«Berufsfremde Arbeit»

13. Februar 2020 04:48; Akt: 13.02.2020 09:07 Print

Lernende nerven sich über Hilfs-Jöbli

von P. Michel - Kaffee bringen, Ferien buchen für den Chef, WCs putzen: Chefs verknurren Lernende oft zu Hilfsarbeiten. Gewerkschafter fordern mehr Kontrollen durch die Kantone.

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Die Unia kritisiert, dass Lernende allzu oft für «berufsfremde Arbeiten» eingesetzt werden. Dabei verknurren Berufsbildner Lernende etwa ständig zum Kaffee holen, WCs putzen oder gar Ferien buchen. Natürlich könne es vorkommen, dass Lernende mal Kaffee bringen müssten, sagt Kathrin Ziltener von der Unia. «Aber solche Arbeiten müssen in einem Verhältnis stehen. Lernende müssen solche auch laut Gesetz nicht häufiger übernehmen als andere Mitarbeiter.» Sie fordert deshalb, dass die Berufsinspektoren der Kantone ihre Kontrollen intensivieren und Beschwerden von Lernenden konsequent nachgehen. Die Berufsbildungsämter sehen jedoch keinen Handlungsbedarf. «Wir haben im Moment keine Anzeichen, dass es mehr Kontrollen braucht», so die Bildungsdirektion des Kanton Berns. Die Bildungsdirektion des Kantons Zürich unternimmt selbst keine Kontrollen und führt auch keine Statistik über solche Beschwerden. Auch der Kanton Luzern wird nur aktiv, wenn sich Lernende melden. «In einem Kleinbetrieb sind die ‹Ämtli› meistens verteilt und dann kann Kaffee holen auch mal eines davon sein. In den meisten Fällen wird eine Lösung gefunden, die beiden Seiten entspricht», sagt Sprecherin Sandra Kilchmann. Zahlen hat auch Luzern nicht. Kilchmann betont, es komme immer wieder vor, dass man bei «gravierenden Qualitätsmängeln die Bildungsbewilligung den Lehrbetrieben entziehen muss. Dann ist das Kaffeeholen jedoch das kleinere Problem.» Auch der Arbeitgeberverband wehrt die Forderungen der Unia ab: «Die Politik vertraut seit langem zu Recht darauf, dass die Arbeitgeber gute Ausbildner und Mentoren für junge Menschen sind, damit sie fit für einen sich wandelnden Arbeitsmarkt werden», sagt Sprecher Fredy Greuter.

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«Lehrjahre sind keine Herrenjahre»: Diese Binsenwahrheit müssen viele Lernende beim Einstieg in die Berufswelt am eigenen Leib erfahren. Einige Berufsbildner treiben es jedoch auf die Spitze: Die Jugendsektion der Unia erhält regelmässig Beschwerden von Lernenden, die Arbeit aufgehalst bekommen, die nichts mit ihrem Lehrberuf zu tun hat. Für 20 Minuten hat Jugendsekretärin Kathrin Ziltener einige aktuelle Fälle gesammelt (siehe Box).

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Die Beispiele

An Kundenterminen nur Kaffee bringen
Eine KV-Lernende in einem kleinen Buchhaltungsbetrieb war bei jedem Kundentermin dafür zuständig, Kaffee zu bringen. «An der Besprechung mit dem Kunden selbst war sie jeweils nicht dabei, sie lernte den Umgang mit Kunden also nicht», sagt Ziltener.

Ferien buchen für den Chef
Ein anderer KV-Lernender hatte die Aufgabe gefasst, private Arzttermine des Berufsbildners zu koordinieren oder auch gleich dessen Ferien zu buchen, wie Ziltener berichtet. Auch Einkäufe für die Frau des Chefs hätten zum Pflichtenheft gehört.

Täglich die WCs putzen
Eine angehende Drogistin habe jeden Tag die WCs des Geschäfts reinigen müssen. «Natürlich können Lernende diese Arbeit auch mal machen – aber in diesem Ausmass geht das nicht», so Ziltener.

Essen holen
«Ein angehender Kaufmann musste jeden Tag Znüni und Zmittag für die Kollegen holen», berichtet die Unia. «Das ist pure Schikane, wenn es immer nur den Lernenden trifft.»

Wände streichen
Ebenfalls wenig mit dem Berufsinhalt hatte eine Aufgabe zu tun, die einem KV-Lernenden aufgetragen wurde: Er musste die Wände des Pausenraums neu streichen.

Zum Schluss, dass Lernende «vermehrt für produktive Arbeiten eingesetzt würden, die sonst von ungelernten Mitarbeitenden erledigt werden», kommt auch das Eidgenössische Hochschulinstitut für Berufsbildung EHB in seiner neuen Studie zum Nutzen der Berufsbildung. Dafür würden die Lernenden «etwas weniger für produktive Tätigkeiten eingesetzt, die sonst von Fachkräften erledigt werden müssten.» Um welche Arbeiten es sich genau handelt, weist die Studie nicht aus. Die Experten warnen aber: «Eine solche Entwicklung wäre bildungspolitisch nicht erwünscht, weil die Lernenden für ihre spätere Tätigkeit als Fachkraft ausgebildet werden sollen.»

Natürlich könne es vorkommen, dass Lernende mal Kaffee bringen müssten, sagt Ziltener. «Aber solche Arbeiten müssen in einem Verhältnis stehen. Lernende müssen solche auch laut Gesetz nicht häufiger übernehmen als andere Mitarbeiter.»

Sie fordert deshalb, dass die Berufsinspektoren der Kantone ihre Kontrollen intensivieren und Beschwerden von Lernenden konsequent nachgehen. «Firmen, die ihre Lernenden so behandeln, sollen ihre Bewilligung zur Ausbildung verlieren.» Denn die Lehre müsse dazu dienen, den Jugendlichen wichtiges Wissen für die Zukunft zu vermitteln.

Nicht mehr Kontrollen

Die Berufsbildungsämter sehen jedoch keinen Handlungsbedarf. «Wir haben im Moment keine Anzeichen, dass es mehr Kontrollen braucht», so die Bildungsdirektion des Kanton Berns. Die Bildungsdirektion des Kantons Zürich unternimmt selbst keine Kontrollen und führt auch keine Statistik über solche Beschwerden. Auch der Kanton Luzern wird nur aktiv, wenn sich Lernende melden.

«In einem Kleinbetrieb sind die ‹Ämtli› meistens verteilt und dann kann Kaffee holen auch mal eines davon sein. In den meisten Fällen wird eine Lösung gefunden, die beiden Seiten entspricht», sagt Sprecherin Sandra Kilchmann. Zahlen hat auch Luzern nicht. Kilchmann betont, es komme immer wieder vor, dass man bei «gravierenden Qualitätsmängeln die Bildungsbewilligung den Lehrbetrieben entziehen muss. Dann ist das Kaffeeholen jedoch das kleinere Problem.»

Forderung führe zu mehr Bürokratie

Auch der Arbeitgeberverband wehrt die Forderungen der Unia ab: «Die Politik vertraut seit langem zu Recht darauf, dass die Arbeitgeber gute Ausbildner und Mentoren für junge Menschen sind, damit sie fit für einen sich wandelnden Arbeitsmarkt werden», sagt Sprecher Fredy Greuter. Die geltenden Gesetze hätten sich bewährt und ahndeten Missbräuche. «Aus diesen Gründen sind weitergehende Forderungen der Unia überzogen und leisten bloss der Bürokratie Vorschub.»

Welche Hilfsarbeiten musstest du während der Lehre erledigen? Erzähle uns davon.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • D.H am 13.02.2020 06:08 Report Diesen Beitrag melden

    Seid Ihr noch zu retten?

    Das gehört nun mal zum Alltag eines Lehrnenden dazu. Musste in meiner Lehre zum Elektroinstallateur, 2 Jahre lang, jeden Morgen die Mülleimer (ca. 10 Stück) leeren und den Müll raus in die Container bringen. War nun mal die Aufgabe des jüngsten Lehrlings. Oder als ich die Autofahrprüfung hatte, jeden Freitag-Nachmitzag all unsere Baustellen abklappern um Material zu verteilen und Restbestände wieder in Magazin bringen. Wäre mir im Traum nicht eingefallen mich zu beschweren.....

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  • Captain Hindsight am 13.02.2020 06:14 Report Diesen Beitrag melden

    Was ist falsch daran, ...

    Wenn man weiss wie man Kaffee macht und Pflanzen giesst? Einfache Aufgaben, an denen man zeigen kann, dass man in der Lage ist, Verantwortung zu übernehmen und dass man zuverlässig ist.

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  • Pat Wi am 13.02.2020 06:11 Report Diesen Beitrag melden

    Gehört dazu.. hats auch früher schon... na und?

    Es hat früher keinen umgebracht und wird es auch heute nicht. Znüni holen und dergleichen gehört halt nun mal dazu, es gibt genügend freie Zeit in der Lehre für solche kleinen Dinge.. es darf bloss nicht überboatden. Aber die Generation Y will einfach auf keinen Fall zu viel machen.. ist aber natürlich nich zu verallgemeinern...

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Sonso am 13.02.2020 09:16 Report Diesen Beitrag melden

    Mussten wir alle durch

    Das ist Morgenroutine. Aber es gibt Betriebe, die ihre Lernenden nicht sinnvoll ausbilden gem. Lehrplan. Zum Beispiel, was soll ein KV Lehrling in Metallindustrie mit Fahrzeugflotten managen zu tun haben?

  • Wallä am 13.02.2020 08:29 Report Diesen Beitrag melden

    Auch ander Arbeiten?

    Wenn die Lernenden nur noch das machen müssen was in ihrem Lehrbuch steht, lernen sie auch nicht, was Respekt gegenüber anderen, untergebenen und einfacheren Mitarbeiter und deren Arbeit, ist. Das gibt dann die respektlosen, gelernten Berufsleute und Vorgesetzen, sowie vielleicht mal Manager, die meinem, sie hätten die Weisheit mit dem Löffel gefressen. Solche werden die schweren oder unangenehmen Arbeiten der Untergebenen oder ungelernten Mitarbeiter Auch nie begreifen und auch nicht respektieren können. Auch unangenehme oder Drecksarbeit gehört manchmal zur Lebensschule!

  • Seppi-NW am 13.02.2020 08:26 Report Diesen Beitrag melden

    Es gibt Grenzen

    Alle in einem Betrieb anfallenden Arbeiten soll ein Lehrling ausführen müssen. Es gibt aber Grenzen. Als Chef räume ich meinen persönlichen Dreck immer selber auf (Kaffeetasse in Abwaschmaschine stellen etc.), oder übergebe keine privaten Aufgaben (Autowaschen, Privateinkäufe erledigen etc.) unseren Lehrlingen.

  • Petra Fahrni am 13.02.2020 08:23 Report Diesen Beitrag melden

    Kinder wie Könige erziehen..

    Ich frag mich langsam schon wie verweichlicht wir die jungen noch machen wollen!! Es gehört in jeder Lehre dazu, arbeiten zu machen welche nicht nur mit dem Berufsbild zu tun haben. Das ist ein Ergebniss dass die heutigen Kids zu Hause Könige sind und überhaupt nichts mehr mithelfen müssen, dafür haben sie bereits mit 10Jahren das neuste iPhone und sind schon um die halbe Welt gereist!! Klimajugen? Die armen armen Jungen Leute heute !?

  • Zoltán am 13.02.2020 08:21 Report Diesen Beitrag melden

    Das Leben ist kein Ponyhof

    Die junge Generation von heute geht es viel zu gut und sind verwöhnt ohne Ende! Kein Respekt gegenüber älteren Leuten und beschweren sich über alles. Die Lehre ist kein Ponyhof, schließlich wird in die Lehrlinge Zeit und Geld investiert. Vielleicht müssen sie mal im Leben das erste mal das machen, was sie nicht wollen.... Die Arbeitswelt ist hart und ungerecht. Je früher sie dies erfahren, umso besser.