20. April 2005 13:46; Akt: 20.04.2005 13:52 Print

Medikamentenpreise 600 Millionen zu teuer

Die Medikamentenpreise sind in der Schweiz deutlich höher als in den Nachbarländern. Die Krankenkassen verlangen nun vom Bund drastische Preissenkungen.

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Gestützt auf eine Vergleichsstudie ortet santésuisse ein Sparpotenzial von 600 Millionen Franken.
Nach Pharmaindustrie und Preisüberwacher haben jetzt auch die Krankenkassen die Medikamentenpreise unter die Lupe genommen. Der am Mittwoch an einer Medienkonferenz in Zürich publizierte Preisvergleich des Dachverbandes santésuisse umfasst die Länder Deutschland, Österreich, Italien, Frankreich und Belgien.

Demnach liegen die Medikamentenpreise ab Fabrik in den Nachbarländern zwischen 15 und 34 Prozent unter dem Schweizer Preisniveau. Ihm am nächsten kommt Deutschland. Noch höher (18 bis 38 Prozent) sind die Unterschiede bei den Endverbraucher-Preisen. Verglichen wurden die 100 umsatzstärksten Medikamente ohne die in den einzelnen Ländern sehr unterschiedlich hohe Mehrwertsteuer.

Pharmaindustrie bisher geschont

Die Pharmaindustrie sei bisher vom Kostendruck im Gesundheitswesen weitgehend verschond geblieben, sagte santésuisse- Präsident und Bündner SVP-Ständerat Christoffel Brändli. Gerade hier bestehe aber grosser Handlungsbedarf.

Nicht die Mengenausweitung, sondern Preiserhöhungen hätten in den letzten Jahren den Medikamentenanteil an den Gesundheitskosten erhöht. Mit über 4 Milliarden Franken jährlich sei der Kostenanteil der Medikamente an den Gesamtausgaben der Grundversicherung heute höher als die ambulante medizinische Versorgung. Rund ein Viertel der Versicherungsprämie entfalle heute auf Medikamente.

Bund soll Handlungsspielraum nutzen

Laut Fridolin Marty, santésuisse-Gesundheitsökonom und Mitglied der Eidg. Arzneimittelkommission, muss der Bund seinen grossen Handlungsspielraum nutzen. Medikamentenpreise seien «administrierte Preise», die auf Antrag der Pharmaindustrie bewilligt würden. Und laut Brändli fehlen in der KVG-Vorlage des Bundesrates griffige Massnahmen zur Dämpfung der Medikamentenpreise.

Bei Medikamenten mit abgelaufenem Patent sollte der Preis laut santésuisse durch die Behörden um mindestens ein Viertel auf mitteleuropäisches Niveau gesenkt werden. Bei patentgeschützten Medikamenten verlangt der Verband eine Reduktion von 15 Prozent.

Bund soll regelmässig prüfen

Dies brächte bei den Top-100-Medikamenten Einsparungen von 300 Millionen Franken jährlich. Würden auch die anderen Medikamentenpreise der Spezialitätenlisten (Zugelassen für Grundversicherung) entsprechend reduziert, läge der Spareffekt bei insgesamt 600 Millionen Franken.

Santésuisse-Direktor André Giger fordert ferner kritische Überprüfungen von Medikamenten-Zweckmässigkeit und -Preisen. Heute geschehe dies erst nach Ablauf der 15-jährigen Patenfrist. Ferner sollten Herstellung und Absatz von Generika durch bessere Rahmenbedingungen gefördert werden.

Hochkonjunktur für Vergleichsstudien

2003 publizierte der Branchenverband Interpharma eine Vergleichsstudie, die teils weit geringere Preisdifferenzen zum Ausland auswies. Preisüberwacher Rudolf Strahm konterte einen jüngsten Preisvergleich von Interpharma zwischen Schweiz und Deutschland im März mit einer Gegenstudie.

Er übte Kritik an Interpharma, die teils nicht aktuelle Zahlen benutzt habe. Daran knüpfte santésuisse an: Die Interpharma habe in ihrer Studie von 2003 vor allem auch mit Preisen argumentiert, welche die deutlich höheren Mehrwertsteuern im Ausland einbezogen. Das habe zu Verzerrungen geführt.


(sda)