20-Minuten-Umfrage

04. Juni 2019 11:06; Akt: 04.06.2019 11:06 Print

Die Mehrheit der Frauen findet ihren Lohn zu tief

von P. Michel - Der Frauenstreik versucht, mit den unerklärbaren Lohnunterschieden zu mobilisieren. Jede zweite Frau glaubt, sie verdiene aufgrund ihres Geschlechts weniger.

Bildstrecke im Grossformat »
«Frauen haben weniger Geld, weniger Zeit und weniger Anerkennung für die Arbeit, die sie leisten», schreiben die Verantwortlichen des Frauenstreiks. Die gewichtete Umfrage von 20 Minuten zum Frauenstreik bei 11596 Personen zeigt nun, inwiefern sich Frauen in der Gesellschaft tatsächlich diskriminiert fühlen. 57 Prozent der Frauen fühlen sich diskriminiert, während 67 Prozent der Männer keine Benachteiligungen sehen. Für Helena Trachsel, Gleichstellungsbeauftragte des Kantons Zürich, ist die Notwendigkeit des Streiks ungebrochen, obwohl eine Mehrheit von 53 Prozent keine Diskriminierung der Frauen sieht. «Wir haben Fortschritte gemacht. Aber dass jede Vierte offenbar respektlosen Umgang erlebt, ist weiterhin alarmierend.» Dass zudem die Lohnungleichheit als grösstes Problem gesehen wird, erstaunt Trachsel nicht: «Das ist seit der Inkraftsetzung des Gleichstellungsgesetzes das Topthema» Doch wie ist es zu erklären, dass 67 Prozent der Männer finden, Chancengleichheit sei gegeben oder gar sie selbst seien diskriminiert? «Auch Männer erleben Gefühle der Diskriminierung: Sie müssen Ernährer und aktive Väter sein, dabei fehlt es an einem Vaterschaftsurlaub, Teilzeitstellen, hinzu kommt die Militärpflicht», sagt Trachsel. Da aber die Rechte der Frauen eher debattiert würden, wehrten sich die Männer, indem sie Frauen die Solidarität durch Negieren der Diskriminierung entzögen, so Trachsels Interpretation. «Im Vergleich zur Generation meiner Mutter sind wir privilegiert», sagt Claudine Esseiva von den FDP-Frauen. In den letzten Jahren habe man viel erreicht. Die Zahlen zeigten aber, dass es noch Nachholbedarf gebe – auch wenn die Hälfte der Befragten Frauen als nicht benachteiligt ansieht.

Zum Thema
Fehler gesehen?

Die Organisatoren des Frauenstreiks nehmen an ihren Protesten eine aus ihrer Sicht zentrale Diskriminierung ins Visier: die Lohnunterschiede zwischen Mann und Frau. Das Argument scheint bei den Frauen zu verfangen: Laut einer gewichteten 20-Minuten-Umfrage bei 11'596 Personen glauben 52 Prozent der Frauen, sie verdienten nur aufgrund ihres Geschlechts weniger.

Den Grund für den Unterschied machen die Frauen bei der Teilzeitarbeit aus: Dadurch entstünden Erfahrungsrückstände, die sich gegenüber den Männern im Lohn niederschlügen, sagen 37 Prozent. 22 Prozent sehen die Frauen von der Wirtschaft grundsätzlich diskriminiert, einfach weil sie Frauen sind.

Auch das Bundesamt für Statistik stellte in seiner jüngsten Lohnanalyse fest, dass die mittlere Lohndifferenz 17,4 Prozent beträgt. Mehr als die Hälfte des Unterschieds ist jedoch erklärbar: Frauen sind in Kaderstellen weniger vertreten, arbeiten mehr Teilzeit oder eher in Tieflohnbranchen.

Unerklärter Lohnunterschied

Nach Berücksichtigung dieser Faktoren bleiben 7,7 Prozent unerklärt, was 642 Franken im Monat entspricht. Dazu, wie viele Frauen in absoluten Zahlen von Lohnunterschieden betroffen sind, liegen beim BFS keine Zahlen vor.

Doch inwiefern die Zahlen die tatsächliche Diskriminierung gegenüber Frauen wiedergeben, ist umstritten. Ökonominnen wie Silvia Strub vom Büro für arbeits- und sozialpolitische Studien BASS schätzen die Diskriminierung gar noch höher ein: «Werden zusätzlich die Pensen-Unterschiede infolge der Ungleichverteilung in der Haus- und Familienarbeit betrachtet, sind die Geschlechter-Unterschiede noch viel grösser und betragen mehr als 30 Prozent – was sich nicht zuletzt auch im Alter auf die Renten auswirkt.»

Und das Eidgenössische Gleichstellungsbüro schreibt gestützt auf die BFS-Analysen: «Nicht zuletzt bewirkt Lohndiskriminierung eine Wettbewerbsverzerrung zwischen Unternehmen und kann den sozialen Frieden gefährden.»

Demgegenüber stehen Kritiker, die monieren, in der BFS-Analyse werde die Berufserfahrung als Faktor nicht berücksichtigt. Dieser Ansicht ist auch Marco Salvi, Ökonom beim liberalen Thinktank Avenir Suisse. Er streitet zwar nicht ab, dass es Lohnunterschiede gibt. «Das allein ist aber nicht ausreichend, um eine Diskriminierung nachzuweisen.»

Vergleich sei heikel, sagen Kritiker

Die Datenlage in der Schweiz sei dünn, es sei sehr schwierig, zwei Fälle mit exakt denselben Voraussetzungen einander gegenüberzustellen, findet Salvi. «Berücksichtigt man, dass Frauen durch Teilzeitarbeit und Mutterschaft an Berufserfahrung verlieren, wäre der unerklärbare Unterschied wohl viel kleiner.»

Lohndifferenzen gebe es vor allem zwischen Männern und Müttern, sagt Salvi. Das Problem liege also in der Vereinbarkeit von Karriere und Familie, nicht in der Diskriminierung der Unternehmen – oder gar aller Männer. «Wir müssen jene Hürden aus dem Weg schaffen, die einem stärkeren beruflichen Engagement der Frauen entgegenstehen. Der Übergang zur Individualbesteuerung wäre zum Beispiel eine solche Massnahme.»

Kommentarfunktion vorübergehend geschlossen
Aktuell warten über 80 Kommentare zu diesem Thema auf Freischaltung. Wir werden diese schnellstmöglich sichten und freigeben. Bis wir so weit sind, wird die Kommentarfunktion aus Kapazitätsgründen vorübergehend deaktiviert. Sie wollen aber jetzt kommentieren? Dann loggen Sie sich ein! Meinungsbeiträge von angemeldeten Lesern werden vorrangig behandelt. Hier gehts zum Login >>

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Travor am 04.06.2019 06:45 Report Diesen Beitrag melden

    Frauen werden bevorzugt

    Die CS will ja nun Frauen bei der Stellenvergabe konsequent bevorzugen. Sollte dennoch ein Mann angestellt werden, so muss dies speziell bewilligt werden, mit Begründung, wieso es ein Mann sein muss. Ist das normal?

    einklappen einklappen
  • Denkpause am 04.06.2019 06:18 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Schön und gut ...

    ... sie wünschen gleiche Rechte. Ich habe noch nichts davon gehört, dass sie auch die gleichen Pflichten wünschen.

    einklappen einklappen
  • Thomas am 04.06.2019 06:45 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Frauen Diskriminierung?

    interessant, dass mehr frauen denken, dass männer diskriminiert werden, als männer denken, dass sie selber diskriminiert werden. insgesamt zeigt dich die umfrage vor allem dad männer diskriminert werden. dies vor allem wegen den diskriminirenden gesetzen wie militärpflicht, witwenrente, ahv- alter usw. wo hingegen die frau von gesetztes wegen immer gleich oder besser gestellt ist.

    einklappen einklappen

Die neusten Leser-Kommentare

  • corettli am 04.06.2019 20:40 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Frauen

    warum glaubt ihr Männer zu sein??? Erbringt doch mal wirklich die gleiche Leistun wie die Männer bei der Arbeit und hört bei jedem Wehwechen auf zu Hause zu bleiben.Geht Krampfen auf dem Bau bei Wind ,Hitze ,Regen und schnee und Kälte. Ihr würded keine Woche durchhalten. Seht endlich ein,dass Ihr niemals die stärke eines Mannes in euch habt. Warum müsst ihr euch Frauen immer den Männern gleichstellen. Ich selbst bin auch eine Frau,aber ich bin zu frieden mit dem was ich habe. Ja ich habe einen Mann,der geht Arbeiten und wenn er nach hause kommt bin ich glücklich und zufrieden,weil er für mich da ist und mich liebt. Also seit doch einfach mal zu frieden mit dem was man habt und was der Partner einem gibt.

  • Rolf Kurt am 04.06.2019 20:26 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Dienen und verdienen

    Wir alle verdienen viel, nur bekommen wirs nicht.

  • Linda am 04.06.2019 20:19 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    ich bin Mensch

    ich verdiene mehr wie mein männlicher Arbeitskollege. Spreche aber mehr Sprachen und hab mich im Leben bewegt. Generell bin ich zufrieden. ein Leben ohne Männer wäre langweilig. Ich werde nicht streiken. bin kein Fan von militanten Frauen

  • King Kong am 04.06.2019 20:16 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Es gibt noch viel zu tun

    Gleichberechtigung wird es erst dann geben, wenn auch Frauen ihre Privilegien abgeben müssen. Es müsste z.b. ebenfalls widerrechtlich sein, wenn eine Frau mehr verdient als ein Mann oder wenn sie bloss darum angestellt wird, weil sie eine Frau ist. Der Weg ist noch weit.

  • Schreiber am 04.06.2019 20:11 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    300

    Unzufrieden? Der Rest der Schweiz sieht ein,nur das Miteinander kann gut gehen!