Stiefkind-Adoption

08. März 2016 08:14; Akt: 08.03.2016 09:55 Print

Marc und Tom mussten in USA, um Babys zu kriegen

von J. Büchi - Tom und Marc haben je ein Kind von einer Leihmutter. Eine Lockerung des Gesetzes könnte es ihnen erlauben, bald gleichberechtigte Eltern zu sein.

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Marc* steht an einer hellblauen Retro-Maschine in der Küche und macht Kaffee, Tom* hält Amélie (18 Monate) davon ab, auf die Lehne des Armsessels im Wohnzimmer zu klettern. Noah* (18 Monate) rast mit seinem Gokart über den dunklen Holzboden, nur Sekunden später jagt er einem aufblasbaren Strandball hinterher.

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Für Papi und Aba – so nennen die Kinder ihre Väter – seit eineinhalb Jahren der ganz normale Alltag. Die beiden Zürcher haben sich ihren Kinderwunsch mit Hilfe einer Leihmutter erfüllt. Papi Marc (38) – jugendliches Gesicht, lockige Haare – ist der leibliche Vater von Amélie. Aba Tom (42) – breite Schultern, Dreitagebart, die schulterlangen Haare zum Pferdeschwanz gebunden – hat Noah gezeugt. «Wir sind eine Familie. Wir fühlen uns beiden Kindern genau gleich nah», betonen die Männer.

Stiefkindadoption soll erlaubt werden

Die juristische Situation ist allerdings eine andere: Auf dem Papier ist jeder von ihnen «alleinerziehender» Vater. Läge Amélie auf der Notfallstation, dürfte Tom sie möglicherweise nicht im Spital besuchen. Würde Marc etwas zustossen, müsste Tom darum kämpfen, weiter für seine Tochter sorgen zu dürfen. Auch ein gemeinsamer Nachname ist nicht möglich.

Das könnte sich jetzt ändern: Künftig soll es auch gleichgeschlechtlichen Paaren erlaubt sein, Stiefkinder zu adoptieren (siehe Box). Gemäss den Erhebungen des Bundes leben heute rund 25'000 Stiefkinder in der Schweiz in «faktischen Lebensgemeinschaften». Der Dachverband Regenbogenfamilie geht von mindestens 6000 Kindern aus, die bei gleichgeschlechtlichen Paaren aufwachsen.

Nicht immer handelt es sich um Leihmutterbabys: Kinder von Homosexuellen können aus früheren heterosexuellen Beziehungen stammen, manchmal erfüllen sich schwule und lesbische Paare ihren Kinderwunsch auch gemeinsam.

Ethische Bedenken

Marc und Tom sind schon seit über zehn Jahren ein Paar. Als Tom zum ersten Mal von einer Leihmutter sprach, hatte Marc ethische Bedenken. Doch je mehr sich die beiden damit befassten, desto mehr wandelten sich seine Vorurteile. Schliesslich fanden die beiden in den USA eine Eizellspenderin und eine Leihmutter. Beide Männer befruchteten Eizellen der Spenderin, die Leihmutter trug Amélie und Noah als Zwillinge aus. Das Verhältnis zur Leihmutter sei bis heute innig – «fast wie in einem kitschigen Hollywood-Film», so Tom.

Mehrere Fotos der Amerikanerin zieren die Wohnung des Paars. Noah braust in seinem Tretauto an die Fotowand heran. «Anna*!», nuschelt er aufgeregt, und zeigt auf das Bild einer jungen Frau mit hellbrauen Haaren. Die 30-Jährige hat bereits zwei eigene Kinder. Die Krankenschwester habe sich aus «sozialen Gründen» entschieden, einem schwulen Paar dessen Kinderwunsch zu erfüllen, erklärt Tom.

«Nur Wunschkinder»

Im Ständerat dürfte die Stiefkindadoption für Homosexuelle intakte Chancen haben. Nur eine Minderheit der Kommission ist dagegen. Einer der Gegner ist Stefan Engler (CVP). Er sieht in der geplanten Gesetzesänderung einen Schritt hin zum kompletten Adoptionsrecht für Schwule und Lesben: «Jedes Kind hat Anspruch auf Eltern, nicht jedes Lebensmodell hat aber Anspruch auf ein Kind.» Jedes Stiefkind haben auch einen biologischen Elternteil – dieses soziale Umfeld dürfe bei der Frage des Kindeswohls nicht ausgeblendet werden.

Marc und Tom lassen dieses Argument nicht gelten. «Die Kinder haben viele weibliche Bezugspersonen. Und das Wichtigste: Sie wachsen in einer Familie auf, die sie liebt.» Ein fünfjähriger Prozess und Ausgaben von über 120'000 Franken waren nötig, bis die beiden ihre Babys zum ersten Mal in den Armen halten konnten. «Wenn Schwule oder Lesben ein Kind bekommen, dann ist das in jedem Fall ein Wunschkind – es gibt keine Unfälle.» Dass Noah und Amélie eines Tages unter ihrer ungewöhnlichen Zeugungsgeschichte leiden könnten, glauben sie nicht. «Wir sind sehr offen zu unseren Kindern, es gibt keine Geheimnisse.»

«Die grössten Bünzlis»

Inzwischen kennen Marc und Tom in der Schweiz mehrere Männer mit Leihmutterkindern – und viele weitere im Ausland. «Diese Familien sind Realität. Die Politik kann die Augen nicht davor verschliessen», sagt Marc. Das Umfeld des Paars wusste von Anfang an Bescheid. «Sie unterstützen uns, wir erhielten eigentlich nur positive Reaktionen.» Nach der Geburt bekamen beide sechs Monate unbezahlten Urlaub von ihren Arbeitgebern, heute arbeiten beide je drei Tage pro Woche. Die Grosseltern kümmern sich zwei Tage monatlich um die Kinder, im Quartier kennt man die Familie. Dass es gegenüber ihrem Lebensmodell Vorbehalte gibt, wissen die beiden freilich. Deshalb wollen sie zum Schutz der Kinder nicht mit ihren richtigen Namen hinstehen.

«Wir hoffen, dass es diese Tabus bald nicht mehr gibt», sagt Marc. Seitdem die Kinder da seien, sei ihr Glück perfekt. «Nun müssen wir nur noch auf dem Papier eine richtige Familie werden.» Und wenn sie noch einen Wunsch frei hätten? «Ein eigenes Haus in der Stadt», sagt Tom, und strahlt übers ganze Gesicht. «Dann fehlt ja nur noch der Hund und wir sind die grössten Bünzlis», sagt Marc und lacht. Die Kinder giggeln mit – zum Abschied winken sie lange aus dem Fenster.

*Alle Namen von der Redaktion geändert