«Höchst bedenkliche Vorfälle»

18. Juli 2018 05:42; Akt: 18.07.2018 05:42 Print

Lokführer schlagen wegen ignorierter Signale Alarm

von Stefan Ehrbar - Die SBB warnt ihre Lokführer in einem Brief vor dem Überfahren von Signalen. Die sehen ein «sehr grosses Gefahrenpotenzial».

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Der Lokführer-Verband VSLF warnt: Immer häufiger würden rote Signale überfahren. «Im ersten Quartal 2018 gab es bei SBB Personenverkehr mehr als doppelt so viele überfahrene Signale wie im ersten Quartal 2016», heisst es in einem Bericht in der Mitgliederzeitschrift. Bei der Berner Bahn BLS habe es in den ersten Monaten des Jahres gar mehr Unregelmässigkeiten gegeben als im ganzen Jahr 2017. Insgesamt wurden laut Zahlen des Bundesamts für Verkehr (BAV) im ersten Quartal auf dem Normalspurnetz 82 überfahrene Signale registriert.

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Dabei sei ein überfahrenes Signal nur der schlechteste Fall, so der VSLF. Es würden auch viel mehr «unsichere Handlungen» gezählt, die nicht gleich zu einem sogenannten «Signalfall» führen (siehe Box). «Das Gefahrenpotenzial ist trotz massiv mehr Sicherheitseinrichtungen offenbar sehr gross», schreibt der Verband. Es sei ein Fall bekannt, in dem ein Lokführer in Genf Flughafen sogar auf die falsche Seite losgefahren sei. Weitere, «höchst bedenkliche Vorfälle» seien aktenkundig.

«Mögliche Konsequenzen sind gross»

Die Lokführer machen die Ausbildung mitverantwortlich: «Wir fordern die Verantwortlichen auf, diese endlich merklich zu verlängern, damit die jungen Berufskollegen mehr Erfahrungen im Betrieb sammeln können, bevor sie allein unterwegs sind», heisst es im Text. Handlungsbedarf sei «mehr als angezeigt».

In einem Brief hatte sich die SBB im März an ihre neueren Lokführer gewandt. Gerade sie seien häufiger von solchen Vorfällen betroffen, hiess es dort. Die SBB sei insbesondere im Bereich der Rangierereignisse besorgt, «da keine Sicherheitseinrichtung vorhanden ist und die möglichen Konsequenzen von grossem Ausmass sein können». Die SBB empfiehlt Gespräche mit Vorgesetzten und erarbeitet Ausbildungsmodule für grosse Bahnhöfe. Auch können Lokführer eine Fahrt mit einem Instruktor verlangen.

«Es ist nicht das Ziel, Unruhe zu stiften»

VSLF-Präsident Hubert Giger sagt zu 20 Minuten, sein Verband sei in Gesprächen mit der SBB. Das Thema sei vor einem Monat bei einem Treffen mit der Konzernleitung angesprochen worden. Der Brief an die Mitarbeiter verärgerte den VSLF: Damit werde die Verantwortung von den Vorgesetzten abgelegt und den jungen Kollegen angelastet.

SBB-Sprecher Daniele Pallecchi sagt, die SBB schule alle ihre Lokführer regelmässig zu diesem Thema. «Das Ziel ist es nicht, Unruhe zu stiften, sondern anhand konkreter Vorfälle aufzuzeigen, wie diese verhindert werden können.» Bezüglich Zahl der Signalfälle sei die SBB «auf Zielkurs», bei dieser kurzfristigen Betrachtungsweise bewege man sich im statistischen Schwankungsbereich. Die Zahl der Fälle, bei denen ein Rangiersignal überfahren wurde, sei abnehmend. «Bei der Sicherheit macht die SBB keine Kompromisse», sagt Pallecchi.

In 95 Prozent der Fälle keine Gefährdung

Bei der BLS gab es im ersten Halbjahr 23 Signalfälle «ohne Gefährdung», wie Sprecherin Tamara Traxler sagt. Zum Vergleich: 2017 zählte die BLS insgesamt 25 Signalfälle «ohne Gefährdung». In 95 Prozent der Fälle gefährdeten überfahrene Signale niemanden, weil technische Systeme Züge rechtzeitig stoppten. Die Zahl der Signalfälle sei schwankend. «Jeder einzelne Fall wird analysiert», sagt Traxler. Massnahmen könnten bauliche Anpassungen, Nachschulung des Personals oder eine Anpassung der Vorschriften sein.

Im ersten Quartal 2018 wurden gemäss dem BAV auf dem ganzen Schweizer Normalspurnetz 34 Hauptsignale überfahren. In weiteren 48 Fällen kam es zu einer Vorbeifahrt an einem Rangiersignal. Im Fall der Hauptsignale entsprechen die Zahlen aufs ganze Jahr hochgerechnet etwa dem langjährigen Durchschnitt, im Fall von überfahrenen Rangiersignalen liegen sie darüber. Im Jahr 2017 zählte das BAV 281 Fälle von überfahrenen Signalen, 144 davon bei der SBB.

Trotz jährlich steigenden Verkehrs seien die Zahlen über die letzten Jahre im Durchschnitt gleichbleibend, sagt BAV-Sprecher Gregor Saladin. Im letzten Jahr sei die Zahl der ignorierten Rangiersignale überdurchschnittlich hoch gewesen. In Gesprächen mit den Bahnen hätten sich verschiedene Ursachen herausgestellt. So gebe es allgemein mehr Verkehr, und ein neues Rangierkonzept habe etwa 15 Prozent mehr Bewegungen verursacht. Zudem seien die Verhältnisse wegen Baustellen oder Umbauten komplex gewesen.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Nick am 18.07.2018 06:58 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Leistungsdruck, Zeitdruck, Übermüdung...

    ...was im Güterfernverkehr auf Strassen immer wieder zu Unfällen und Gefahrenmomenten führt, bleibt auch im Bahnverkehr nicht weg. In unserer Gesellschaft steht die Profitgier der Konzerne schon lange über dem Wohl des Menschen. Da muss dann erst was schlimmes passieren damit mal wieder eine zeitlang nach anderen Regeln gespielt wird.

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  • klamottenkiste am 18.07.2018 06:45 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    man will es so.

    überrascht mich nicht. die ruhezeiten werden auf das absolute minimum zusammengesteichen. die übergänge von einer zugleistung zur anderen sind ebenfalls massiv kürzer geworden. ein beispiel: ich komme um 24 an, und 39 muss ich schon wieder weiter. das heisst ich muss mein zeug zusammenräumen, durch den bahnhof hetzen, auf den neuen zug, mich einrichten und weiter fahren. dies ist stress. und dann wundert man sich über signalfälle? die BLS teilte dies uns ja mit. man wolle effizienter werden. dies geht auf kosten def sicherheit.

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  • kari am 18.07.2018 06:53 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    hinter die kulissen sehen

    Guten Morgen ist es wirklich nur die schuld der lokführer. vielleicht sollte man ein wenig oder sogar sehr viel hinter die kullissen sehen. was in den büros, einteilung vor- abgeht. sicher nicht ganz einfach als lokführer wie eine spielfigur beim "eile mit weile" hin und her geschoben zu werden. und zudem lasten auf den schultern der lokführer immer mehr verantwortung. schlechtes und ungewartetes material. sondereinsätze bei zugsausfall am perron und und und wo früher andere personen zuständig waren. aber es ist ja immer so die fehler sind an der front sichbar. allen einen schönen tag.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Jimi am 18.07.2018 20:38 Report Diesen Beitrag melden

    Zurück zu Altbewährtem

    Vielleicht müsste man wieder einige Board-Computer abschaffen? Es ist wie beim Schreibmaschinenschreiben: Als man noch mit Durchschlagpapier arbeitete und jeden Fehler auf der Kopie tipexlen musste, lerne man schnell, richtig zu schreiben. Heute beherrschen es die meisten nicht mehr - dank Computer. Und bei der Bahn: Einige Computer weniger - und die Aufmerksamkeit würde wohl wieder gefördert.

  • Marianne am 18.07.2018 19:45 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Super Einteilung mit Sopre

    Heute Dienstende 23 30 Uhr, zwei Tage frei und dann um 2 30 Uhr aufstehen. Dienstbeginn 3 17 Uhr. Noch irgendwelche Fragen?

  • Luc H. am 18.07.2018 19:18 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Rot und Grün

    Rot, Gelb und Grün unterscheiden kann jedes Kind. Warum ist es so schwierig? Langeweile! Kein Gegenverkehr, keine Lenkung ("wie auf Schienen"! ), keine Überholer, keine fragenden Passagiere, einfach nichts ausser Beschleunigen und Bremsen, assistiert von Computerprogrammen. Da kann es schon mal vorkommen, dass man vergisst die Türen zu öffnen. Oder man verschläft ein Signal...

  • Fabian am 18.07.2018 19:04 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Nie Lokführer machen

    Der Beruf Lokführer ist ohnehin am Ende! Die Löhne für junge Mitarbeiter werden nicht gerecht bezahlt und der Aufstieg ist um das dreifache ausgedehnt worden. Früher war man mit 11 Jahren oben, heute in 35Jahren. Dienste sind länger geworden und man muss noch mehr fahren wie früher. Immer spätere Dienste immer frühere Dienste. Lokführer ist ein Vörderband Job geworden mit verschleispotenzial

  • Hilmi am 18.07.2018 19:00 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ostschweizer Bahnen

    Die Dienste der Lokführer werden je länger je mehr so gezeichnet, was überhaupt ein machbar ist von einem Menschen. In anderen Worten, 5 Std am Stück fahren mit einer Pause von 20min und danach 4 Std am Stück. Und die Fahrgäste wissen nicht, dass der Lokführer da vorne am Rande seinen kräftet ist.

    • imiluupo am 18.07.2018 20:04 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Hilmi

      Wie recht Sie haben. Erlebe das fast täglich wenn ich im Dienst bin. Habe mich öfters schon selber gefragt, wie viele Fahrgäste noch mitfahren würden, wenn diese wüssten, wie KO ich bin.

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