Reportage

31. Oktober 2014 22:13; Akt: 31.10.2014 22:13 Print

Mergim (14) jobbt, um eine Lehrstelle zu finden

von J. Büchi - Der 14-jährige Mergim arbeitet in seiner Freizeit in einer Vespa-Werkstatt, davor jobbte er im Restaurant. So sollen sich seine Chancen auf eine Lehrstelle verbessern.

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Konzentriert schiebt Mergim eine kleine rote Vespa vom Vorplatz in Richtung Werkstatt. Vorbei an den anderen Töffs, um die enge Kurve beim Eingang. Der Platz ist knapp, Mergim manövriert die Vespa vor und zurück, damit sie nirgends anstösst. Der Chef eilt ihm zur Hilfe: «Einlenken, jetzt musst du einlenken.» Mergim ist 14, er darf noch nicht Töff fahren. Dennoch verbringt der Schüler seinen freien Mittwochnachmittag jede Woche im «Scooter Planet», der die Kultmotorräder verkauft und repariert.

In der Zürcher Töffwerkstatt hat Mergim einen sogenannten Wochenarbeitsplatz. «Mit der Arbeit hier bereite ich mich auf die Lehrstellensuche vor», erklärt der Schüler. Er ist Teil des nationalen Jugend-Projekts LIFT, das Jugendlichen mit erschwerter Ausgangslage den Eintritt ins Berufsleben erleichtern soll. Angesprochen sind Schüler, die die Sek B besuchen, die schulische Schwierigkeiten haben, sehr scheu sind oder die einfach ihre Chancen auf dem Lehrstellenmarkt verbessern wollen.

«Schwer ist es nur, wenn mans nicht kann»

Schüchtern ist Mergim nicht. Gut gelaunt erzählt er, was er bei Scooter Planet schon alles gelernt hat: Rückspiegel reparieren, Pneus auswechseln, Scooter putzen. Ob das schwierig ist? Mergim lacht: «Nur, wenn mans nicht kann.» Er selber habe in den letzten Monaten schon viel über Töffs gelernt. «Bevor ich hier angefangen habe, wusste ich zum Beispiel nicht, was eine Schraubenmutter ist.»

Insgesamt hat Mergim nun bereits ein Jahr Arbeitserfahrung gesammelt. Vor der Töffwerkstatt arbeitete er in einem Restaurant. «Ich habe die Leute gefragt, was sie trinken wollen, manchmal habe ich auch Zigaretten verkauft.» Mit der Zeit sei ihm das aber zu langweilig geworden. Im Scooter Planet gefällt es ihm besser. Fünf Franken verdient er hier pro Stunde. «Den nächsten Lohn brauche ich für die Geburtstagsparty meines besten Freundes. Er wird dann auch 14, dann machen wir die Töffli-Prüfung zusammen.»

Missgeschicke passieren

Fünf bis acht Franken Stundenlohn sind Standard im LIFT-Projekt. «Finanziell lohnt sich die Beschäftigung der Schüler nicht», sagt Daniel Urben, Inhaber von Scooter Planet. «Es geht uns darum, den Jungen etwas weiterzugeben.» Eigene Lehrlinge ausbilden kann der Betrieb nicht, dafür ist er mit fünf Mitarbeitern zu klein. «Immerhin können wir so trotzdem einen Beitrag dazu leisten, dass die Töffmechaniker in der Schweiz nicht aussterben.» Etwas «Gutmenschentum» sei schon dabei, so Urben.

Der Chef habe auch schon Geduld mit ihm gebraucht, räumt Mergim ein. «Einmal, ganz am Anfang, habe ich die Aufkleber für die Vespas verkehrtherum angemacht. Dann mussten wir alle Kleber nochmals wegnehmen und die Scooter reinigen.» Urben nimmts mit Humor. «Wir haben mit Mergim darüber geredet. Seither gibt er sich höllisch Mühe bei dieser Aufgabe.» Es sei schön, in kurzer Zeit solche Fortschritte zu sehen.

Nur noch ein Drittel fand eine Lehrstelle

Dies sagt auch Caroline Rey, Sek-B-Lehrerin und LIFT-Projektleiterin im Zürcher Schulhaus Letzi. Sie hat LIFT in ihrem Schulhaus lanciert, weil es von Jahr zu Jahr schwieriger geworden sei, eine Lehrstelle für Sek-B-Schüler zu finden: «Irgendwann fand nur noch etwa ein Drittel aller Schüler direkt nach der obligatorischen Schulzeit eine Lehrstelle – obwohl es eigentlich genug offene Stellen gegeben hätte.»

Die Lehrerin führt dies darauf zurück, dass die Anforderungen an die Lehrlinge gestiegen seien. Gleichzeitig hätten Schüler kaum mehr die Möglichkeit, vor der Lehrstellensuche Berufserfahrung zu sammeln. «Früher gingen viele Schüler Zeitungen vertragen oder füllten in der Migros Regale auf. Heute, mit der angespannten Wirtschaftslage, werden diese Aufgaben oft von Erwachsenen verrichtet.» Die Folge: Die Jugendlichen seien im Gespräch mit potenziellen Arbeitgebern eingeschüchtert und hätten keine realistische Vorstellung davon, was Arbeiten bedeute. Langweile sie eine Tätigkeit, wärfen sie schnell wieder das Handtuch.

Im Rahmen von LIFT werden die Schüler intensiv gecoacht. Sie lernen zu telefonieren, Termine zu vereinbaren und in schwierigen Situationen durchzubeissen. Stimmen Schüler und Eltern zu, am Projekt teilzunehmen, müssen die Jugendlichen an Bord bleiben, bis sie eine Lehrstelle oder eine sonstige Anschlusslösung gefunden haben.

«Wir haben es lustig zusammen»

Rey betont, sie habe die Betriebe, die Schüler aufnehmen, sorgfältig ausgewählt. Dass es manchen Leuten sehr früh erscheint, Schüler schon ab 13 Jahren zum Arbeiten zu schicken, sei ihr bewusst. «Wir brauchen aber die zwei Jahre bis zur Lehrstellensuche, damit sich ein Erfolg einstellt.» Im letzten Jahrgang haben laut Rey neun von zwölf LIFT-Schülern eine Lehrstelle oder ein Praktikum gefunden: «Das wäre ohne das Projekt kaum möglich gewesen.»

Mergim will nach der Schule eine Lehre als Automechaniker absolvieren. Deshalb erscheint er jede Woche diszipliniert an seinem Arbeitsplatz – auch wenn er bei schönem Wetter zuweilen Lust hätte, stattdessen auf den Fussballplatz zu gehen. «Aber dann bin ich hier, und wir haben es echt lustig zusammen.»