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27. November 2013 23:54; Akt: 28.11.2013 09:24 Print

Moderne Eltern lesen Kindern seltener vor

von Christoph Bernet - Tablets und TV statt Märlibücher: Eltern vernachlässigen das Vorlesen. Das kann sich negativ auf die Noten auswirken. Experten fordern von den Eltern mehr Einsatz.

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In vielen Familien wird den Kindern nicht mehr vorgelesen - darunter kann auch die schulische Leistung leiden. (Bild Colourbox)

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Eltern lesen ihren Kindern zu wenig vor. In fast jeder dritten Familie mit Kindern im Alter von zwei bis acht Jahren wird den Kindern gar nicht oder selten vorgelesen, zeigt eine deutsche Studie der Stiftung Lesen.

Auch Beat Zemp, Präsident des Schweizerischen Lehrerverbands, stellt fest, dass das Vorlesen zunehmend vergessen geht: «Früher hat man zu Hause auf Märchen- und Kinderbücher gesetzt.» Heute würden Kinder von ihren Eltern vermehrt mit Tablets oder anderer Unterhaltungselektronik beschäftigt.

Annette Cina vom Institut für Familienforschung der Universität Freiburg pflichtet bei: «Die dauernde Verfügbarkeit von neuen Medien führt dazu, dass das klassische Vorlesen mehr Konkurrenz bekommen hat.» Wenn man Kinder mit Tablets, Hörbüchern oder Fernsehen beschäftigt, hätten die Eltern weniger Aufwand als beim Vorlesen. «Viele Eltern stehen heute unter Zeitdruck und sie nehmen sich oft weniger Zeit, um ihren Kindern etwas vorzulesen», stellt Cina fest.

Schlechtere Lesefähigkeit

Das bleibt nicht ohne Folgen. «Die Pisa-Studien haben gezeigt, dass Schweizer Schüler Probleme mit der Lesefähigkeit haben», sagt Zemp. Kindern, denen vorgelesen werde, hätten bessere kognitiven Leistungen: «Lesen die Eltern den Kindern vor, verspüren sie Zuwendung. Und wenn die Kinder Zuwendung spüren, lernen sie besser», sagt Zemp. Ausserdem übertrage sich die Leidenschaft der Eltern für Bücher beim Vorlesen auch auf die Kinder.

Zwar unternehme man viel, um die Lesekompetenz bei den Kindern zu stärken. Aber die Bemühungen von Schulen, bei Kindern die Freude am Lesen zu steigern, seien unterschiedlich erfolgreich. «Bei bildungsfernen Schichten ist es schwierig», sagt Zemp. Es sei häufig zu spät, wenn man an einem Elternabend in der Schule den Ratschlag erteile, den Kindern zu Hause etwas vorzulesen. Die Förderung müsse bereits im Vorschulalter einsetzen, beispielsweise mit einer Sprachstandabklärung.

Das Grosi liest nicht mehr vor

Auch der Walliser SVP-Nationalrat Oskar Freysinger, der seit 27 Jahren zuerst als Lehrer und seit Kurzem als Walliser Bildungsdirektor im Erziehungsbereich tätig ist, stellt bei Schülern zunehmend schlechtere Lese- und Schreibfähigkeiten fest: «Das Niveau ist ganz klar gesunken».

Für ihn hat die schwindende Bereitschaft vieler Eltern, ihren Kindern vorzulesen, zu dieser Entwicklung beigetragen. Das hat für Freysinger gesellschaftliche Gründe: «Mit den veränderten Familienstrukturen hat die Zuwendung zu unseren Kindern abgenommen.» Die häufigere Vollzeitarbeit beider Elternteile und das weniger enge Verhältnis zu den Grosseltern hätten dazu geführt, dass in immer weniger Familien vorgelesen werde. «Heute werden die Kinder quasi mit einer Fernbedienung in der Hand geboren», bedauert Freysinger.

Vorlesen trotz vollem Terminkalender

Denise Bisang von Pro Juventute stellt in den Beratungen fest, dass «vielen Eltern nicht bewusst ist, wie wichtig das Vorlesen ist». Dabei sei die Sprache doch der Schlüssel zur Bildung und beim Vorlesen bilde sich bei den Kindern das Ausdrucksvermögen heraus und sie erweiterten ihre kommunikativen Fähigkeiten. Das Vorlesen sei ein wichtiges Ritual und ein schöner Moment, nicht nur im Bezug auf die Bildung der Kinder, «sondern auch fürs Familienleben». Bisang sagt: «Die Eltern sind gefordert, sich trotz voller Terminkalender Zeit zum Vorlesen zu nehmen.»

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Schweizer am 28.11.2013 07:24 Report Diesen Beitrag melden

    Faule Eltern

    Moderne Eltern? Was hat das mit Modern zu tun. Ich sage dem "zu faule Eltern".

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  • mama am 28.11.2013 00:53 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    büechli lesen

    für mich und meine tochter (6 jahre), ist das Büechli lesen im Bett seit Jahren ein schönes Abendritual. tablets etc. haben in kinderzimmer nichts zu suchen.

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  • Myke am 28.11.2013 00:41 Report Diesen Beitrag melden

    Abstimmung?

    Da war doch gerade eben eine Abstimmung um die traditionelle Familie wieder etwas attraktiver zu machen. Wurde aber bachab geschickt. Lieber karrieregeile Doppelverdiener fördern die Ihre Kinder fremdbetreuen lassen anstatt eine erziehende Person zu hause fördern (kann durchaus auch der Mann sein). Und sich dann wundern wenn die Eltern keine Zeit oder Lust oder Kraft mehr haben den Kindern vorzulesen.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • J. Meyer am 28.11.2013 21:39 Report Diesen Beitrag melden

    Erziehungskatalog

    Verfolge gerne immer wieder interessiert solche Themen. Das Wechselbad der Experten, was man bedenken solle, überlegen, ändern oder erneuern müsste, welche Gefahren hier u dort lauern, usw., ergeben einen überdimensionalen Erziehungskatalog, ohne das wirklich jemand das alles umzusetzen imstande sein wird. Bin ich froh, das meine Kinder längst erwachsen sind. Haben früher vorgelesen u selbst zu Hause gehütet, was in einer Handy u PC freien Welt auch sehr viel einfacher war. Das TV nur eine Ergänzung, kein Suchtmittel. Ehrlich, mit heutigen Eltern möchte ich nicht tauschen.

  • Georg, 28,11,2013 am 28.11.2013 19:32 Report Diesen Beitrag melden

    Märli...

    Wer weiss noch was Kasperli Theater ist da wo ich Aufgewachsen bin ,Spielten die Grossen Kinder uns oft mal was im Keller vor, ein Vorhang wurde Gespannt und wir sassen am Boden und Amüsierten uns. Märli Erzählungen gab es auch mal im Wald bei Feuer und Brätletem Cervelat, ja das war schön. Oder Kater Mikesch im im ARD.

  • Tiba Mueller am 28.11.2013 18:04 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Stopp

    Also jetzt mal stopp! Auf der einen seite wird den heutigen eltern vorgeworfen, sie seien helikoptereltern, auf der anderen sie haetten zuwenig Zeit... Was stimmt? Denke, es ist immer die qualitaet die zaehlt! Kenne vollzeitmamis, die wissen nichts mit ihren kleinen kids anzufangen, ausser sie mitUschleppen, egalitarian ob shoppen, Coiffeur, fitness, kaefele mit freundin. Hat ja ueberall huetedienst...

  • G. Bermond am 28.11.2013 17:41 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Jeder 2. Abend

    Wir lesen abwechselnd jeden Abend ca. 30 Minuten unserem Sohn vor...er ist mittlerweile 10 und scheint keine Anstalten zu machen, dass wir dies bald lassen sollten. Es ist in meinen Augen enorm wichtig für die Sprachbildung und ganz einfach für den Spass!

  • Grizzly am 28.11.2013 16:25 Report Diesen Beitrag melden

    Kann es sein....

    dass die "Modernen" Eltern , selber kaum lesen können?PS: zum Kinder kriegen, muss man die Gebrauchsanweisung, ja auch nicht lesen können!;))