Messie-Syndrom

27. September 2016 20:37; Akt: 27.09.2016 20:37 Print

Migros bietet Kurse im Entrümpeln an

von V. Fehlmann - Die Menschen besitzen immer mehr Dinge – für viele eine Herausforderung. Konsumexperten verraten, weshalb.

Mit der Zeit sammeln sich in Haushalten viele Dinge an.
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Kleider, Kosmetika, DVDs – im Haushalt sammelt sich mit der Zeit vieles an. Die Klubschule der Migros bietet in Luzern seit kurzem einen Entrümpelungskurs an. «Es geht darum, verschiedene Methoden zum Entrümpeln aufzuzeigen – schliesslich ist jeder anders, und Entrümpeln ist eine persönliche Angelegenheit», sagt Marisa Michlig, Sprecherin Genossenschaft Migros Luzern.

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Im Kurs werden Methoden zum Entrümpeln vorgestellt und Motivation geschaffen, die Herausforderung zu Hause anzupacken. Dabei gehe es um kleine Schritte, erklärt Michlig. «Weniger ist mehr.»

«Man muss immer mehr wegwerfen»

Dass Ausmisten wichtig ist, beweisen Messie-Wohnungen. Laut Barbara Wagner, Vorstandsmitglied beim Verein Lessmess, leiden rund 10 Prozent der Schweizer unter einem Ordnungsdefizitsyndrom. Messies sind jedoch nicht alle, die darunter leiden: «Es ist nicht möglich, zu sagen, ab welchem Zeitpunkt eine Person als ‹Messie› bezeichnet werden kann. Das hängt vielfach vom Umfeld ab – also von einer Aussenansicht», sagt Wagner.

Das Problem: «Ordnung zu halten, wird in unserer Konsumgesellschaft immer schwieriger», sagt die Messie-Beraterin. «Man muss immer mehr wegwerfen oder neu kaufen. Kaputte Geräte werden nicht mehr repariert.»

Therapien ohne Praxis

Doch niemand wird urplötzlich ein Messie. «Der Prozess beginnt schleichend, dauert oft mehrere Jahre. Die Betroffenen haben sicher schon viele Strategien ausprobiert, Ordnung zu halten, aber bei einigen will es nicht klappen.»

Dass Entrümpeln heute notwendig sei, heisse, dass man irgendwann zu viel gekauft habe, so Wagner. Sie findet den Klubschulkurs einen guten Ansatz, zu verhindern, überhaupt zum Messie zu werden. «Der Kurs ist klar zu empfehlen, wenn man an sich die Tendenz erkennt, in einigen Jahren ein wirklich grosses Chaos in der Wohnung zu haben.» Auch Therapien ergäben Sinn, doch würden teilweise kaum konkrete praktische Anleitungen vermittelt.

«Kaufen ist ein Hobby»

Laut Konsumpsychologe Christian Fichter sind nicht einfach nur die Betroffenen schuld, wenn sich immer mehr ansammelt. «Betriebe weltweit haben natürlich ein Interesse daran, möglichst viel abzusetzen.» Mit Tricks versuchen deshalb viele von ihnen, Hemmungen zu überlisten.

Hinzu kommt, dass das Konsumieren heute zur sozialen Norm gehört. «Kaufen ist ein Hobby», so Fichter. Während sich Männer besonders auf Gadgets konzentrierten, gönnten sich Frauen gern modische Güter. «Die Grenzen lösen sich aber zunehmend auf.»

«Vor dem Einkaufen sollte man Schokolade essen»

Onlineshops, die die Zugänglichkeit zu Gütern vereinfachen, verschärfen das Problem. «Je weniger Klicks notwendig sind, desto eher kaufen die Leute», sagt der Experte. Auch fällt der «pain of paying» (Schmerz des Bezahlens) weg. Onlinekäufer hätten zudem eine geringere Hemmschwelle, da sie nicht beobachtet würden.

Auch Fichter heisst einen Entrümpelungskurs gut. «Es ist spannend, dass sich Menschen in Zeiten von Überfluss unwohl zu fühlen scheinen.» Der Konsumpsychologe kennt Tricks, wie es gar nicht erst so weit kommt. «Wichtig ist, mit einem Einkaufszettel zu shoppen. Wenn man merkt, dass man gerade etwas anfällig ist, sollte man sich dessen bewusst sein.» Auch hungrig einzukaufen sei schlecht. Fichters Tipp: «Vor dem Einkaufen ein wenig Schokolade essen. Das gibt Energie, um Impulskäufe zu unterdrücken. Das ist wissenschaftlich nachgewiesen.» Ausserdem sollte man vor der Shoppingtour keine Prospekte durchblättern. «Sie verstärken vorhandene Bedürfnisse.»

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Beno am 27.09.2016 20:54 Report Diesen Beitrag melden

    Traurig

    Überflüssiger Reichtum kann nur Überflüssiges erkaufen. Es wäre Zeit für mehr Bescheidenheit.

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  • Pralinchen am 27.09.2016 20:54 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    oje

    Ich kenne einige Leute die so sind. Ständig nur am kaufen und ummer pleite. ich konnte das gar nicht nachvollziehen, ich spare mein Geld lieber. und bei jedem Gegenstand überlege ich mir ob ich das wirklich brauche. Meistens dann nicht

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  • Meiggo am 27.09.2016 21:00 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Online entrümpeln...!

    Die effizienteste Entrümpelung heisst Ricardo oder Ebay. Da vercheckt man den letzten Schrott für richtiges Geld - Hauptsache die Fotos sind gut!

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Rolf S. am 28.09.2016 09:57 Report Diesen Beitrag melden

    Aktionitis bei Migros und Co.

    Migros, Coop, Denner und Co. heizen mit laufenden Aktionen das Ganze an, die Konsumentinnen/Konsumenten kaufen dann tendenziell zu viel um von den Aktionen zu profitieren. Es ist schon ironisch dass ebendiese Migros solche Kurse anbietet.

  • Olivia Pope am 28.09.2016 09:06 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Aufräumen kann einem überfordern

    Ich würde am liebsten meinen älteren Bruder in so einen Kurs schicken, vielleicht ändert sich dann was. Der lebt in einer 4.5 Zimmer Wohnung mit 2 Balkone und man kaum durch weil jedes Zimmer inklusive Bad mit Sachen, Möbeln und Kleidern voll gestopft ist. Er weigert sich beharrlich einen Werbestop-Kleber an seinen Briefkasten zu kleben weil er die Webung sammelt. Keine Ahnung wieso, er trägt immer nur die gleichen Kleider und in seinem ganzen Leben hat er noch nie Möbel restauriert aber sicher 1000 Baumarktprospekte von weiss nicht wann. Er schmeisst keine Notizzettel oder leere Flaschen oder abgelaufene Nahrungsmittel weg. Er entsorgt nicht einmal kaputte Sachen. Dafür kauft er sich dutzende Reinigungsgeräte, dabei hat er mit den 2 Staubsaugern noch nie gesaugt. Seine Küche ist mit 30 Schüsseln, 50 Tassen, 30 Tellern usw. vollgestellt. Wieso eine einzelne Person so viel Geschirr hat bleibt mir ein Rätsel. Ausser, er hat so viel Geschirr damit er nicht abwaschen muss. Mein jüngerer Bruder haben uns schon den Mund fusselig geredet und immer wieder Hilfe angeboten. Ihm Ratschläge gegen wie er aufräumen soll, in seinen Ferien den Kühlschrank geputzt damit er nicht krank wird und SMS gesendet wann Papiersammlung ist. Genutzt hat es genau nichts. Der will keine Hilfe. Er wird nur wütend oder verspricht Besserung, aber es bleibt alles beim Alten. Ich hoffe es wird nicht so schlimm, dass man ihn aus der Eohnung wirft, weil Ungeziefer sich breit macht.

    • medina am 28.09.2016 11:21 Report Diesen Beitrag melden

      @Olivia Pope

      Ihre Schilderungen deuten darauf hin, dass Ihr Bruder mehr als nur ein kleines Problem mit Aufräumen hat oder einfach nur das Chaos einer perfekten Ordnung vorzieht. Sie als Angehörige können Ihrem Bruder aber sehr wahrscheinlich nicht helfen. Ich an Ihrer Stelle würde mich bei externen Fachstellen informieren (z.B. bei "lessmess").

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  • carmen diaz am 28.09.2016 08:10 Report Diesen Beitrag melden

    alles was die migros...

    ...will, ist, dass die leute wieder mehr platz haben um sich neues zeug in der migros zu kaufen...

    • renato ravioli am 28.09.2016 12:32 Report Diesen Beitrag melden

      alles was tamedia...

      ... will, ist, dass ihre online-handelsplattform ricardo den umsatz steigert.

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  • Luxina am 28.09.2016 08:02 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Viele Hobbies

    Wir sind eine hyperaktive Familie mit vielen Hobbies. Sport, Musik, Handarbeiten, Basteln, Malen, Spielen (Lego, Playmobil), Haustieren, Handwerken, Schulsachen, usw. Tatsächlich verbringe ich viel zu viel Zeit mit aufräumen, ordnen. Es ist nicht einfach, echt. Tipps nehme ich gerne entgegen!

  • medina am 28.09.2016 07:53 Report Diesen Beitrag melden

    Warum kauft man es überhaupt?

    Mir fällt auf, dass hier viele davon schreiben, dass sie regelmässig (jeden Monat!?!) entrümpeln und Dinge wegwerfen, welche sie nicht (mehr) brauchen. Warum überlegt man sich das nicht, BEVOR man etwas kauft? (Ja, ich weiss, ist nicht sehr wirtschafts-freundlich und in einer spartanisch eingerichteten Wohnung hört man die Geräuschkulisse der Nachbarn leider auch viel besser)

    • Heinz Birchermüss am 28.09.2016 15:16 Report Diesen Beitrag melden

      Geld kaufen

      Ich kaufe jeden Monat so viel Geld, dass ich am Monatsende sehr zwangshaft entrümpeln muss. Meine Nachbarin will immer so gespannt sein, dass es dann sogar eine spartanische Geräuschkulisse geben muss.

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