Offene Lehrstellen

03. August 2019 11:26; Akt: 03.08.2019 11:26 Print

Lieber ein Praktikum als einen Handwerker-Job

Tausende Lehrstellen können Firmen dieses Jahr nicht besetzen – auch weil Jugendliche lieber zuwarten, als sich noch für «Restposten» zu bewerben.

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12'496 Lehrstellen sind laut Lehrstellenregister Lena noch offen. Die Zahl ist in den letzten Jahren gestiegen. Darunter Automobilfachmann, Bäckerin, Detailhandelsfachmann oder Elektroinstallateur. Wie kommt es, dass einerseits immer öfter Lehrstellen unbesetzt bleiben, andererseits viele Jugendliche bei der Stellensuche leer ausgehen? Urs Casty von Yousty stellt ein zunehmendes «Passungsproblem» fest: Die Jugendlichen und oft auch ihre Eltern beharren zu lange auf ihrem Wunschberuf und ziehen Jobs, in denen es noch viele Stellen gibt, nicht in Betracht. Lieber warten sie noch ein Jahr zu, um das KV zu machen, statt eine Alternative zu prüfen. Ein Beispiel dafür ist M. B.* (21), deren Traumberuf Fachfrau Behindertenbetreuung ist. Seit drei Jahren versucht sie, eine Lehrstelle in diesem Beruf zu finden – erfolglos. Die Arbeitgeber ihrerseits sehen andere Gründe. «Es ist nicht einfach, brauchbare Leute zu finden», sagt Din Maliqi, Geschäftsführer der Firma Dini Parkett in Glattbrugg. Oft müsse man für eine Lehrstelle als Boden-Parkettleger zehn Jugendliche zum Schnuppern einladen, um daraus einen zu finden, den man einstellen könne. «Andere glauben, Sie würden bei einem anderen Arbeitgeber bessere Bedingungen finden, und warten bis zum Schluss, bis sie den Vertrag unterschreiben», erklärt Maliqi. N. L.* (20), die eben ihre Lehre als Lackiererin abgeschlossen hat, findet, die Firmen würden zu stark auf die Noten fokussieren und deswegen keinen Nachwuchs finden: «Sie sollten eher darauf schauen, wie eine Person arbeitet.»

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Die Zahl der Lehrstellen, die zu Lehrbeginn zwischen Anfang und Mitte August unbesetzt bleiben, steigt. 2014 schrieben Firmen noch 8400 Stellen ohne Erfolg aus, 2016 waren es schon fast 10'000 und derzeit sind es laut der Lehrstellenplattform Lena 12'496. Besonders Firmen, die handwerkliche Berufe anbieten, konnten ihre Stellen nicht besetzen, darunter Automobilfachmann, Bäckerin, Detailhandelsfachmann oder Elektroinstallateurin.

Wie kommt es, dass einerseits immer öfter Lehrstellen unbesetzt bleiben, andererseits viele Jugendliche bei der Stellensuche leer ausgehen? Urs Casty von der Lehrstellenplattform Yousty stellt ein zunehmendes «Passungsproblem» fest: Die Jugendlichen und oft auch ihre Eltern beharren zu lange auf ihrem «Wunschberuf» und ziehen Jobs, in denen es noch viele Stellen gibt, nicht in Betracht. Lieber warten sie noch ein Jahr zu, um das KV zu machen, statt eine Lehre – zum Beispiel als Detailhandelsfachmann – als Alternative zu prüfen.

Seit drei Jahren auf der Suche

Ein Beispiel dafür ist M. B.* (21), deren Traumberuf Fachfrau Behindertenbetreuung ist. Seit drei Jahren versucht sie, eine Lehrstelle in diesem Beruf zu finden – erfolglos. Der jüngste Dämpfer: Nach einem Praktikum bei einer Stiftung versprach man ihr eine Anschlusslösung, Ende Mai teilte ihr der Arbeitgeber mit, es gebe nun doch keine freie Lehrstelle. «Auf Bewerbungen erhalte ich weiterhin nur Absagen», sagt sie.

Auf einen Beruf zu wechseln, der auf ihrer Wunschliste nicht an erster Stelle steht, in dem es aber noch viele Stellen gibt, kommt für sie nicht infrage: Lieber macht sie nun nochmals ein Praktikum in der Pflege behinderter Menschen.

Viele Schnupperlehrlinge kommen nicht infrage

Die Arbeitgeber ihrerseits sehen andere Gründe. «Es ist nicht einfach, brauchbare Leute zu finden», sagt Din Maliqi, Geschäftsführer der Firma Dini Parkett in Glattbrugg. Oft müsse man für eine Lehrstelle als Boden-Parkettleger zehn Jugendliche zum Schnuppern einladen, um daraus einen zu finden, den man einstellen könne. Bei vielen komme der Beruf nach dem Schnuppern wegen des Staubs und des Drecks nicht mehr infrage. Zudem würden einige während der Arbeit ständig am Handy hängen, was man ebenfalls nicht gebrauchen könne.

«Andere glauben, sie würden bei einem anderen Arbeitgeber bessere Bedingungen finden und warten bis zum Schluss, bis sie den Vertrag unterschreiben», erklärt Maliqi. Im Moment hat er noch zwei Lehrstellen offen, wobei er bei der einen Stelle noch auf den unterschriebenen Lehrvertrag wartet.

Sind die Jugendlichen in ihrer Berufswahl einfach zu pingelig? Diese wehren sich. Die Firmen seien selber schuld, dass sie ihre Lehrstellen nicht besetzen könnten, findet etwa der angehende Schreiner O. M.* (19). «Mich wundert das überhaupt nicht bei den miesen Arbeitsbedingungen: Kein Lob in den letzten Jahren, Elfeinhalb-Stunden-Tage, und wer nicht spurt, wird rausgeschmissen.»

Firmen fokussierten zu stark auf die Schulnoten

N. L.* (20), die eben ihre Lehre als Lackiererin abgeschlossen hat, findet, die Firmen würden zu stark auf die Noten fokussieren und deswegen keinen Nachwuchs finden: «Sie sollten eher darauf schauen, wie eine Person arbeitet.» Ihr habe man beispielsweise gesagt, mit ihrer zierlichen Figur und einem Realschul-Abschluss sei sie zu schwach für den Beruf. «Mit viel Glück und sehr netten Menschen habe ich die Lehre nun mit der Note 5 abgeschlossen.»

Damit die bisher unbesetzten Lehrstellen gefüllt werden, sieht Urs Casty auch die Berufsberatungen in der Pflicht. Denn Eltern und Schüler unterschätzten oft die Anforderungen, die der angestrebte Traumberuf mit sich bringe – und überschätzten ihre eigenen Fähigkeiten. Den Jugendlichen einen Plan B oder C zu vermitteln, sei von höchster Dringlichkeit, findet Casty.

(pam)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Mister A am 03.08.2019 11:41 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Lohn

    Würde man beim Handwerker-Job oder auch in anderen Berufen mehr verdienen als die Büro Leute, würden viel mehr Teenies auf diese Berufe stehen.

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  • Johnny am 03.08.2019 11:36 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Markt ist leer

    Es kommen auch unzählige völlig unbrauchbare Bewerbungen rein. Die meisten sprechen ja nichtmal richtig Deutsch oder Französisch. Dann lieber keine Stelle besetzen als sowas.

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  • Lukas Müller 22 Jahre Alt am 03.08.2019 11:36 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Jugend von Heute

    Die heutige Jugend ist schlimm.. niemand will sich mehr die Hände schmutzig machen.. jedoch macht sich niemand die Überlegung das ohne die Handwerker nichts entstehen kann.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • dana am 04.08.2019 21:30 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    selbst auf der suche

    ich suche jetz dann schom seit 3 jahren eine lehrstelle und bekomme einfach nicht ich hab schon für fast jeden beruf eine bewerbung geschrieben bekomme aber ich nur absagen und nicjt einmal die möglichkeit schnupperm gehen. Die meisten gründe waren immer meine schulnoten selbst wenn ich gesagt habe das ich nachhilfe nehme es bringt nichts.

    • bella am 04.08.2019 23:54 Report Diesen Beitrag melden

      eba beruf suchen

      versuche einen beruf mit eba abschluss zum beispiel pflegerin (assistent gesundheit) oder büroassistent zu finden - das sollte klappen

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  • Tim am 04.08.2019 17:57 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Wow

    Danke für einen weiteren tollen Titel. (Ironie off)

  • Bananeräuberin am 04.08.2019 17:21 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    OHJE...!

    Es geht doch darum das man seinen Job gerne macht. Die Menschen die gerne zur Arbeit gehen & motiviert sind - erbringen so viel mehr für einen Betrieb sowie auch für einem selbst! Findet das was euch spass macht!!! Ansonsten geht ihr irgendwann ein...

  • Andreas Schlegel am 04.08.2019 17:07 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Handwerker nein Danke

    Irgend wann ihr Büro Stiften, Gymischühler , Studierten, und alle die Handwerker belächeln kommt die Zeit da ihr schmerzhafte Erfahrungen machen müsst. Keiner kann ihnen etwas am Haus ,Büro etc. reparieren und wenn es einer kann wird er sehr viel Geld kosten. Beispiele gibts jetzt schon in England. Auf gute Handwerker kommen gute Zeiten zu.

    • Xeno72 am 04.08.2019 17:14 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      schön@Andreas

      Dann sind ja alle glücklich.

    • Mike R. am 04.08.2019 17:51 Report Diesen Beitrag melden

      Ich belächle Handwerker nicht,

      ganz im Gegenteil! Aber Fakt ist, dass man in den meisten Handwerksjobs leider nur wenig verdient und meist keine Aufstiegsmöglichkeiten hat.

    • peter pan am 04.08.2019 19:55 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Andreas Schlegel

      aber nur wenn du selbstständig bist ;-)

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  • johony am 04.08.2019 16:38 Report Diesen Beitrag melden

    Bürogummi bashing alleine reisst es nicht.

    Handwerk. Was ist Handwerk eigentlich? Ein sehr weitläufiger Begriff. Unter dem Mantelbegriff "Bau und Handwerk" stehen viele Berufe die sehr unterschiedlich sind, die verschieden Stärken und auch Mentalitäten forden. Auch wenn alle körperliche/motorische arbeit verrichten, die Alltagserfahrung kann sehr weit auseinandergehen. Die körperliche Belastung, die Giftstoffe denen man ausgesetzt ist, das Unfallrisiko die möglichkeit sich überhaupt einbringen zu können. Hat ein Wekstatt Schreiner die gleichen Bedingungen wie z.B. ein Strassenbauer bei 35 Grad? Der Begriff Handwerk ist zu diffus