5000 Franken oder weniger

01. Juni 2019 18:24; Akt: 01.06.2019 18:37 Print

Lohn steigt bei Büezern ab 30 Jahren kaum mehr

Bei Arbeitnehmern mit Lehrabschluss steigt der Lohn nach 30 kaum mehr – ausser, sie bilden sich weiter. Doch das sei nicht so einfach, heisst es beim Gewerkschaftsbund.

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Lehrabgängern gelingt der Berufseinstieg tendenziell besser als Studierten. Doch nach einigen Jahren, etwa ab dem Alter von 30 Jahren, geht es lohnmässig nicht mehr wirklich aufwärts. Das belegt kürzlich erschienene Studie der Universität Lausanne. Daniel Lampart, Chefökonom des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes, sagt: «Es gibt eine ganze Reihe von Berufen wie Bäcker, Coiffeure, Verkäufer oder Medizinische Praxisassistenten, die trotz Ausbildung und zehnjähriger Berufserfahrung knapp 5000 Franken oder weniger verdienen. Das reicht kaum, um eine Familie zu ernähren.» Die Situation sei so, dass seinen Lohn später nur deutlich steigern könne, wer eine Zusatzqualifikation wie zum Beispiel eine höhere Berufsbildung absolviere, so Lampart. Doch das sei nicht immer so einfach möglich. Denn der Zugang zu Weiterbildungen sei zu schwierig. «Wir fordern mehr Durchlässigkeit der Weiterbildungsgänge, sprich leichteren Zugang zu Weiterbildungen für Arbeitnehmer, die sich umschulen lassen möchten.» Das Problem sei nämlich, dass Menschen in Berufen wie Bäcker oder Coiffeur weniger Möglichkeiten hätten, sich im Rahmen einer höheren Berufsbildung auch in fachfremden Bereichen wie zum Beispiel in Betriebswirtschaft oder Finanzen weiterzubilden, so Lampart. «So bleibt vielen nur der schulische Weg über die Berufsmatura und Studium, der aber nicht jedermanns Sache ist», so Lampart. Roland Müller, Direktor des Schweizerischen Arbeitgeberverbands, hinterfragt die Studie. «Die Lohnentwicklung richtet sich nach verschiedensten Komponenten wie zum Beispiel der Aus- und Weiterbildung, der Kaufkraftentwicklung und dem Unternehmenserfolg. Dass die Löhne bei Arbeitnehmern mit Berufslehre ab 30 Jahren stagnieren, halte ich deshalb für ein Pauschalurteil.» «Arbeitnehmer sollen sich à jour halten. Das wirkt sich nicht nur auf den Lohn aus, sondern auch auf die Motivation. Gleichzeitig haben aber auch die Branchenverbände die Aufgabe, vielfältige Weiterbildungsmöglichkeiten aufzuzeigen, um alle Arbeitnehmer für diese motivieren zu können.» Die Verbände seien sich bewusst, dass gewisse Arbeitnehmer eher den praktischen, andere eher den schulischen Weg bevorzugten. «Unabhängig von der Ausbildung stagnieren die Löhne aller Arbeitnehmer zehn bis fünfzehn Jahre nach dem Berufseinstieg, wenn sie auf eine Weiterbildung verzichten», so Stefan C. Wolter, Bildungsökonom an der Universität Bern. Weil ein Lehrabgänger durchschnittlich bereits mit 19 Jahren ins Berufsleben einsteige und ein Uni-Absolvent erst mit 26 Jahren, habe der Lehrabgänger bereits um das 30. Lebensjahr das Lohnmaximum erreicht, der Uni-Absolvent aber erst mit etwa 40 Jahren, so Wolter.

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Lehrabgängern gelingt der Berufseinstieg tendenziell besser als Studierten. Doch nach einigen Jahren, etwa ab dem Alter von 30 Jahren, geht es lohnmässig nicht mehr wirklich aufwärts. Das belegt kürzlich erschienene Studie der Universität Lausanne.

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Braucht es mehr Weiterbildungs-Möglichkeiten in der Schweiz?

Daniel Lampart, Chefökonom des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes, sagt: «Es gibt eine ganze Reihe von Berufen wie Bäcker, Coiffeure, Verkäufer oder Medizinische Praxisassistenten, die trotz Ausbildung und zehnjähriger Berufserfahrung knapp 5000 Franken oder weniger verdienen. Das reicht kaum, um eine Familie zu ernähren.»

«Zugang zu Weiterbildung ist schwierig»

Viele junge Menschen würden nach ihrer Lehre erschreckt feststellen, dass ihr Beruf lohnmässig nicht zum Leben reiche, so Lampart. Der Gewerkschaftsbund setze sich im Rahmen der Gesamtarbeitsverträge deshalb seit Jahren dafür ein, dass Löhne angehoben werden, so Lampart.

Das reicht laut Lampart aber noch nicht aus: Die Situation sei so, dass seinen Lohn später nur deutlich steigern könne, wer eine Zusatzqualifikation wie zum Beispiel eine höhere Berufsbildung absolviere, so Lampart. Doch das sei nicht immer so einfach möglich.

Denn der Zugang zu Weiterbildungen sei zu schwierig. «Wir fordern mehr Durchlässigkeit der Weiterbildungsgänge, sprich leichteren Zugang zu Weiterbildungen für Arbeitnehmer, die sich umschulen lassen möchten.» Das Problem sei nämlich, dass Menschen in Berufen wie Bäcker oder Coiffeur weniger Möglichkeiten hätten, sich im Rahmen einer höheren Berufsbildung auch in fachfremden Bereichen wie zum Beispiel in Betriebswirtschaft oder Finanzen weiterzubilden, so Lampart. «So bleibt vielen nur der schulische Weg über die Berufsmatura und Studium, der aber nicht jedermanns Sache ist.»

«Lohnentwicklung richtet sich nach verschiedensten Komponenten»

Roland Müller, Direktor des Schweizerischen Arbeitgeberverbandes, hinterfragt die Studie. «Die Lohnentwicklung richtet sich nach verschiedensten Komponenten wie zum Beispiel der Aus- und Weiterbildung, der Kaufkraftentwicklung und dem Unternehmenserfolg. Dass die Löhne bei Arbeitnehmern mit Berufslehre ab 30 Jahren stagnieren, halte ich deshalb für ein Pauschalurteil.» Ausserdem blickten solche Studien gestützt auf erfolgte Datenerhebungen in die Vergangenheit zurück, so Müller. «Es ist deshalb spekulativ, diese Erkenntnisse in die Zukunft zu projizieren. Sie sollten mit Vorsicht genossen werden.»

Arbeitnehmer und -geber in der Pflicht

Er unterstütze aber die Forderung nach mehr Weiterbildungsmöglichkeiten, so Müller. Das ständige Sich-Weiterbilden gehöre dazu: «Arbeitnehmer sollen sich à jour halten. Das wirkt sich nicht nur auf den Lohn aus, sondern auch auf die Motivation. Gleichzeitig haben aber auch die Branchenverbände die Aufgabe, vielfältige Weiterbildungsmöglichkeiten aufzuzeigen, um alle Arbeitnehmer für diese motivieren zu können.» In allen Berufsverbänden geniesse die Aus- und Weiterbildung einen hohen Stellenwert: «Die Verbände sind sich bewusst, dass gewisse Arbeitnehmer eher den praktischen, andere eher den schulischen Weg bevorzugen.» Der eigene Berufsverband könne Bildungswillige gut informieren, so Müller.

«Stagnation der Löhne ist unabhängig von Ausbildung»

Stefan C. Wolter, Bildungsökonom an der Universität Bern, beurteilt die Stagnation im Alter von 30 Jahren wie folgt: «Unabhängig von der Ausbildung stagnieren die Löhne aller Arbeitnehmer zehn bis fünfzehn Jahre nach dem Berufseinstieg, wenn sie auf eine Weiterbildung verzichten.» Weil ein Lehrabgänger durchschnittlich bereits mit 19 Jahren ins Berufsleben einsteige und ein Uni-Absolvent erst mit 26 Jahren, habe der Lehrabgänger bereits um das 30. Lebensjahr das Lohnmaximum erreicht, der Uni-Absolvent aber erst mit etwa 40 Jahren, so Wolter. «Das permanente Sich-Weiterbilden ist deshalb für die Karriere aller Arbeitnehmer essenziell.»

Es gebe verschiedene Weiterbildungsmöglichkeiten, die keinen Besuch einer Fachhochschule bedingten: «Es gibt die Möglichkeit der höheren Berufsbildung, das heisst von Berufs- und Fachprüfungen, die viel praxisorientierter und schulisch nicht mit einem Bachelor an der Fachhochschule zu vergleichen sind.» Er versteht die Kritik des Gewerkschaftsbundes deshalb nicht: «In der Schweiz gibt es rund 800 solcher Abschlüsse und Weiterbildungsmöglichkeiten. Das sind rund dreimal mehr, als es Lehrberufe gibt.»

Haben Sie eine Lehre gemacht und ihre Kollegen mit Hochschulabschluss haben Sie lohnmässig abgehängt? Oder konnten Sie mit Weiterbildungen Ihr Einkommen aufbessern? Erzählen Sie uns Ihre Geschichte.


(mm)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Eilan am 01.06.2019 18:31 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Immer weniger

    Wenn der Lohn nicht jedes Jahr steigt, bekommt man dank der Krankenkassenerhöhung jedes Jahr weniger Lohn. Und dann fragen sich die Politiker, warum die Leute in Deutschland einkaufen! In der Schweiz gibt es bald nur noch die Armen und die Reichen. Denn oben wird immer schön der Lohn erhöht, nur unten bleibt er gleich.

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  • Mike am 01.06.2019 18:37 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Selber Schuld

    Wie allen es beksnnt ist, kennt die Schweiz seit mehr als 10 Jahren die volle PFZ mit der EU. Die CH-Stimmbürger haben diesem Vertrag leichtsinnigerweise zugestimmt. Diejenigen unter ihnen, die nicht selber Unternehmer sind, büssen nun für diesen kolossalen Fehlentscheid. Die Unternehmen hierzulande haben keinerlei Veranlassung, auch nur das geringste zu verbessern. Sie können aus einem unerschöpflichen Arbeitskräftereservoir schöpfen. Wem's nicht passt, Adios! Next, please!

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  • PascalK2015 am 01.06.2019 18:31 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ist doch Quatsch

    Ja wenn es ums Geld geht wird eben gespart mit unendlichen ausreden. Und ja Löhne steigen nicht mehr.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Chris am 02.06.2019 20:24 Report Diesen Beitrag melden

    Nicht schon wieder

    Immer die gleiche Leier, Schuld sind immer die anderen. Ich kann es nicht mehr hören! Vielleicht einfach mal sich selber reflektieren und eingestehen dass das Problem wohl woanders liegt.

  • Daniel am 02.06.2019 20:19 Report Diesen Beitrag melden

    Maschinerie

    Büezer egal welcher Richtung sollten einfach mal zusammen eine Woche zu Hause bleiben. Geht ja über das Internet heute ganz einfach, sich für eine bestimmte Woche zu verabreden.Sei das LKW Fahrer, Bauarbeiter, Verkäufer etc. Da würden vielen die Augen aufgehen. Ohne die untere Maschinerie, läuft oben gar nichts mehr.

  • Milton Friedman am 02.06.2019 20:05 Report Diesen Beitrag melden

    Aufwachen

    Wer bitte stimmt für "Ja, der Zugang zu fachfremden Weiterbildungsangeboten soll erleichtert werden."? All jene, welche den regulären Weg gescheut haben und heute gerne einen Bachelor/Master for free wollen? Die Türen stehen jedem und jederzeit offen. Wir müssen jedoch auch begreifen, dass nicht jeder einen Hochschulasbchluss benötigt bzw. fähig ist einen solchen zu absolvieren. Zudem: AI wird weiter den tertiären Sektor revolutionieren (auch top ausgebildete werden das skills-set erweitern/anpassen müssen). Die Frage nach total compensation wird nicht mehr gestellt, sondern wer ist fähig.

  • Selbstständige am 02.06.2019 19:43 Report Diesen Beitrag melden

    Friss oder geh

    Wichtig ist ja nur, das in den oberen Etagen der Rubel rollt.....es ist traurig das vergessen wird das eine Firma von allen getragen wird. Wer kurz gehalten wird, kann man besser unter Druck setzen......einfach traurig

  • Roland H am 02.06.2019 19:43 Report Diesen Beitrag melden

    Warum Lohnsteigerung von 30 auf 40?

    Warum soll ein Arbeitnehmer ohne Weiterbildung mit 40 mehr verdienen als einer mit 30? Sein Fachwissen ist schon sehr alt. Und leistungsfähiger als der 30 jährige ist er wohl auch nicht.