Kreidezähne

02. August 2018 12:26; Akt: 02.08.2018 12:37 Print

Maxim (6) zerbröckeln die Zähne

von D. Waldmeier - Dem 6-jährigen Maxim müssen vier neue Backenzähne unter Vollnarkose gezogen werden. Die Familie hofft, dass die Kreidezähne als Krankheit anerkannt werden.

Maxim (6) erzählt im Video, wie er mit seinem Zahnleiden umgeht. (Video: 20 Minuten / Samuel Walder)
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Kerstin Bülau aus Ramsen SH ist verzweifelt: Als ihr Sohn Maxim vor gut einem Jahr die ersten bleibenden Backenzähne bekommt, stellt sie fest, dass sie braune und gelbe Stellen aufweisen und bröckelig sind. Auch an den Schneidezähnen zeigen sich seltsame Wölkchen. Der knapp Siebenjährige hat Kreidezähne – im Fachjargon MIH genannt (siehe Box).

«Zwei Zähne sind ganz schlimm. Für uns war es ein Schock, weil wir immer penibel auf die Dentalhygiene geachtet und ihm kaum Zucker gegeben haben», sagt die Mutter. Die Zahnärzte hätten versucht, die Zähne zu flicken, die Füllungen hätten aber nicht gehalten und seien herausgebrochen. Weil der schützende Zahnschmelz fehle, habe ihr Sohn grosse Schmerzen beim Essen und Zähneputzen.

Maxim (6) zerbröckeln die Zähne

Glaces werden zur Tortur

Besonders schlimm sind Hitze und Kälte, sagt Maxim. Speisen, die direkt aus dem Kühlschrank oder dem Eisfach kommen, bereiten ihm Qualen. «Ich mag Schokoladeneis, aber weil es so weh macht, kann ich es nicht essen.» Er versuche, die Glace vorne zu essen, damit sie nicht mit den betroffenen Zähnen in Kontakt komme, sagt seine Mutter.

Maxim muss nun die vier betroffenen Zähne ziehen lassen. Er nennt es «wegzaubern». Die Operation findet unter Vollnarkose statt. «Wir sind froh, wenn sie endlich weg sind, damit Maxim wieder normal essen kann und nicht mehr leiden muss.» Dieser habe aber keine Angst und sei sehr tapfer. «Wir sind sehr stolz auf unseren Sohn.» Nach der Operation kommen jahrelange Nachbehandlungen auf ihn zu. «Wir haben noch einen langen Weg vor uns.»

Krankenkassen zahlen nicht

Für die Familie ist die Zahnschmelzstörung auch finanziell eine grosse Belastung. «Mein Mann – er ist Landschaftsgärtner – und ich werden die Behandlungskosten von mehreren tausend Franken abstottern müssen.» Die Krankenkassen übernehmen weder die Zahnarztrechnung für die Sanierung noch für die Folgebehandlungen der Zahnstellung, weil MIH nicht im Leistungskatalog aufgeführt ist.

Die Mutter appelliert an die Politik, dies zu ändern: «Bei MIH handelt es sich um einen Entwicklungsfehler ohne Selbstverschulden. Es gibt so viele Betroffene, mit denen ich mich in Facebook-Gruppen austausche. Würden die Kassen zumindest einen Teil der Kosten übernehmen, wäre vielen Familien geholfen.»

Kassen spielen den Ball dem Bund zu

Matthias Müller, Sprecher des Krankenkassenverbands Santésuisse, sagt: «Wir verstehen, dass die Situation für diese Familie schwierig ist.» Grundsätzlich gebe aber der Bund vor, welche Leistungen in der Zahnmedizin durch die Grundversicherung finanziert werden. «Der Leistungskatalog ist für die Krankenkassen verbindlich.»

Skeptisch ist er gegenüber einer Aufnahme von MIH in den Leistungskatalog: «Das müsste man hier sehr genau abklären, ansonsten würden die Prämienzahler wohl massiv stärker belastet. Die Schwierigkeit der Abgrenzung und Diagnose wäre sicherlich anspruchsvoll und müsste in die Beurteilung einfliessen.»

Beim Bundesamt für Gesundheit (BAG) heisst es, in der Schweiz seien Zahnarztbehandlungen nur in Ausnahmefällen – etwa bei «einer schweren, nicht vermeidbaren Krankheit des Kausystems» – eine Pflichtleistung der Grundversicherung. Solle MIH zur Pflichtleistung werden, müsse ein Antrag eingereicht werden.