Primarschule

11. September 2014 11:01; Akt: 11.09.2014 11:15 Print

Lehrer wollen Frühenglisch als Freifach

Frühenglisch als Pflichtfach soll gestrichen, Frühfranzösisch beibehalten werden. Dieser Meinung sind die kantonalen Lehrerverbände. Zwei Frühfremdsprachen würden zu wenig Erfolg bringen.

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Der Kanton Thurgau will das Frühfranzösisch abschaffen. In der Deutschschweiz (grün) hat Englisch als Fremdsprache Französisch längstens verdrängt. In den Grenzkantonen zur Romandie (rot) jedoch ist Französisch nach wie vor die erste Wahl. Quelle: Eidgenössische Konferenz der Erziehungsdirektoren, EDK. Hans-Ulrich Bigler, der Direktor des Schweizerischen Gewerbeverbandes, fordert nun, dass Französisch die erste Fremdsprache für Deutschschweizer Kinder bleibt. Der Grund: «Französisch hat bei der Schweizer KMU-Wirtschaft eine hohe Bedeutung.» Swissmem, der Verband der Maschinen-, Metall- und Elektroindustrie stimmt Bigler zu: «Das Erfolgsmodell Schweiz basiert auf dem Willen aller Landesteile, zusammen diese Nation zu tragen. Eine wichtige Brücke zwischen den Landesteilen ist die Fähigkeit, die Sprache der anderen zu sprechen.» Der Nationalrat hatte im August das Thema bereits ausführlich diskutiert. Für den Walliser SP-Nationalrat Mathias Reynard ist die Abschaffung des Frühfranzösisch im Thurgau eine «intolerale Attacke gegen eine sprachliche Minderheit». Auch die Waadtländer GLP-Nationalrätin Isabelle Chevalley sah mit der Abschaffung des Frühfranzösisch den nationalen Zusammenhalt gefährdet: «In der Schweiz sollen unsere Kinder sich doch in einer Landessprache verständigen können.» Auch die ehemalige Primarlehrerin und Fribourger CVP-Nationalrärin Christine Bulliard-Marbach forderte mehr Toleranz gegenüber der französischen Sprache: «In der Deutschschweiz ist man sich oft zu wenig bewusst, wie es um die Befindlichkeit der Romandie steht.» «Das Frühfranzösisch war eine Alibi-Übung und hat den Röstigraben um keinen Millimeter verkleinert»: Die Thurgauer SVP-Nationalrätin Verena Herzog empfand die Kritik der Romands als übertrieben. Dem widersprach Christoph Eymann, Präsident der Kantonalen Erziehungdsirektorenkonferenz: «In der Schule lernen die Schüler ja nicht nur Französischwörtchen, sondern sie sollen auch die Kultur unserer Landesteile kennenlernen.»

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Die kantonalen Lehrerverbände wollen nur noch eine obligatorische Fremdsprache in der Primarschule, und zwar eine Landessprache. Der Entscheid in einer Konsultationsabstimmung an der Präsidentenkonferenz am Mittwochabend fiel überraschend.

«Wir haben uns nach längerer Diskussion spontan zu einer Konsultationsabstimmung entschieden, um herauszufinden, wie die Meinungen sind», sagte Jürg Brühlmann, Leiter Pädagogische Arbeitsstelle beim Lehrerdachverband LCH. Der Entscheid sei dann mit nur einer Gegenstimme auch überraschend deutlich ausgefallen.

Definitiv ist die Haltung der Lehrerverbände aber noch nicht. Die Westschweizer und die Deutschschweizer Lehrervertreter werden je an ihren Präsidentenkonferenzen im November eine Abstimmung durchführen. Verbindlich ist die Stellungnahme der Lehrer zwar auch dann nicht. «Wir gehen aber davon aus, dass die Politik unsere Stellungnahme ernst nimmt», sagte Brühlmann.

Lehrer sind frustriert

Bisher hat sich der Lehrerverband für zwei Frühfremdsprachen starkgemacht. Er forderte jedoch seit Jahren, gewisse Bedingungen müssten eingehalten werden. Dazu gehört etwa die Forderung nach mehr Lektionen für die einzelnen Sprachen.

«Bei der Diskussion am Mittwoch hat sich gezeigt, dass viele Lehrer frustriert sind. Viele Kantone sparen im Bildungsbereich, bessere Bedingungen zeichnen sich nicht ab.» Der Tenor sei klar gewesen: «Zwei Frühfremdsprachen unter den heutigen Voraussetzungen bringen zu wenig Erfolg», sagte Brühlmann.

Klares Votum für Frühfranzösisch

Deutlich sei auch geworden: Eine grosse Mehrheit will das Frühfranzösisch beibehalten und dafür Frühenglisch als Pflichtfach in der Primarschule streichen. Für das Fach Französisch sollen dafür statt wie heute meist zwei neu drei bis vier Lektionen zur Verfügung stehen.

Der Präsident des Westschweizer Lehrerverbandes, Georges Pasquier, habe in letzter Zeit mehrmals an Sitzungen des Deutschschweizer Lehrerverbandes teilgenommen. Das habe die Stimmung sicher beeinflusst, sagte Brühlmann.

Die Lehrerverbände wollen das Frühenglisch aber nicht ganz aus den Primarschulen verbannen. Die Idee ist, dass Englisch als Wahlpflichtfach oder Freifach angeboten wird. Sonst bestehe die Gefahr, dass sich gutbetuchte Eltern Privatunterricht für ihre Sprösslinge leisten, während andere Kinder leer ausgingen, so Brühlmann.

Bei einem solchen Modell würden die Schüler mit sehr unterschiedlichen Englischkenntnissen in der Oberstufe starten. «Wir wissen noch nicht im Detail, wie die Schule damit umgehen könnte. Eine einfache Lösung gibt es beim Thema Fremdsprachenunterricht ohnehin nie», sagte Brühlmann.

Mit dem freiwilligen Englischunterricht auf Primarstufe wäre auch ein weiteres Problem gelöst: Die aufwändige Englischausbildung der Primarlehrer wäre nicht umsonst gewesen.

Thurgau löste Debatte aus

Angestossen hat die aktuelle Diskussion über Frühfremdsprachen der Kanton Thurgau. Mitte August hatte das Kantonsparlament entschieden, Französisch erst ab der Sekundarstufe zu unterrichten. Die Nidwaldner Regierung stimmte kurz darauf einer SVP-Initiative mit gleicher Forderung zu. Im Kanton Graubünden ist eine ähnlich lautende Volksinitiative im vergangenen November zustande gekommen. Im Kanton Luzern ist die Unterschriftensammlung noch im Gang.

An der Präsidentenkonferenz vom Mittwochabend meldeten sich auch Lehrervertreter aus den betroffenen Kantonen zu Wort. «Sie sagten ganz deutlich, dass es ihnen nicht primär darum gehe, das Frühfranzösisch abzuschaffen. Sie wollten aber klar nur noch eine obligatorische Fremdsprache in der Primarschule», sagte Brühlmann.

(sda)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • besorgter bürger40 am 11.09.2014 11:27 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    nur weiter so

    ..wie wärs mit dem ganzen programm.sprich französisch,italienisch,englisch und dazu rätoromanisch und das alles ab der ersten klasse? Mit der täglichen dosis RITALIN für ALLE kinder wäre das sicher kein problem!! Wir haben sonst schon eine der höchsten suizidraten bei jugendlichen!! Ich hatte erst in der ersten sek. französisch und ab der zweiten englisch und italienisch freiwillig. Muss dieser druck wirklich sein?

    einklappen einklappen
  • Lady C am 11.09.2014 11:19 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Englisch ist besser

    Es ist den Lehrern aber schon bewusst, dass man in der Welt mit Englisch besser durchkommt als mit Französisch, oder? Meine Tochter hat jetzt das dritte Jahr Englisch und neu mit Französisch angefangen - und KEIN Problem damit. Ich weiss, dass das bei vielen Kindern überhaupt nicht gut funktioniert, aber sollen dann "vifere" Kinder einfach noch 2-3 Lektionen zum bereits vollen Stundenplan dazu nehmen? Das ist auch nicht unbedingt ein guter Anreiz. Mit meinen ehemaligen Arbeitskollegen in der Romandie haben wir auch immer englisch gesprochen - sie konnten zuwenig deutsch und ich zuwenig franz.

  • Ey Monn am 11.09.2014 11:28 Report Diesen Beitrag melden

    non scolae sed vitae discimus

    Früh-Englisch oder Früh-Informatik würde dieser Maxime eher entsprechen, wenn nur die Staatsraison nicht wäre. Wir lernen schliesslich fürs Leben und nicht für die Schule. Aber Frühfranzösisch bringt weder den Zusammenhalt der Schweiz, noch rettet sie die Frankophonie.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Später aber intensiv! am 12.09.2014 07:47 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Andy

    Es verhält sich - so meine Meinung - mit dem Frühenglisch genauso wie mit Französisch: Lieber etwas später (Oberstufe) dafür richtig. Ich denke da an 4 bis 5 Lektionen in der Woche pro Sprache. Der Lerneffekt und somit der Nutzen für die Kinder wäre um ein Vielfaches grösser. Die Lehrlinge in unserem Betrieb, alles Informatiker Richtung Systemtechnik, sprechen, lesen und schreiben allesamt sehr schlecht Englisch. Dies obwohl sie alle 2 Jahre länger Englischunterricht hatten als ich. Ich würde mich gern positiv überraschen lassen - bis jetzt Fehlanzeige. Das spricht nicht wirklich für's System

  • Markus W. am 12.09.2014 06:22 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    An der Wirtschaft vorbei

    Unsere CH-JEKAMI Politik, schadet nicht nur den Kindern, sondern auch der Wirtschaft... Hier werden wieder mal "alte Zöpfe" politisch aufrecht erhalten, welche in der Wirtschaft schon längst nicht mehr funktionieren!!! Überlegt Euch doch nur mal, wieviel wir von woher importieren und wohin wir exportieren??? Und dann soll mir doch mal jemand erklären, weshalb unsere Kinder als erste Fremdsprache französisch lernen sollen???

  • Patrick am 11.09.2014 22:54 Report Diesen Beitrag melden

    Französisch ist für die Katz!

    Französisch ist für die Katz! Mit fast der ganzen Welt kann man Englisch reden, nur nicht mit den Romands. Ich habe noch nie den Eindruck gehabt, dass die 12 Jahre Französisch, die ich gelernt habe, mich den Welschen auch nur ein Stückchen nähergebracht hat. Mit Englisch habe ich mit Personen von allen Kontinenten erfolgreich kommuniziert. Es wird Zeit, dass das die Träumer-Lehrer einmal kapieren.

  • Kim Possible am 11.09.2014 22:50 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Nicht als Zwangsfach

    Französisch ja, aber nur als Freifach.

  • pius am 11.09.2014 21:43 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Wahlfach

    Am besten wäre wenn die Schüler und die Eltern selber entscheiden können welche Sprache sie lernen. Englisch, Italienisch, Räterromanisch. oder halt Franz.