Tod von Alfredo Lardelli

21. Juli 2015 15:09; Akt: 22.07.2015 10:01 Print

Mörder, Richterschreck und Milieu-Grösse

von M. Lüssi - Alfredo Lardelli ist am Dienstag in Zürich gestorben. Er sorgte jahrzehntelang für Schlagzeilen – erst als Mörder, dann als umtriebige Milieu-Figur.

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Alfredo Lardelli änderte seinen Namen auf Alfredo Borgatte dos Santos. Die neuen Nachnamen hatte er von seiner damaligen Ehefrau angenommen. Am 21. Juli 2015 ist er im Alter von 59 Jahren im Uni-Spital Zürich an Organversagen gestorben. Lardelli 2013 vor dem Nachtclub Chillis, dessen Betreiber er juristisch vertrat. Schon damals war er von seiner Krankheit gezeichnet. Lardelli mit seinem Hausjuristen Urs Oswald: Oswald verteidigte ihn während 30 Jahren an zahlreichen Prozessen. Lardelli 1989. Damals wurde er zu zwanzig Jahren Zuchthaus verurteilt, weil er zwei Prostituierte und den Ehemann seiner damaligen Geliebten erschossen hatte. Abgeblitzt: Im Januar 2000 soll der 1985 als «Bluttat von Siggenthal-Station/AG» in die Kriminalgeschichte eingegangene Dreifachmord zu den Akten gelegt werden. Die Aargauer Staatsanwaltschaft beantragt beim Obergericht, das Wiederaufnahmegesuch von Lardelli abzulehnen. Seit 1999 war Lardelli wieder auf freiem Fuss, nachdem er 14 von 20 Jahren seiner Zuchthausstrafe abgesessen hat. Lardelli im September 2006 mit seiner Lebensabschnitts-Partnerin Giulia. In Balsthal SO wollte er einen Sex-Club mit dem Namen «Klein-Dolder» eröffnen. Das Etablissement sollte mit Möbeln aus dem Zürcher Grand Hotel ausgestattet werden. Lardelli bezeichnete sich als «Gewerbe-Berater». In dieser Garage in Volketswil ZH wollte er ein Bordell einrichten. Lardelli mit Bordeaux-Dogge Lupo. Alfredo Lardelli und Lupo an der Zürcher Langstrasse. Lardelli kam auch nach seiner Freilassung schon mehrmals mit dem Gesetz in Konflikt... Als «Kantonspolizeikommandant Häsler» hatte er eine Blaulichtlampe auf das Dach seines Autos gesetzt, und Verkehrsteilnehmer gestoppt, die seiner Ansicht nach zu schnell fahren.... Dann hatte er vor Gericht als Rechtsberater den Kläger gegen SVP Parteipräsident Ueli Maurer vertreten. Dieser soll in einer Mietsache eine Unterschrift gefälscht haben. Die Klage wurde abgewiesen. Dann stand er in eigener Sache vor dem Betzirksgericht Uster. Das Urteil wegen Nötigung, versuchter Erpressung und grober Verletzung von Verkehrsregeln: 360 Stunden Sozialdienst. Im März 2007 arbeitete Lardelli, der im Gefängnis zum Bäcker ausgebildet worden war, in der Bäckerei Happy im Zürcher Langstrassenquartier. Der Job machte Lardelli sichtlich Spass.

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Bekannt wurde Alfredo Lardelli im Dezember 1985 – als Täter in einem Dreifachmord. In Siggenthal-Station im Aargau hatte er, damals 29-jährig, den Ehemann seiner Geliebten und zwei Prostituierte erschossen. In einem aufsehenerregenden Prozess wurde er 1989 verurteilt. Später behauptete er, er habe nur den Mann getötet, nicht aber die beiden Frauen. Bis 1999 sass Lardelli seine Strafe wegen mehrfachen Mordes ab.

Die lange Zeit hinter Gittern nutzte Lardelli, um sich in verschiedenen Bereichen fortzubilden. Zum einen in der Backkunst: Er habe sich im Gefängnis zu einem ausgezeichneten Bäcker/Konditor ausbilden lassen, sagte er stolz. Zum anderen habe er beim Selbststudium in seiner Zelle umfangreiche juristische Kenntnisse erworben. Tätig war Lardelli, der sich neu Borgatte dos Santos nannte – den Namen hatte er von seiner damaligen brasilianischen Frau angenommen – gemäss seiner Selbstbezeichnung als «Rechtskonsulent und Immobilienökonom».

Enormer Geltungsdrang

Schlagzeilen machte Lardelli in den Nullerjahren als Vertreter von Bordellbetreibern, die selber anonym bleiben wollten und Lardelli damit beauftragten, ihre neu eröffneten Rotlichtlokale bekannt zu machen – es gab Projekte in den Kantonen Zürich, St. Gallen und Solothurn. Oft gab es Widerstand von den Anwohnern – und Lardelli genoss den medialen Aufruhr, den er veranstaltete. Diesen gab es auch, als Lardelli in der «Happy»-Bäckerei im Langstrassenquartier Gipfeli und Wurstweggen verkaufte.

Seinen enormen Geltungsdrang befriedigte Lardelli, indem er möglichst prominente Personen mit Strafanzeigen eindeckte. 2006 gelang es ihm, den damaligen SVP-Präsidenten und späteren Bundesrat Ueli Maurer wegen Urkundenfälschung vor Gericht zu bringen. Maurer wurde freigesprochen. 2010 klagte er – ebenfalls erfolglos – gegen Medienunternehmer Roger Schawinski, von dem er wegen angeblicher Ehrverletzung eine Million Franken Schmerzensgeld forderte.

Blumige «Klageschriften»

Gerne formulierte der Möchtegern-Rechtsanwalt Lardelli seitenlange «Klageschriften» – die blumigen Texte strotzten vor originell formulierten Beleidigungen gegen seine jeweiligen Prozessgegner – und vor Stilblüten, die Lardellis Versuch entsprangen, die Juristensprache zu imitieren. Richter und Anwälte sprach Lardelli zu deren Missfallen konsequent als «Herr Kollega» an. Mehrfach ging Lardelli rechtlich gegen Medien und Personen vor, die ihn als «Mörder» bezeichneten. Er habe seine Strafe verbüsst und daher ein Recht auf Vergessen, fand er – ohne je Reue über seine Bluttat zu äussern.

Im März 2010 baute Lardelli einen spektakulären Unfall – mit seinem BMW-Offroader durchschlug er ein Geländer und landete neben den Geleisen beim Bahnhof Wiedikon. Er habe aus medizinischen Gründen die Herrschaft über das Auto verloren, so Lardelli. Folge des Unfalls waren finanzielle Probleme und ein Burn-out, wie er damals zu 20 Minuten sagte. Noch im gleichen Jahr gab die Milieu-Figur ihren langjährigen Begleiter, die Bordeaux-Dogge Lupo, weg. Der Hund war vorher durch Angriffe auf Artgenossen auffällig geworden, was zu einem Prozess geführt hatte. 2011 musste Lardelli aus seiner Luxuswohnung im Kreis 4 ausziehen, weil er die Miete nicht mehr zahlen konnte.

Nieren- und Leberprobleme

Danach wurde es ruhiger um Lardelli. Zuletzt war er 2013 in den Schlagzeilen – als juristischer Vertreter von Samir Y., dem Betreiber des Nachtclubs Chillis, der im Zentrum der Affäre um angeblich korrupte Zürcher Sittenpolizisten stand. Auch half Lardelli Prostituierten, bei den Behörden die nötigen Bewilligungen zu erwerben, und unterstützte Personen aus dem Milieu bei der Eintreibung von Geldforderungen.

20 Minuten hatte vor zehn Tagen zum letzten Mal telefonischen Kontakt mit Lardelli. «Ich bin zufrieden», sagte er dem Reporter auf die Frage nach seinem Befinden. Am Dienstagmorgen starb der 59-Jährige im Universitätsspital Zürich an multiplem Organversagen, wie sein langjähriger Anwalt Urs Oswald eine Meldung der «Aargauer Zeitung» bestätigt. Sein Tod kam für Oswald, der Lardelli bereits im Mordprozess vertrat, nicht überraschend. Seit Jahren habe sein Klient an Nieren- und Leberproblemen gelitten. «Er hatte gesundheitlich gute und schlechte Phasen, aber er hatte immer Hoffnung», sagt Oswald zu 20 Minuten. Lardelli hinterlässt seine dritte Ehefrau und vier Kinder.