Ex-Muslim

25. April 2019 16:59; Akt: 26.04.2019 11:11 Print

Mit Flüchtling Hadi (23) im Schwulen-Himmel

von Désirée Pomper - Er kommt aus Syrien, ist schwul und hat dem Islam abgeschworen: Unterwegs im Zürcher Nachtleben mit Hadi und seinen Freunden.

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Pasta Parisa lässt den Morgenmantel auf den Boden der kleinen Bühne des Zürcher Clubs Heaven gleiten. Sie, die eigentlich ein er ist, trägt einen BH mit Leopardenmuster und einen schwarzen Minirock aus Leder. Als die Dragqueen aus München mit ihrem blanken Hintern wackelt und sich Pompons von den Nippeln reisst, johlt die Menge. Auch Hadi* und seine Freunde Rihanna* und Malek* aus Syrien, wo Homosexuelle wie sie bis zu drei Jahre ins Gefängnis gesteckt werden, klatschen und lachen in dieser Karfreitagsnacht. Pasta Parisa wirft ihnen Luftküsse zu.


Dragqueen Pasta Parisa aus München.

Hadi: «Klar hätte ich einfach heiraten, eine Familie gründen und mich heimlich mit Männern treffen können, so wie es alle anderen schwulen Syrer machen. Aber es widerstrebte mir. Im Mai 2016 landete ich mit meiner Mutter und einer Schwester in der Schweiz, wo ich wegen meiner sexuellen Orientierung Asyl erhielt. Meine Mutter war schockiert, als sie auf der Strasse ein küssendes Liebespaar sah. Ich roch die Freiheit. Der erste Schwule, den ich über die Grindr-App kennen lernte, gab mir allerdings einen Korb. Er wollte keinen Flüchtling.»


Wer in seinem Heimatland wegen seiner sexuellen Orientierung verfolgt wird, kann in der Schweiz Asyl erhalten. Der Syrer Hadi ist seit knapp drei Jahren in der Schweiz.

Rihanna und Malek nippen an ihrer Cola. Als gläubige Muslime trinken sie keinen Alkohol. Der bärtige Malek, der seit vier Monaten in der Schweiz ist, fasst seiner Freundin, die nur heute Nacht eine Frau ist, zärtlich um die Taille. Hadi bestellt einen Shot und Wodka Redbull. Alkohol habe er früher in Damaskus bei den Christen gekauft und heimlich zu Hause getrunken. Er möge den Geschmack und das warme Gefühl im Körper.

Hadi: «Alkohol zu trinken ist bei uns nicht erlaubt. Dennoch wird es von der Gesellschaft toleriert. Homosexualität aber toleriert niemand. Es ist schlimmer als zu stehlen oder zu töten. Viele Muslime sagen mir, ich käme in die Dschahannam, die Hölle. Sie sagen, ich sei psychisch krank. Sie sagen, ich solle mich in der Moschee gesund beten lassen. Viele begrüssen es, dass Brunei Anfang Monat die Todesstrafe durch Steinigung für Homosexuelle beschlossen hat. Das Problem ist nicht die Religion. Das Problem sind die Menschen, die die heiligen Schriften auslegen. Egal, welchem Glauben sie angehören. Auch im Christentum liebe Jesus die Schwulen – oder je nach Auslegung eben nicht. Ich bin aus dem Islam ausgetreten. Ich will nicht an einen Gott glauben, von dem die Leute behaupten, er schickte mich in die Hölle, nur weil ich einen Mann liebe. Ich möchte nicht aus Angst an einen Gott glauben, sondern aus Liebe zu ihm.»

Homosexualität im Islam

Der Islam toleriere Homosexualität, sofern sie im privaten Raum stattfinde, sagt Farhad Afshar von der Koordination der Islamischen Organisationen Schweiz. «Wer aber Homosexualität in der Öffentlichkeit propagiert, begeht eine Sünde und wird bestraft.» Die Folge sei die «grösstmögliche Gottesferne».

Der Islam beruhe auf dem Judentum und Christentum. In beiden Religionen würde die Menschheit in zwei Geschlechtern verstanden. Dies seien notwendig für die Reproduktion der Menschheit. Aus diesem Grund befürworte der Islam Geschlechtsumwandlungen: «Menschen, die sich im falschen Körper fühlen, sollen dank Hormonen und Chirurgie das andere Geschlecht annehmen können.»

Gefängnis- oder gar Todesstrafen für Homosexuelle verurteilt Afshar scharf: «Solche Strafen sind unmenschlich und bringen nichts. Die natürliche Veranlagung zur Homosexualität wird im Islam toleriert. Homosexuelle sollten sich nach islamischem Verständnis besser umoperieren lassen.»

In etwa 20 Mitgliedsstaaten der Organisation der Islamischen Konferenz gibt es keine rechtlichen Sanktionen gegen Homosexualität. Sanktionen bis hin zur Androhung der Todesstrafe gibt es in etwa 13 bis 22 arabischen Ländern.

Hinter dem Mischpult steht DJ Stella Sanchez. Sie werde das «wilde Treiben auf der Tanzfläche musikalisch unterstreichen». Ihr Mix bringe «jeden Puschel zum Wackeln», steht auf der Website des Clubs.

Hadi: «Bei uns spricht man nicht über Sex. Die Leute wissen nichts über Sex. Sie wissen nicht, welche Berührungen oder sexuellen Handlungen in Ordnung sind und wann es sich um Übergriffe handelt. Alles, was sie wissen, basiert auf Erzählungen Fremder und Pornos. Erst bei der Heirat geht der Vater zum Sohn und die Mutter zur Tochter und erklärt ihnen, wie Sex funktioniert.»

Aus den Boxen dröhnt «I don’t care, I love it, I don’t care». Hadi tanzt mit einem jungen blonden Mann. Er sei nicht der Typ für schnellen Sex. Was er sich wünsche, sei eine Beziehung für die Ewigkeit.

Hadi: «Sein Name war Amir. Der Prinz. Er hatte längeres, schwarzes Haar, dunkelgrüne Augen und lange Wimpern. Wir lernten uns in der Schule kennen. Er verliebte sich in mich und ich mich in ihn. Er nahm mich in Schutz, wenn mir die anderen Jugendlichen «Schwuchtel» nachriefen. Seine Mutter wusste es. «Hadi», sagte sie, «wenn du meinen Sohn wirklich liebst, dann geh weg.» Der Druck war zu gross. Ich verliess ihn. Ich sagte ihm, er solle sein eigenes Leben leben. Nach drei Tagen rief mich seine Mutter an. Amir sei tot. Betrunken in einen Bach gefahren. Mit 18 Jahren. Ich schluckte Medikamente.»


Erinnerungsstücke an Hadis grosse Liebe Amir.

Hadi geht eine rauchen, bläst den Rauch durch den Mundwinkel in die frische Frühlingsnacht.

Hadi: «Als Kind streifte ich durch die Olivenhaine. Wir lebten in Daraa im Südwesten Syriens in einem grossen Haus. Mit meinen Eltern, sechs Brüdern und zwei Schwestern. Alles war gut, bis mein Vater starb. Es war Krebs. Ich war sechs Jahre alt. Ab diesem Moment hatte ich Angst vor dem Tod. Mein Bruder und mein Cousin sagten mir, auch meine Mutter würde sterben, wenn ich es ihr erzählte … dass sie mich vergewaltigt hatten. Ich schrie. Ich schlug sie. Doch dann presste mir mein Bruder ein Kissen gegen das Gesicht. Ich schnappte nach Luft. Ich schwieg. In der Nacht lag ich still neben meiner schlafenden Mutter und kontrollierte, ob sich ihr Brustkorb noch hob und senkte. Ich überlegte, was ich machen würde, sollte sie sterben. Nach vier Vergewaltigungen hörten mein Bruder und der Cousin damit auf. Dafür begannen andere Cousins damit. Sie nannten mich Schwuchtel. Ich musste Sex mit ihnen machen, wenn niemand zu Hause war, bis ich 15 Jahre alt war. Ich schwieg. In Syrien trägt der Vergewaltigte die Schuld, nicht der Vergewaltiger.»


Hadi ist in Daraa aufgewachsen. Im Krieg wurde die Stadt zerstört.

Rihanna – perfekter Lidstrich, geschwungene Augenbrauen, schlank und hochgeschossen – schiesst Selfies und postet sie auf Instagram, wo sie über 2000 Follower hat. Wenn sie nächste Woche wieder die Sprachschule besucht, wird sie wieder als Mann hingehen. Weil sie sich vor den Reaktionen ihrer muslimischen Mitschüler fürchtet.

Hadi: «Noch fühle ich mich nicht stark genug. Aber ich habe eine Mission. Ich will für die Anerkennung und Rechte von Homosexuellen in der arabischen Welt kämpfen. Schwule und Lesben sollen sich nicht länger schuldig fühlen, sondern stolz auf sich sein – so wie ich, als ich an der Pride Ouest 2017 in Bern mitlief und vor Glück weinte.»

Es ist kurz vor sechs Uhr. Hadi, Rihanna und Malek laufen über die Pflastersteine durchs Niederdorf Richtung Hauptbahnhof. Nächstes Wochenende werden sie wieder ins Heaven, in den Himmel, hinuntersteigen.


Hadi will für die Anerkennung und Rechte von Homosexuellen in der arabischen Welt kämpfen.

*Namen geändert

Von syrischen Sicherheitskräften verprügelt

Hadi (23) kam im Mai vor drei Jahren in die Schweiz und lebt in einer Aargauer Gemeinde. Er wuchs in der syrischen Stadt Daraa auf und studierte in Damaskus zwei Jahre Pädagogik. Als der Krieg ausbrach und er als Assad-Gegner von syrischen Sicherheitskräften verprügelt wurde, flüchtete er mit seiner Familie in den Libanon. Dort arbeitete er bei verschiedenen Hilfsorganisationen, unter anderem beim Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen Unicef. Als freiwilliger Mitarbeiter machte er in Flüchtlingscamps Sexualaufklärung und engagierte sich für die Rechte von Mädchen und Frauen. In der Schweiz hat Hadi Praktika in der Kinderbetreuung absolviert und wird nun eine Ausbildung zum Sozialpädagogen beginnen. Über die Schwulenorganisation Queeramnesty lernte Hadi andere schwule Flüchtlinge aus dem arabischen Raum kennen, die in ihren Heimatländern verfolgt wurden.

Asyl für Homosexuelle

Homosexuelle können in der Schweiz Asyl erhalten, wenn sie in ihrem Heimatland wegen ihrer sexuellen Orientierung verfolgt werden und die Gefahr droht, dass sie an Leib, Leben oder Freiheit verletzt oder strafrechtlich verfolgt werden. Eine automatische Anerkennung gibt es aber nicht. Das Staatssekretariat für Migration SEM überprüft jeden Fall einzeln. Asylsuchende müssen glaubhaft machen, dass sie aufgrund ihrer Homosexualität einer «asylrelevanten Verfolgung» ausgesetzt waren oder eine solche befürchteten.

Das kritisiert Queeramnesty, eine Untergruppe von Amnesty International: «Der Fakt, dass eine homosexuelle Person aus einem Land kommt, in welchem sie nicht frei und offen leben kann, sollte als Asylgrund ausreichen», sagt Sprecher Jens Pohlmann. Erschwerend komme hinzu, dass sich LGTB-Menschen im Gespräch im Rahmen des vereinfachten Asylverfahrens oft nicht getrauten über ihre intimen Fluchtgründe zu sprechen – «erst recht nicht, wenn sie etwa befürchten, dass der oft aus dem gleichen Kulturkreis stammende Dolmetscher homophob sein könnte».

Hadi aus Syrien lernte über Queeramnesty in der Schweiz andere schwule Flüchtlinge aus dem arabischen Raum kennen. Laut Pohlmann ist «die Toleranz und Akzeptanz in arabischen Ländern verbesserungsfähig». Das Thema Homosexualität und Islam sei aber «sehr komplex». Es könnten keine einfachen Aussagen darüber getroffen werden.