Umfrage

23. September 2019 07:56; Akt: 23.09.2019 07:56 Print

Macht die Schule zu wenig fit für die Lehre?

von P. Michel - Die meisten Lernenden sind zufrieden mit ihrem Job. Beim Übertritt sahen sich viele von der Schule aber zu wenig unterstützt.

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Habe ich den richtigen Beruf gewählt? Komme ich mit meinem Chef klar? Oder hätte ich doch noch eine weitere Schnupperwoche in einem anderen Job wagen sollen? Diese Fragen sorgen jedes Jahr bei Tausenden Lernenden zu Lehrbeginn – und vereinzelt auch noch später in der Ausbildung – für Nervosität.

Meist können die angehenden Berufsleute aber rasch aufatmen: 77 Prozent der Lernenden sind nämlich völlig oder eher im Wunschberuf angekommen und würden wieder eine Lehre machen, wie eine Befragung von über 3100 Lernenden der Plattformen yousty.ch und professional.ch zeigt.

Auch die Zufriedenheit ist insgesamt hoch: Sie beträgt auf einer Skala von 1 (sehr niedrig) bis 5 (sehr hoch) durchschnittlich 3,81. Am glücklichsten sind Lernende aus den Branchen Banken und Versicherungen, Chemie und Pharma sowie Lebensmittel. Zentral für zufriedene Lernende sind Respekt und gutes Arbeitsklima (siehe Box).

«Engagement der Lehrer variiert stark»

Weniger gut kommen die Lehrer in der Oberstufe, die die jungen Erwachsenen vor Lehreintritt betreut hatten, weg. 41 Prozent geben an, sie seien von den Pädagogen zu wenig gut auf die Lehre vorbereitet worden. Dabei gehe es um Unterstützung beim Verfassen von Bewerbungen, das Aufgleisen von Schnupperlehren oder auch mal einer Intervention des Lehrers, wenn er findet, mit dem gewählten Beruf überschätze sich der Schüler, sagt Urs Casty, Geschäftsführer von Yousty.

«Es wird an den Schulen zwar mehr unternommen, aber es gibt leider auch solche Lehrer, die finden: Es hat jetzt genug Lehrstellen, und die Schüler oder die Fachstellen der Berufsberatung sollen selber schauen.»

Lehrer sollen selbst in die Schnupperlehre

Das Problem: Schüler, die auch in der Familie keine Hilfe bei der Berufswahl erhalten, geraten in den Rückstand – und sind auch eher beim Start der Lehre unzufriedener, wie die Zahlen der Umfrage belegen. Casty schlägt deshalb vor, auch die Lehrer selbst in die Schnupperlehre zu schicken: «So sehen auch Lehrer ohne Erfahrung in der Privatwirtschaft, was die Betriebe von den Schülern erwarten.»

«Viele Lehrpersonen kommen aus Akademikerfamilien und wissen nicht so recht, was genau in der Berufslehre verlangt wird», sagt auch Erziehungswissenschaftlerin Margrit Stamm. Junge Lehrkräfte seien theoretisch gut ausgebildet, hätten dann aber mit spezifischen Fragen, etwa wie die Privatwirtschaft funktioniere, Mühe.

Wenig Interesse für Anliegen der Wirtschaft?

Auch wenn «Berufsorientierung» im Lehrplan 21 aus ihrer Sicht «eine wichtige Rolle» spielt, setze heute noch jeder Lehrer andere Prioritäten, sagt Stamm. Sie plädiert dafür, die Auseinandersetzung mit der Berufswahl bereits in der 5. oder 6. Klasse zu beginnen. Neben Pünktlichkeit, Ordnungssinn und Pflichtgefühl seien auch Stressresistenz und Hartnäckigkeit zu vermitteln.

Die Lehrer indes wehren sich. «Wir geben uns Mühe, auch den Bedürfnissen der angehenden Lernenden gerecht zu werden», sagt Daniel Kachel, Präsident der Sekundarlehrkräfte des Kantons Zürich. Gerade in der Sek A, wo viel Stoff für den Gymi-Übertritt vermittelt werden müsse, sei dies aber ein «Spagat»: «Wer mehr in die Berufswahl investiert, gerät mit anderen Fächern ins Hintertreffen.» Mit dem Lehrplan 21 gebe es aber dann immerhin eine fixe Wochenstunde für die «Berufsorientierung».

Tieferes Einschulungsalter

Dass Lernende sich von der Lehrerschaft zu wenig unterstützt sahen, liegt laut Kachel auch am abnehmenden Einschulungsalter. «Viele Jugendliche sind in der zweiten Oberstufe noch nicht reif für die Berufswahl.» Diese und weitere Fragen erörtere bald eine Arbeitsgruppe im Kanton Zürich, die sich mit dem Übertritt von der Sekundarstufe I in die Lehre befasse, so Kachel.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • X.Y. am 23.09.2019 08:13 Report Diesen Beitrag melden

    Einfach...

    Ich bin selber Oberstufenlehrer und würde behaupten, dass ich meine Schülerinnen und Schüler in der Berufswahl gut unterstütze und für sie da bin. Aber gewisse Gruppen/Eltern machen es sich doch schon ganz einfach. Was sollen wir Lehrer denn noch alles machen?! Von uns wird erwartet, dass wir die Kinder erziehen, was leider zuhause oft zu wenig geschieht und dann sollen wir bei unzufriedenen Schülern in Bezug auf die Berufswahl auch noch Schuld sein? Für was gibt es denn Bitteschön noch die Eltern!?

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  • Heidi77 am 23.09.2019 08:15 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    mit 13...

    also ich habe mit 13 jahren bestimmt nicht gewusst was ich werden wollte. dass sich meine eltern zu dem zeitpunkt scheiden liessen, ich meine periode zum ersten mal bekommen hatte, mich ein junge nervös machte und ich mich mal kennenlernen musste, intressierte niemanden. mit 13 weiss man einfach NICHT was man beruflich lernen will!

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  • Schuggi0 am 23.09.2019 08:17 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Wie wäre es mit Eigenverantwortung

    Und wo bitte bleibt noch die Eigenverantwortung rsp. die der Eltern? Bin absolut kein Fan der Lehrer aber tragisch was alles auf sie abgeschoben wird!!!

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Jule am 24.09.2019 12:54 Report Diesen Beitrag melden

    Nein, die Schule trägt keine Schuld.

    Ich denke nicht, dass die Schule wenig tut. Ich denke eher zu einer Umdenken dem Schüler/in. Sicher trägt die Schuld unser Mediatechnologie. Neu, schnell, ohne Zukunft. Die Gesellschaft ist zu ektisch geworden. Die jungen Menschen sind so von I-Tech absorviert, dass gar keine Zeit haben um zu denken... oder einigen wollen gar nicht denken, für das gibt es Google! Man kann nicht an den Lehrer und die Schule immer Schuld geben. Die Schüler müssen selber aktiv sein.

  • Gabriel am 24.09.2019 08:48 Report Diesen Beitrag melden

    Wir brauchen ein neues System

    Die Lehrer können nichts dafür, man müsste das System ändern. Es kann doch nicht sein, dass ein Kind sich mit 13 schon bewerben und mit 15 Jahren arbeiten muss. Das ist und bleibt in meinen Augen Kinderarbeit. Zudem sind die Fächer an den Schulen nicht mehr zeitgemäss. Heute machen extrem viele Schüler eine KV- oder Informatiklehre. Wieso muss ein Informatiklernender Französisch können und ein KV-Lernender werken? Man sollte viel spezifischer unsere Kinder ausbilden.

  • Sandra am 24.09.2019 08:27 Report Diesen Beitrag melden

    Fächer anpassen

    Es fängt leider schon bei den Fächern an. Man sollte schon viel früher Wahlfächer belegen können. Ich habe nach der Sekundarschule eine KV-Lehre begonnen, hatte aber keine Ahnung von Wirtschaft - jedoch kann ich fehlerfrei einen Satz des Pythagoras berechnen (Geometrie). Bei mir in der Klasse haben rund 70% der Schüler eine KV-Lehre absolviert und niemand wusste wirklich worauf sie sich einlassen.

  • Sandra am 24.09.2019 05:43 Report Diesen Beitrag melden

    zählt denn nur das Funktionieren als Rädchen im Ge

    Herrgottnochmal, die Schule soll für das LEBEN fit machen. Nicht für die Lehre oder dafür, als unsägliches Rädchen im Maschinenlaufwerk unterzugehen. Schule soll auch Freude, Glück, Begeisterung vermitteln. Die Schüler sollen primär sich selber kennenlernen. Nett wenn sie Selbstvertrauen gewinnen, sich neue Kompetenzen aneignen, Selbständigkeit erlernen.

  • Frage ich am 24.09.2019 03:03 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Systemfehler

    Berufswahl ist Affentheater und Krampf. Schweizer Schule ist sowieso fragmentarisch, absurd. Nur Stoff -Bulimie.Lehrer, geht schauen wie man es anderswo lernt.