Notfallstationen

05. März 2009 13:32; Akt: 05.03.2009 13:47 Print

Mit Kameras gegen Prügel-Patienten

von Joel Bedetti, Adrian Müller - Tatort Notaufnahme: Beinahe wöchentlich attackieren Patienten das Pflegepersonal. Die Krankenhäuser rüsten auf: Sie installieren immer mehr Überwachungskameras. Doch dies beeindruckt die Prügel-Patienten nicht.

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Kampfzone Notaufnahme: Zusammen mit seinen Freunden bringt ein 25-jähriger, mit Drogen vollgepumpter Mann seinen Bruder in die Notaufnahme. Als er auf der Krankenstation warten muss, dreht er völlig durch: Zuerst beleidigt er den Receptionisten nur verbal. Dann packt er plötzlich einen Stuhl, wirft ihn gegen den Mann und schlägt ihm mitten ins Gesicht. Der Vorfall ereignete sich Mitte Februar im Kantonsspital Freiburg. Ähnliche Attacken ereignen sich fast jedes Wochenende in Schweizer Spitälern.

Nun rüsten die Krankenhäuser auf: Nachdem immer wieder Patienten ausfällig geworden waren, installierte das Spital in Yverdon vier Überwachungskameras. Seither, sagte Spitaldirektor Dominique Christol gegenüber 20 Minuten Online, fühle sich das Personal sicherer. Die Aufnahmen würden nach 36 Stunden gelöscht.

Polizei muss einschreiten

Auch in einigen Deutschschweizer Spitälern gehören Kameras zum Sicherheitsdispositiv. Das Kantonspital Luzern baute Ende 2008 seine Videoüberwachung in der Notaufnahme sogar aus: «Damit merzen wir auch den letzten toten Winkel aus», sagt Paul Wallimann, Leiter des Sicherheitsdienstes. Jeden Abend machen zusätzlich Sicherheitsbeamte die Runde. Doch diese Massnahme genügt offenbar nicht: «Die Polizei muss regelmässig einschreiten», bedauert Wallimann.

Kameras nur bedingt wirksam

Im Kantonsspital Freiburg hängen gemäss Sprecherin Jeanette Portmann schon seit zwei Jahren sechs Kameras. Offensichtlich ist deren erhoffte Wirkung nicht eingetreten, wie der anfangs geschilderte Gewaltausbruch zeigt.

Auch das Zürcher Triemlispital kämpft gegen prügelnde Kranke: «Gewaltbereite Patienten sind auch bei uns ein Thema», sagt Sprecherin Susanne Heckendorn. Man wolle dem mit Neuerungen in technischer wie personeller Hinsicht begegnen. Im Spital sind seit einigen Jahren Kameras angebracht, vor zwei Jahren wurde nochmals kräftig aufgestockt. Abschreckend würden die Kameras aber nur bedingt wirken, sagt eine Mitarbeiterin in der Notaufnahme: «Schwierige Patienten sind oftmals dermassen zugedröhnt, dass sie die Kameras gar nicht bemerken.»

«Wir leiden unter zunehmender Aggression»

Trotzdem überlegen sich einige Spitaldirektoren auf Anfrage von 20 Minuten Online, der zunehmenden Aggressionen mit elektronischer Überwachung Herr zu werden. Hans-Ueli Würsten, leitender Arzt am Regionalspital Biel, meint: «Darüber habe ich noch nicht nachgedacht - aber ich könnte mir Kameras in der Notaufnahme durchaus vorstellen.» Biel sei eine sehr gewalttätige Stadt, zudem sei der Frauenanteil des Personals in der Notaufnahme so hoch, dass in der Nacht manchmal kein einziger Mann anwesend sei.

Auch Rolf Gilgen, Direktor des Waidspitals in Zürich, will handeln. «Wir leiden unter zunehmender Aggression von Patienten gegenüber den Pflegenden auf der Notfallstation. Kameras sind denkbar.»

Inselspital als Security-Pionier

Die Berner Patienten scheinen sich hingegen ruhiger zu verhalten: «Bei uns braucht es keine Videoüberwachung», sagt Markus Hächler, Sprecher des Inselspitals. Seit drei Jahren seien Securitas in der Notaufnahme präsent. Das Unispital habe damals als erstes Spital der Schweiz einen Sicherheitsdienst eingesetzt. Dies mache den Gewalttätern Eindruck: «Wenn sie ein Sicherheitsbeamter zurechtweist, sind sie blitzartig ruhig», so Hächler.