Fachkräfte-Mangel

29. Juli 2014 09:11; Akt: 29.07.2014 09:11 Print

Mehr Krippen – weniger geeignetes Personal

von S. Marty - Zwar wurden in der Schweiz mehr Krippenplätze geschaffen, nun aber fehlt es an den geeigneten Fachkräften. Die Arbeitsbedingungen müssen verbessert werden, fordern Experten.

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Laut Branchenexperten fehlt es in Krippen an geeignetem Personal. (Bild: Keystone/Gaetan Bally)

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Der Ruf nach mehr Krippenplätzen in der Schweiz war laut. Und er führte dazu, dass das Betreuungsangebot kontinuierlich zugenommen hat. In der Stadt Zürich etwa wurden im letzten Jahr rund 500 neue Betreuungsplätze geschaffen. Eine vom Schweizerischen Nationalfonds finanzierte Studie geht davon aus, dass in der Schweiz pro Woche rund 69'000 Kinder auf Teilzeitbasis betreut werden können.

«Zwar liegt die Schweiz damit international noch immer im Hintertreffen – dennoch ist dies eine Entwicklung in die richtige Richtung», meint Nadine Hoch, Co-Geschäftsleiterin von Kibesuisse, Verband Kinderbetreuung Schweiz. Der erfreuliche Trend hat laut Hoch jedoch einen unschönen Nebeneffekt: «Mit dem Ausbau des Angebots fehlt es auch zunehmend an qualifiziertem Personal.»

Seit Anfang Jahr bekomme sie immer wieder entsprechende Rückmeldungen. «Vor allem in den städtischen Regionen wird diese Personalknappheit festgestellt», so Hoch. Dies bestätigt auch Stefanie Knocks vom Netzwerk Kinderbetreuung. «Zu lange wurde nur an die Anzahl Krippenplätze gedacht und nicht daran, dass man auch gut ausgebildete Erzieher braucht.»

Tiefer Lohn, schlechtes Image

Laut Knocks gibt es zwar viele junge Frauen, die sich heute zur Kleinkinderzieherin ausbilden lassen – doch auf dem Beruf würden die meisten nie lange bleiben: «Die Fluktuation bei den Kinderbetreuerinnen ist enorm hoch, nur wenige sind in dieser Branche über 35 Jahre alt.» Schuld daran seien vor allem die schlechten Arbeitsbedingungen. «Der Beruf ist psychisch und physisch sehr anspruchsvoll, die Bezahlung ist zu niedrig und das Image schlecht», meint Knocks.

SP-Nationalrätin Jacqueline Fehr ergänzt: «Wenn man beruflich auf eigenen Beinen stehen möchte und auch noch eine Familie zu ernähren hat, dann reicht der Lohn nicht aus.» Viele Junge sehen die Kinderkrippe nur als Übergangsstation: «Ich kenne viele, die schon bald darauf eine Weiterbildung, etwa im Lehrerberuf in Angriff nehmen», so Fehr.

Akademisierung des Berufes

Für Nadine Hoch und Stefanie Knocks birgt der Mangel die Gefahr, dass sich mehr unerfahrene oder nicht ausgebildete Personen um die frühkindliche Bildung, Betreuung und Erziehung kümmern könnten. Vorgaben zu Gruppengrösse, Anzahl Kinder pro Betreuer und der Ausbildung des Personals gibt es zwar, doch diese gelten nicht überall. Hoch: «Gerade in Kantonen ohne Mindestvorgaben besteht die Gefahr, dass man auf schlecht ausgebildetes Personal zurückgreift.»

Für die Co-Geschäftsleiterin von Kibesuisse müssen die Berufe in der Branche deshalb unbedingt an Attraktivität gewinnen. Sie wünscht sich, dass die Berufe im Bereich der Bildung, Betreuung und Erziehung unter den Bildungsbereich fallen und nicht in den Sozialbereich.

SVP-Nationalrätin und Krippenbetreiberin Nadja Pieren lehnt solche Forderungen ab: «Ich bin gegen jede Akademisierung und Verstaatlichung des Krippenwesens.» Die frühkindliche Bildung müsse familienergänzend bleiben und dürfe nicht familienersetzend werden, meint Pieren, die die ganze Aufregung um den Personalmangel nicht nachvollziehen kann. «Wenn ich eine Stelle ausschreibe, bekomme ich immer bis zu 20 Bewerbungen. Es gibt sehr viel gut qualifiziertes Fachpersonal, das auf Stellensuche ist.» Sie sei seit zehn Jahren selbstständig und noch nie mit einem Mangel konfrontiert gewesen. Doch sie sorge auch dafür, dass in ihrem Betrieb die Arbeitsbedingungen attraktiv seien.