Leben im Freien

22. Juni 2017 05:49; Akt: 22.06.2017 14:11 Print

Mediterraner Lebensstil bringt Städte an Grenzen

von Adrian Schawalder - Das Leben der Schweizer findet zunehmend draussen statt. Doch viele Städte haben ihre Kapazitätsgrenzen erreicht.

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Openairs, Kinoabende unter freiem Himmel, Food Festivals, Grillieren am See: In den letzten 15 Jahren hat sich das Leben der Schweizer verstärkt nach draussen verlagert. Öffentliche Plätze sind bei schönem Wetter überlaufen, ebenso die Aussenbereiche der Restaurants und Bars. In der Stadt Zürich hat sich die Zahl der Aussenbestuhlungen auf öffentlichem Grund in den letzten 20 Jahren mit einer Anzahl von 700 fast verdoppelt – Tendenz steigend. Diese Entwicklung hat einen Namen. Man spricht von der «Mediterranisierung des öffentlichen Raums».

Die Gründe dafür sind der gesellschaftliche Wandel, die Zuwanderung und die steigenden Temperaturen (siehe Box). Wolfgang Kaschuba, Metropolen-Forscher der Berliner Humboldt-Universität, spricht von einem «Ausbruch der Menschen aus der Fernseh- und Sofa-Kultur der 80er-Jahre»: «Joggen und Essen, Konzert oder Urban Gardening. Das gemeinsame Draussensitzen und Flanieren mit Bier-, Weinflaschen oder Sektkelchen an Flussufern, in Strassen und in Parks: Das sind intensive Formen öffentlichen Lebens, die wir früher nicht hatten», sagte Kaschube zum Berliner Kurier. Städter wollten alle Bedürfnisse gleichzeitig erfüllt haben: Erlebnis und Entspannung, Kultur und Natur. Statt nur Wohn- und Produktionsstätte zu sein, sollen die Städte heute ein hochattraktives Lebensumfeld bieten. Doch dieses Bedürfnis bringt Schweizer Städte an ihre Grenzen:

Stadt Bern: «An gewissen Orten wird es schwierig für den Fussverkehr»
Die Beanspruchung von öffentlichen Plätzen habe spürbar zugenommen, sagt Sabine Gresch von der Stadtplanung Bern, an einigen Orten sehr stark. Mittlerweile stosse man an Grenzen. «In der Stadt Bern ist der öffentliche Raum zurzeit ein grosses Thema – auch in der Politik. Wir begleiten die Entwicklung und arbeiten an Lösungen», sagt Gresch und erklärt: «An gewissen Orten wird es schwierig für den Fussverkehr, etwa durch viele Events im öffentlichen Raum.» Ein Beispiel hierfür ist der Kornhausplatz. Es bestehe ein politischer Auftrag, ein Nutzungskonzept für die Innenstadt zu erarbeiten, um möglichst alle Nutzungen und Bedürfnisse unter einen Hut zu bringen. «Wichtig ist, dass der öffentliche Raum allen hindernisfrei zur Verfügung steht und nicht kommerzialisiert wird.»

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Stadt Zürich: Mehr Polizei-Einsätze
Das Bedürfnis der Leute, draussen zu sein, spürt auch die Stadtpolizei Zürich. «In den letzten Jahren mussten wir am Wochenende die Belegschaft verstärken», erklärt Polizeisprecher Marco Cortesi. Leute kämen aus der ganzen Schweiz, um das Stadtleben in Zürich zu geniessen und in den Ausgang zu gehen.

Streit ist auch über die Nutzung des Sechseläutenplatzes beim Opernhaus entbrannt. Eine Initiative fordert, dass der Sechseläutenplatz mindestens 300 Tage im Jahr vollständig frei zugänglich ist. «Ziel unserer Initiative ist es, dass der wunderbar gestaltete Sechseläutenplatz so oft wie möglich von den Menschen frei genutzt werden kann», steht auf ihrer Website. Zurzeit werde der Platz zu oft für Events und Veranstaltungen beansprucht.

Stadt Basel: Littering und Uringestank
In Basel wird der öffentliche Raum verstärkt genutzt, wie Roland Frank von der Stadtentwicklungbestätigt. Es gebe mehr Getränkestände, gewisse Regionen würden umgestaltet, etwa das Rheinufer.Dieses werde immer stärker beansprucht.
Doch das sorgt bei den Anwohnern für Ärger. Laute Musik, Littering, Gestank nach Urin und Grillgut sind ihnen ein Dorn im Auge. Die Stadt hat daher die Kampagne #Rhylax gestartet, die für ein respektvolles Zusammenleben sorgen soll.

Stadt St. Gallen: Openair nach drinnen verlegt
In St. Gallen gibt es laut Stadtplaner Florian Kessler immer mehr Veranstaltungen und Aussenlokale in der Innenstadt, was zu Interessenkonflikten führt. Viele Anwohner hätten sich am Lärm gestört. Das hat dazu geführt, dass die Jugendarbeit verstärkt wurde. Und man ging noch einen Schritt weiter: Wegen Lärmbedenken wurde dieses Jahr das Weihern-Festival, ein Openairkonzert, nach drinnen in eine Halle verlegt.
Nachtrag: Das Weihern-Festival findet nun doch draussen statt.

Stadt Luzern: Keine Konflikte
In Luzern werden vor allem die Bereiche am See- und Flussufer stärker beansprucht, wie Dominik Frei von der Stadtplanung feststellt. Zudem hätten Restaurants ihre Aussenbestuhlung auf öffentlichem Grund stark vergrössert. Es würden auch viel mehr öffentliche Events stattfinden. Ein Problem sieht man darin jedoch bisher nicht. Im Gegenteil: Die Juso-Fraktion hat vor kurzem ein Postulat eingereicht, in dem gefordert wird, dass kleine Gastro-Unternehmen mehr öffentliche Plätze nutzen können.

«Mediterranisierung macht Städte attraktiver»
Architekt und Stadtplaner Patrick Gmür sieht in der Mediterranisierung eine Herausforderung für die Schweizer Städte: «Unsere Städte werden dichter. Somit werden Freiräume wichtiger, aber auch stärker beansprucht.» Dennoch findet Stefan Kurath, Professor im Bereich Städtebau an der ZHAW, die Entwicklung positiv. Der öffentliche Raum sei das, was eine Stadt ausmache: «Die Aufwertung und Belebung öffentlicher Plätze macht die Städte attraktiver für ihre Bewohner, Touristen und internationale Arbeitgeber.»

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Unterer Rheinweg, Basel am 22.06.2017 06:02 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Grenzen erkennen.

    Mediterranisierung Ja. Respekt vor Mitmenschen Ja! Böxlimusik um 1Uhr nachts?! NEIN!

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  • Lena am 22.06.2017 06:13 Report Diesen Beitrag melden

    Weniger ist mehr

    Leider sind wir einfach zu viele Menschen in diesem Land. Draussen sein ist herrlich aber nicht im Massenpulk.

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  • Geissenpeter am 22.06.2017 06:01 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Kultur

    darf man hier erwähnen woher dieser Kulturwandel kommt und wieso es draussen immer wenger Platz hat? Oder mache ich mich damit strafbar?

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Peter S am 22.06.2017 13:14 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Bitte mehr Eisdielen

    Was noch fehlt sind Eisdielen an öffentlichen Plätzen. Denn es gibt nichts herrlicheres als ein schönes Spaghettiglace an einem heissen Tag an einem Platz. So etwas fehlt in Zürich.

  • Philipp Kunz am 22.06.2017 11:05 Report Diesen Beitrag melden

    Weniger Verkehr, mehr Qualität

    Wenn der Autoverkehr aus den Städten verbannt wird, hätten wir deutlich mehr Platz und bessere Luft. Der ÖV ist bereits heute dazu gut genug ausgebaut.

  • Besserwisserin am 22.06.2017 10:44 Report Diesen Beitrag melden

    Geisterstadt Zürich

    Weiss eigentlich nicht mal von was im Artikel die Rede ist. Ich bin immer wieder überrascht wie wenig am Abend los ist in Zürich, zum Teil sieht es wirklich wie Geisterstadt aus. Das einzige Lärm, die ich abends wahrnehme sind Baugeräusche und Polizeisirene, keine Musik oder sonst was. Ich wohne im Zentrum und sehe auf 4 Bars aus meinem Fenster, die alle draussen Tische haben. Die habe ich noch nie wenigstens halbvoll gesehen, nicht mal am Wochenende.

  • Susi Cats am 22.06.2017 10:43 Report Diesen Beitrag melden

    Was soll das Gejammer es ist Sommer

    Hört doch mit dem Gejammer auf erst vor einem Monat wurde gejammert es war zu Kalt dann zuviel Regen dann wieder zu trocken und jetzt hat es plötzlich zuviele Leute draussen.Es ist wie jedes Jahr Sommer einmal heisser einmal kühler geniesst doch die kurze schöne warme Zeit.Was wollt ihr das die Leute drinnen sitzen oder das man ins Ausland geht aber da habt ihr ja auch was dagegen.Dann seht zu das nicht mehr Flüchtlinge rein kommen aber das intressiert euch nicht.

  • RELO am 22.06.2017 10:22 Report Diesen Beitrag melden

    Temporär

    Sitzen nun alle draussen, danach ists wieder für 3/4 des Jahres ausgestorben. Bauen wir noch Häuser für 2-4 Mio. und dann sitzen bald 10-12 im Sommer in den Städten rum. Muss man halt temporär ein wenig zusammenrutschen...wo isch ds Problem? ;-)