MH17-Horror

24. Juli 2014 08:07; Akt: 24.07.2014 11:00 Print

Leichen identifizieren – wie hält man das aus?

von Gabriel Brönnimann - 298 Tote forderte der Katastrophenflug MH17 – nun beginnt die schwere Arbeit, die Identität der Opfer festzustellen. Der Schweizer Experte Christian Zingg erklärt, wie das geht.

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Herr Zingg, Sie sind stellvertretender Geschäftsleiter des Schweizer DVI-Teams, das bei Katastrophenfällen Leichen identifiziert. Können Sie kurz erzählen, wie das Team aufgebaut ist?
Christian Zingg: Das DVI ist eine interkantonale Organisation, die aus Kriminaltechnikern, Rechts- und Zahnmedizinern sowie Ermittlerin der kantonalen und städtischen Polizeikorps, des Bundes und der Institute für Rechtsmedizin besteht. Ich bin Leiter des kriminaltechnischen Dienstes der Kapo Bern und seit 2010 beim DVI-Team.

Dann haben Sie auch schon den einen oder anderen Grosseinsatz mitgemacht.
Aktiv dabei war ich zum Beispiel beim Carunfall im Wallis 2012, und mehrmals bei kleineren DVI-Vorbereitungen im Kanton Bern.

Wenn nach einer Tragödie wie Flug MH17 in der Ukraine Leichen tagelang in der Hitze liegen bleiben – erschwert das eine Identifikation nicht sehr?
Grundsätzlich ist es so, dass Leichen, die länger liegenbleiben, selbstverständlich immer noch identifiziert werden können. Auch dann noch, wenn nur noch das Skelett übrig bleibt.

Ab welchem Zustand wird eine Identifikation unmöglich?
Das lässt sich nicht abschliessend sagen. Der Schwierigkeitsgrad erhöht sich natürlich, je schlechter der Zustand ist. Aber ich würde sagen: Man findet immer wieder eine neue Möglichkeit zur Identifikation.

Wie sieht der typische Arbeitsort Ihres Teams aus?
Idealerweise ist das ein pathologisches Institut oder eine andere Stelle, die von der Infrastruktur her darauf vorbereitet ist, ein Krematorium oder ein Leichenhaus. Im schlimmsten Fall ist es einfach eine Halle mit Tischen.

Welche wissenschaftlichen Methoden zur Identifikation wenden Sie an?
Ganz verschiedene. Fingerabdrücke, DNA-Proben, Gebissabdrücke – all das kommt in Frage. Deshalb bestehen die Teams aus Kriminaltechnikern, Zahnärzten und Rechtsmedizinern.

Wie kann denn jemand – zum Beispiel ein Kind – aufgrund seines Fingerabdrucks identifiziert werden? Oder mittels DNA, wenn die noch nie erfasst wurde?
Die Möglichkeiten werden immer je nach den vorhandenen Umständen gewählt. Manche Länder erfassen Fingerabdrücke in biometrischen Pässen. Die Hauptarbeit der eigentlichen Identifikation ist am Ende eine grosse Vergleichsarbeit aus Post- und Ante-mortem-Untersuchungen, also Untersuchungen, die nach Eintritt des Todes gemacht werden, und solche, die Dinge betreffen, die den Zeitpunkt vor dem Tod betreffen.

Können Sie konkrete Beispiele nennen?
Nehmen wir den Zahnabdruck: Das DVI-Team nimmt ihn von der verstorbenen Person, während in den Herkunftsländern andere Untersuchungsbehörden vor Ort, zum Beispiel aufgrund von Passagierlisten, die Zahnabdrücke der Flugpassagiere bei Zahnärzten besorgen. Bei DNA-Tests nehmen Experten von Verwandten DNA-Proben – diese können nach einem Vergleich ebenfalls den Beweis der Identität eines Verstorbenen liefern.

Eine grosse Detektivarbeit mit vielen Daten.
Ja. Bei so einem Ereignis wird alles erfasst, die Daten kommen in ein ID-Zentrum, wo sie ausgewertet und verglichen werden. Deshalb kann das auch lange dauern. Alles braucht Zeit: Die Arbeit mit den Leichen, das aktive Sammeln des Ante-mortem-Materials der verschiedenen Behörden und die grosse Vergleichsarbeit.

Die visuelle Identifikation spielt gar keine grosse Rolle mehr?
Der Beweiswert der so genannten «Anerkennung», also der Identifikation einer verstorbenen Person durch ein Familienmitglied, ist geringer. Und man verhindert mit diesem Vorgehen auch, dass Angehörige sich Hunderte von Leichen anschauen müssen.

Aber die meisten Trauernden wollen doch sicher ihre verstorbenen Liebsten sehen?
Ja, in der Regel ist das ein Bedürfnis, ein wichtiger Teil des Abschiednehmens, Verarbeitens und Abschliessens.

Wie ist denn da die Reihenfolge? Dürfen die Angehörigen jetzt zu den Opfern? Oder erst nach der Identifikation? Oder rät man ihnen je nachdem ganz davon ab?
Das ist von Fall zu Fall anders und kommt auf viele verschiedene Faktoren an. Auch kulturelle Faktoren sind dabei extrem wichtig. Deshalb ist es auch wichtig, dass jeweils die lokalen Behörden entscheiden, wie das genau vor sich zu gehen hat. Das weiss ich im aktuellen Fall nicht.

Als Mensch, der in seinem Alltag nicht jeden Tag so unmittelbar mit dem Tod konfrontiert ist, kann man sich kaum vorstellen, wie diese Arbeit für Sie und Ihr Team auszuhalten ist – gerade bei Grossereignissen. Wie hält man das aus?
Da möchte ich vorausschicken: Ein Grossereignis ist für alle immer etwas Spezielles. Die Umstände, der Druck, die Masse, die schiere Anzahl von Toten – das ist wie eine andere Ebene, schwer in Worte zu fassen. Wir sind mehrheitlich Kriminaltechniker und Rechtsmediziner, sprich, oft mit Todesfällen konfrontiert, auch mit unnatürlichen. Insofern haben wir gelernt, eine objektive Distanz zu entwickeln, damit wir professionell arbeiten können. Ohne diese Distanz würde es nicht gehen. Die Verarbeitung ist etwas sehr Individuelles, das macht jeder auf seine Art. Wir alle haben das Glück, in Organisationen des Miliz-Systems zu sein – Polizei etc. – die bei Bedarf ein grossartiges Netz von Hilfe und Support bieten.

Sie sagen, die Verarbeitung sei sehr individuell – betonen aber gleichzeitig die Wichtigkeit des Rückhalts in der Gruppe.
Selbstverständlich, ganz genau. Die Gruppendynamik des Teams im Einsatz vor Ort, die ist das Wichtigste. Man unterstützt sich gegenseitig in absoluten Extremsituationen, gibt sich Halt – das hilft auch, die Professionalität und Distanz wahren zu können.