Anmache statt Business

18. September 2015 05:55; Akt: 18.09.2015 09:42 Print

Linkedin verkommt zur Dating-Plattform

Eigentlich gilt Linkedin als Netzwerk für berufliche Zwecke. Doch Klagen von belästigten Nutzerinnen häufen sich. Für Social-Media-Experten ist das keine Überraschung.

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Charlotte Proudman spricht vielen Frauen aus der Seele. Kürzlich hat sie auf Twitter ein Bild von einer Unterhaltung gepostet, die sie auf Linkedin mit einem fremden Mann geführt hat. Dieser hat sich bei ihr gemeldet und ihr Aussehen gelobt, schreibt die Nachrichtenagentur Pressetext. «Ich schätze, das ist möglicherweise politisch extrem unkorrekt, aber das ist ein atemberaubendes Foto», schrieb der Brite, der in einer Chefposition arbeitet. «Du gewinnst definitiv den Preis für das beste Linkedin-Foto, das ich je gesehen habe.»

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Für Proudman ging das zu weit. «Ich bin zu Geschäftszwecken auf Linkedin, nicht um wegen meines Aussehens angemacht oder von einem sexistischen Mann objektiviert zu werden», antwortet die Britin dem Absender. Auf Twitter beklagt sie sich schliesslich öffentlich über den Flirtversuch.

Geteilte Meinung

Proudman stösst auf viel Zustimmung. Eine Nutzerin schreibt etwa, dass sie ihr Profilbild mit einem «hässlicheren» Foto ausgetauscht habe, um weniger Nachrichten und Anfragen von «gruseligen» Männern zu bekommen. Eine andere erklärt, dass sie sich durch die belästigenden Nachrichten unwohl fühle. Und das in einem Netzwerk, in dem sie sich sicher geglaubt habe. Eine andere Frau postet eine erhaltene Nachricht. «Ich war von deinem Profil fasziniert, ich bin Witwer, ich finde dich sehr attraktiv», heisst es darin. Und weiter: «Ich gebe zu, dass dein Lächeln sehr anziehend wirkt. Bist du single oder verheiratet?»

Solche Flirts haben auf Linkedin nichts zu suchen, finden viele Twitterer. Doch nicht jeder sieht in den Nachrichten gleich eine sexuelle Belästigung. «Es war ein Kompliment, nichts weiter», heisst es etwa. Oder: «Er versuchte doch nur, das Eis zu brechen und höflich zu sein.»

Grosses Ausbau-Potential

Einig wird sich die Twittergemeinde nicht. Linkedin gilt jedoch in erster Linie als professionelle Plattform, über die berufliche Kontakte geknüpft und gepflegt werden. Dass sich jetzt Meldungen über unprofessionelle Nachrichten häufen, überrascht den Social-Media-Experten Daniel Graf nicht. «Linkedin wird immer mehr zur einer sozialen Plattform wie Facebook. Die Probleme, mit denen letztere zu kämpfen hat, kommen deshalb auch immer häufiger auf der professionellen Plattform vor.» Und das werde sich in Zukunft weiter verbreiten.

Laut Graf hat Linkedin ein grosses Ausbau-Potential. Bei sechs Millionen Mitgliedern im deutschsprachigen Raum und 380 Millionen Mitgliedern weltweit ist das eine Herkulesaufgabe. Tatsächlich gibt es allerdings bereits jetzt Möglichkeiten, sich vor ungebetenen Anfragen zu schützen, wie das Unternehmen auf Anfrage mitteilt. So ist es zum Beispiel möglich, andere Nutzer zu blockieren. Zudem kann selbst bestimmt werden, was vom eigenen Profil öffentlich sichtbar ist.

Profile werden wenn nötig gelöscht

«Das Internet bietet viele verschiedene Orte, an denen man eine private Verabredung treffen kann – es ist weder alltäglich noch effektiv, dies auf Linkedin zu tun», heisst es weiter. «Wenn jemand auf Linkedin ein derartiges Verhalten an den Tag legt, werden wir die notwendigen Schritte unternehmen, um die Profile dieser Mitglieder zu blockieren oder wenn nötig zu löschen.»

Haben Sie auf Linkedin auch schon Nachrichten bekommen, die nichts mit Business zu tun hatte? Schreiben Sie uns von Ihrer Erfahrung auf feedback@20minuten.ch!

(vro)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Debby am 18.09.2015 06:06 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    NICHT sexistisch

    Ich sehe ein, dass LinkedIn dafür vorgesehen ist, sich beruflich zu vernetzen usw. Und natürlich ist es nicht passend, solche Nachrichten auf dieser Platform zu versenden, doch ehrlich: hört bitte mal auf, jeden kleinsten Annäherungsversuch als sexistisch zu betrachten!!! Ich finde das schrecklich und irgendwie peinlicj..

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  • plapperi am 18.09.2015 06:09 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    naja

    wer auf die strasse geht wird wo möglich angesprochen, wer im netzwerk ist wo möglich angeschrieben, ich denke erwachsene leute klären das in beiden fällen unter 4 augen

  • Tepes1291 am 18.09.2015 06:09 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Sexismus

    Heutzutage fällt einer Person ein Kompliment zu geben in die gleiche Kategorie wie zu glauben, dass Frauen Menschen zweiter Klasse sind. Und gewisse Leute fragen sich ernsthaft warum Sexismus wieder ein Thema ist ...

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Bitchazd am 19.09.2015 14:46 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    100% Sicher

    Die Profilbilder dieser Frauen möchte ich gerne sehen. Der Zwanghafte drang sich sexy und total unprofessionel Schlampig zu präsentieren ist, seit Frauen zu gelassen sind leider auch auf Xing und Linkedin aufgetreten. Aber natürlich sind dann die Männer schuld und sofort wird nach belästigung geschrien. Frauen ihr provoziert es.

  • Lorena am 19.09.2015 14:39 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Die Lösung

    Es klingt zwar ein wenig unverständlich... Aber aus meiner Sicht liegt der Ursprung dieses Problems bei den Frauen. Die Lösung wäre es daher, den Frauen ganz einfach den Account zu verweigern.

  • Igor Meierhans am 19.09.2015 09:23 Report Diesen Beitrag melden

    LinkedIn und Xing waren ursprünglich

    eine gute Idee. Mit der Zeit sind sie zu einer Werbeplattform und Selbstdarstellungsseite geworden. Viele Leute darunter, die Kontakte suchen um möglichst viele zu haben - ohne eine dieser Personen zu kennen, nutzen zu können oder das Heu auf der gleichen Bühne zu haben. Auf die Nerven gehen auch die Mitglieder, die regelmässig irgendwelche Weisheiten posten oder ihren persönlichen Senf zu irgendwas geben. Ich habe nur persönlich bekannte oder allenfalls interessante Kontakte bestätigt und auch persönlich kontaktiert. Die Sammler und Dauerposter schiesse ich ab.

  • Verheiratete am 18.09.2015 23:33 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Locker bleiben

    Wenn ich von einem fremden Mann ein charmantes Kompliment kriege, dann bedanke ich mich lächelnd dafür. Falls der Herr dann persönlicher wird, sage ich ihm freundlich aber unmissverständlich, dass ich in festen Händen bin und kein Interesse habe. Die meisten akzeptieren diese Antwort und that's it :-)

  • Dolfius Schwan am 18.09.2015 23:16 Report Diesen Beitrag melden

    Nervig aber vermutl. nicht zu vermeiden

    Das Problem mit den sabbernden Männern ist im wirklichen Leben jeder einigermassen attraktiven Frau bekannt. Wundert mich nicht, dass das auch auf sozialen Plattformen um sich greift.