Tödliches Medikament

20. Juli 2019 09:53; Akt: 20.07.2019 11:29 Print

Tessiner bestellt Gift im Web, um sich umzubringen

Beinahe konnte sich ein junger Tessiner das Leben nehmen, indem er ein tödliches Medikament schicken liess. Seine Familie ist schockiert.

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Ein junger Tessiner wollte nicht mehr leben. In seiner Verzweiflung bestellte er sich deshalb übers Internet zwei Dosen des Medikaments Natrium-Pentobarbital (NaP) aus Asien, wie Tio.ch schreibt. Das Medikament setzt auch die Sterbehilfeorganisation Exit ein. Eine Überdosis führt zu Atem- und Herzstillstand.

Eine erste Dosis kam per Post bei ihm an – und der Mann wäre daran fast gestorben. «Zum Glück haben wir ihn rechtzeitig gefunden. Er konnte reanimiert werden und ist nach einigen Tagen Koma nun auf dem Weg der Besserung», so sein Verwandter zu 20 Minuten. Die Familie sei schockiert darüber, dass man solche Medikamente wie Kleider oder Schuhe mit einem simplem Mausklick im Internet bestellen könne.

«Höchst bedenklich und gefährlich»

«Es kann doch nicht sein, dass Cannabis am Zoll abgefangen wird, aber solch tödliche Mittel nicht», sagt ein Familienmitglied des jungen Mannes. Die Familie möchte anonym bleiben, trotzdem ist ihr wichtig, dass ihre Geschichte veröffentlicht wird.

«Wenn er das kann, dann werden das auch viele andere Personen können, die – vielleicht auch nur kurzzeitig – den Wunsch verspüren, zu sterben.» Zwar sei das Mittel eher teuer, doch wer es suche, habe es schnell gefunden und bestellt. «Das ist höchst bedenklich und gefährlich», so die Familie des jungen Mannes.

Tatsächlich, ein kurzer Blick ins Netz zeigt: Es gibt zahlreiche Seiten, die das tödliche Mittel anbieten. Alle versprechen Diskretion und kostenloser Versand nach Europa oder in die USA. Bei einigen Anbietern muss man erstmal per Nachricht Kontakt aufnehmen, andere verlinken direkt ein Kontaktformular.

Zweites Paket wurde abgefangen

Das zweite Medikamenten-Paket an den jungen Tessiner war im Gegensatz zur ersten Lieferung in Frankfurt abgefangen worden. Das hatte für ihn eine Busse zur Folge, denn Natrium-Pentobarbital unterliegt dem Betäubungsmittelgesetz und ist nicht ohne ärztliche Diagnose erhältlich.

Bei der Eidgenössischen Zollverwaltung heisst es auf Anfrage, man führe «risikobasierte und lageabhängige Stichprobenkontrollen durch, in Zusammenarbeit mit unseren in- und ausländischen Partnerbehörden». Denn angesichts der Päckli-Flut – 2018 gab es rund 33 Mio Kleinwarensendungen – sei es unmöglich, alles zu kontrollieren, sagt Sprecher Matthias Simmen. Über die Details der Kontrollpraxis könne man aus einsatztaktischen Gründen keine Angaben machen.

«Aus Erfahrung wissen wir, wann Kontrollen den grössten Erfolg erzielen», so Simmen. Ein Blick in die Zahlen des Zolls zeigen, dass Medikamente, die zum Suizid gebraucht werden können, nur einen verschwindend kleinen Teil der abgefangenen Produkte ausmachen: Letztes Jahr waren von 3203 konfiszierten Sendungen 2851 Erektionsförderer. «Wenn wir ein Medikament abfangen, übergeben wir es an Swissmedic», so Simmen.

Post sieht sich nur als Vermittlerin

Die Post als Überbringer des Pakets sieht sich nicht in der Pflicht, den Inhalt genauer zu prüfen. Gegenüber Tio.ch sagt Post-Sprecher Marco Scossa: «Wir vermitteln zwischen Sender und Empfänger. Wir dringen nicht in die Privatsphäre ein und öffnen keine Pakete.»

(jk/pam)