; Akt: 13.01.2014 11:56 Print

Lehrer trauen sich nicht mehr auf Schulausflüge

von Christoph Bernet - Deutlich weniger Schulausflüge: Aus Angst vor Gerichtsverfahren bleiben Lehrer mit ihren Klassen häufiger im Schulzimmer. Das soll sich jetzt ändern.

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Schlittelnde Kinder: Die Lehrer getrauen sich seltener, mit ihren Klassen das Schulzimmer zu verlassen. Sie fürchten, bei Unfällen verurteilt zu werden. (Bild: Keystone/Walter Bieri)

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Lärmende Schulkinder jagen an einem schönen Wintertag zusammen mit ihren Klassenkameraden einen Schlittelhang hinunter: Dieses Bild könnte schon bald der Vergangenheit angehören. Stattdessen pauken Schulkinder immer häufiger in der sicheren Wärme des Schulzimmers. Auch Klassenausflüge ins Hallenbad werden seltener, ebenso wie Velotouren, Schlauchbootfahrten, Wanderungen in exponiertem Gelände oder nur schon eine Mittagspause an einem Flussufer während einer Schulreise, bestätigen verschiedene Experten.

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«Meine Kollegen prüfen Schulausflüge wesentlicher kritischer als früher und verzichten häufiger darauf, mit ihren Kindern das Schulzimmer zu verlassen», sagt Lilo Lätzsch, Präsidentin des Zürcher Lehrerverbands.

«Anwälte tauchen immer schneller auf»

Jürg Brühlmann, Chefpädagoge des Schweizerischen Lehrerverbands, bestätigt, dass immer mehr Lehrer mit ihren Klassen auf risikobehaftete Ausflüge verzichteten. Grund für diese Entwicklung seien Eltern und Richter, die von den Lehrern eine umfassendere Aufsicht über die Schüler forderten: «Wenn es um die Schule geht, tauchen immer schneller Anwälte auf. Die Schlinge wird enger.»

«Eltern überlegen sich rascher, ob sich die Lehrperson bei einem Unfall juristisch zu verantworten hat», sagt Lätzsch. Eine Verurteilung wegen eines Unglücksfalls sei ein Horrorszenario für jeden Lehrer. Lätzsch: «Wir Lehrer sind darauf angewiesen, dass sich die Schüler an unsere Anweisungen halten.» Wenn dies nicht geschehe, setzten sich die Schüler einem Risiko aus, für das die Lehrer nicht verantwortlich gemacht werden könnten. «Diese Tatsache wird von den Eltern leider immer weniger verstanden.»

Liberale Aufsichtspflicht

Nach zwei Badeunfällen im Jahr 2013 im Kanton Aargau, von denen einer tödlich endete, mussten sich die betroffenen Lehrer vor Gericht verantworten. 2007 wurde eine Lehrerin im Fall eines ertrunkenen Schülers vom Kantonsgericht zunächst für schuldig befunden. Es sei die Aufgabe der Schule, jeden Schüler jederzeit zu überwachen, so die Urteilsbegründung. Das habe viele Lehrer verunsichert, sagt Niklaus Stöckli, Präsident des Aargauer Lehrerverbands. «Viele meiner Kollegen verzichten darauf, gewisse Exkursionen durchzuführen, weil sie nicht bereit seien, das juristische Risiko zu tragen.» Das sei bedauerlich.

Bisher werde in der Schweiz die Aufsichtspflicht im Vergleich zum Ausland relativ liberal gehandhabt und den Schülern werde eine gewisse Selbstständigkeit zugestanden, sagt Jürg Brühlmann. «Im Südtirol dürfen nicht einmal Berufsschüler über 16 Jahre unbegleitet die Schule verlassen, um beispielsweise ein Interview zu führen.» Nun zeichne sich in der Schweiz eine ähnliche Entwicklung ab.

«Es braucht klare Regeln»

Dem will die Politik nun Abhilfe verschaffen: «Es braucht endlich klare Regeln», sagt der Aargauer SP-Grossrat Manfred Dubach, der laut der «Aargauer Zeitung» einen entsprechenden Vorstoss eingereicht hat. Zumindest bei Badeausflügen sollen klare Richtlinien ausgearbeitet werden, damit den Lehrern die rechtlichen Bedenken genommen würden. So brauche es kantonsweit geltende, verbindliche Vorgaben über die Mindestanzahl Begleitpersonen und über die Vorkehrungen, die Lehrpersonen vor Badeausflügen zu treffen hätten.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • lapos am 13.01.2014 13:31 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    übervorsichtig

    gottsei dank bin 1985 geboren und durfte das privileg haben an schulausflügen teilzunehmen. an die eltern von heute: hört auf so übervorischtig zu sein! ist ja fast schon lächerlich.

  • Peter Hess am 13.01.2014 12:24 Report Diesen Beitrag melden

    Ja diese Eltern

    Das einzige was stört sind die Eltern! Sie möchten ihre Kinder in Watte packen. Man fährt sie mit dem Auto in die Schule, begleitet sie immer und überall hin. Wie soll sich so ein Kind auf das Leben vorbereiten? Arme Kinder, überforderte Elzern.

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  • Lukaz84 am 13.01.2014 12:31 Report Diesen Beitrag melden

    Erziehung

    Es wird allgemein zuviel Verantwortung an die Lehrer abgeschoben. Früher hat man einfach versagt wenn man schlechte Noten nach Hause brachte, heute werden von den Eltern gleich die Lehrer und die Lehrmethoden hinterfragt. "Unser/e Cheyenne-Mia oder Lasse-Kevin sind doch nicht schlecht in der Schule, das geht doch nicht..."

Die neusten Leser-Kommentare

  • Roman Bachmair am 14.01.2014 10:49 Report Diesen Beitrag melden

    Verfehlte Erziehung, fehlender Anstand

    Ich kann den einen und anderen Kommentatoren nur beipflichten, wir hatten eben wirklich noch Respekt und Anstand gegenüber den Lehrern und somit hat man sich auch nicht alles erlaubt, was heute sicher nicht mehr so ist. Wir hatten wunderschöne Schulausflüge bzw. Reisen und dies sollte auch den heutigen Jugendlichen nicht vorenthalten werden. Das Problem sind eben auch die Eltern, welche sofort bei einer Kleinigkeit im Schulzimmer stehen. Wir mussten unsere Probleme selber lösen und bekamen sogar noch heisse Ohren, wenn wir zu Papa "täderlen" gingen.

  • Daniel H. am 14.01.2014 09:44 Report Diesen Beitrag melden

    Die Angstgesellschaft

    Wir leben in einer Anggesellschaft, besonders Eltern haben Angst um Ihre Kinder, das Ihnen was passieren könnte, ein Sturz hier, eine Schramme dort. Früher hat kein Hahn danach gekräht. Heute bekommen Kinder eine Volle Schutzausrüstung angelegt, wenn Sie draussen Spielen wollen. Auf einen Baum klettern " VERBOTEN " usw. zum " Schutz " wird einfach alles Verboten, was in den Augen der Eltern eine Gefahr ist. Zudem MUSS es immer einen Schuldigen geben, wenn denn mal was Passiert! Und wenn der Beitzer des Baumes Schuld ist, das Ihr Kind vom Baum runter gefallen ist. Freie Kindheit ??

  • kyo92 am 14.01.2014 05:34 Report Diesen Beitrag melden

    Schaft doch gleich alles ab

    Schaft doch gleich alle ausflüge, Sportanlässe, klassenlager und alle anderen aktivitäten die auserhalb des Schulszimmer statt finden ab, weil die Lehrer Angst haben wegen eines kratzers gleich verklagt zu werden. Die Kinder freuen sich doch genau auf solche Sachen, in ein Museum zu gehen, raus aus dem Klassenzimmer um in der Natur die Dinge hautnahe zu erleben anstatt aus einen Buch. Denn so verstehen sie es auch viel besser. Ich habe mich immer auf diese Ausflüge gefreut und es liegt auch an den Eltern, den Kinder bei zu bringen, wie man sich auf einen solchen ausflug zu verhalten hat.

  • Bangkoker am 14.01.2014 04:11 Report Diesen Beitrag melden

    Kennen die Grenzen nicht mehr.

    Eines der Probleme ist auch, dass die Kinder keine Grenzen mehr kennen. Sie hocken zuhause und spielen mit dem PC oder dem Pad, in den Wald oder an einen Bach dürfen sie nicht mehr. Kommen sie mit dreckigen Hosen nach Hause werden sie getadelt. Ja wie soll da ein Kind noch wissen, wo die Gefahrenzone ist. Und über die Rechtsverdreher schreibe ich besser nicht.

  • junge mami am 13.01.2014 23:09 Report Diesen Beitrag melden

    wo leben wir

    halloo zusammen ich bin selber mami. ich kann es nicht verstehen wie heutzutage die eltern denken. ein unfall kann auch den eltern passieren. aber ich denke viele eltern unternehm nichts mehr mit den kindern 80% der kinder sitzen zu hause am gamen oder vor dem fernsehern. ich arbeite in einem sportfachgeschäft es kommen eltern wo grosse anforderungen aufbringen ein wanderschuh muss für sie volle sicherheit bieten. und klagen sich warum die kinder in den wald müssen. ich bin eine sehr junge mutter aber ich habe von jeder lehrperson das kompliment bekommen ihr kind ist ein traumkind