Landkauf für Moschee

01. Juli 2009 13:29; Akt: 01.07.2009 22:14 Print

Moschee in Wil heizt Abstimmungskampf an

von Lukas Mäder - Der Streit um Minarette in der Schweiz bekommt neue Nahrung: In Wil hat der Islamische Verein Land gekauft für ein geplantes Kulturzentrum. Das konkrete Projekt soll ausgerechnet kurz vor der Minarett-Abstimmung präsentiert werden.

Bildstrecke im Grossformat »
Die Mahmud-Moschee in Zürich wurde 1963 eingeweiht. Es war das erste Minarett in der Schweiz. An der Eröffnungsfeier am 22. Juni 1963 nahm auch der damalige Zürcher Stadtpräsident Emil Landolt teil. Der Bau dauerte nur zehn Monate, Einsprachen gab es keine. Das Minarett ist 18 Meter hoch. Beim zweiten Minarett in der Schweiz, das zur Moschee von Petit-Saconnex in Genf gehört, kam es zu Einsprachen. Die Moschee wurde am 1. Juni 1978 eingeweiht. Das Minarett ist 22 Meter hoch. Den Bau entworfen hat ein Genfer Architekt türkischer Herkunft. Bei der Einweihung waren der damalige Bundespräsident Pierre Aubert und der saudische König Khaled Bin Abdulaziz Âl Saud anwesend. Ein Muslim liest vor dem Freitagsgebet im Koran in der Moschee von Petit-Saconnex in Genf. Das dritte Minarett in der Schweiz entstand erst 2005 in Winterthur. Es sorgte kaum für Aufregung. Die Moschee des Islamisch-Albanischen Vereins steht in einem Industriequartier. Gläubige beten in der Winterthurer Moschee, die in einem vorhandenen Gewerbebau untergebracht ist. Für grössere Aufregung sorgte das Minarett in Wangen bei Olten. Mehrere Einsprachen blockierten das Vorhaben des Türkischen Kulturvereins, bis schliesslich im Juli 2007 das Bundesgericht zugunsten des Vereins entschied. Am 9. Januar 2009 wird das in der Türkei vorgefertigte Minarett auf dem Dach des bestehenden Gebäudes angebracht. Am 27. Juni 2009 wurde das Minarett von Wangen bei Olten eingeweiht. Mehrere Politiker blieben der Feier fern, da der türkische Kulturverein der nationalistischen Organisation der Grauen Wölfe nahestehen soll. Ein weiteres Minarett soll in Langenthal entstehen. Das Gebäude, aufgenommen im August 2006, gehört dem albanischen Verein Xhamia e Langenthalit. Am 2. Juli 2009 erteilen die Behörden die Baubewilligung für das Minarett. Aufnahme des Gebetsraums in Langenthal. Viele Moscheen oder Gebetsräume haben in der Schweiz kein Minarett. In Basel teilen sich eine Moschee und ein Gugge-Treff den Eingang. Neben Türken und Albanern stammen viele Muslime aus Bosnien-Herzegowina. Die bosnische Gemeinde hat in Emmenbrücke eine Moschee. Ein Islamisches Zentrum steht auch in Lausanne. Es bietet Platz für rund 600 Gläubige. Der Imam hält die Freitagspredigt am 7. November 2008 im Islamischen Zentrum in Lausanne. Die bosnische Moschee in Emmenbrücke ist nach Genf die zweitgrösste Moschee der Schweiz. In Zofingen (AG) hat das Bosnische Kulturzentrum einen Gebetsraum. In Zürich gibt es neben der Mahmud-Moschee weitere Gebetsräume ohne Minarett. Gläubige beten zu Beginn des Fastenmonats Ramadan Ende Oktober 2003 in der Moschee der türkisch-islamischen Stiftung. Die rituelle Fusswaschung in der Moschee der türkisch-islamischen Stiftung in Zürich.

Bereits gibt es in der Schweiz vier Moscheen mit einem Minarett. Viele andere islamische Gebetsräume kommen aber ohne aus.

Zum Thema
Fehler gesehen?

Im sanktgallischen Wil begann vor drei Jahren die politische Debatte: Als die Pläne für ein islamisches Kulturzentrum bekannt wurden, sorgte das Minarett, das auf der Projektskizze zu sehen war, für einen Aufschrei. Der Widerstand dagegen war mit ein Auslöser für die Anti-Minarett-Initiative. Sie kommt am 29. November zur Abstimmung. Und eine aktuelle Entwicklung wird den Abstimmungskampf jetzt zusätzlich anheizen: Der Islamische Verein hat kürzlich ein geeignetes Stück Land für den Bau gekauft. Wenige Wochen vor der Abstimmung soll zudem das konkrete Projekt vorgestellt werden.

Offene Frage des Minaretts

Die Frage, ob das Projekt ein Minarett umfassen wird, will Projektleiter Hisham Maizar gegenüber 20 Minuten Online nicht beantworten. Er fragt rhetorisch: «Warum sollten wir darauf verzichten, wenn wir eines bauen können?» Maizar, der als Präsident der Föderation Islamischer Dachorganisationen schweizweit als gemässigter Muslim bekannt ist, betont aber, dass man sich an die Gesetze halten werde. «Wir suchen nicht die Konfrontation.»

Das Projekt in Wil wird trotzdem für schweizweite Aufregung sorgen. Denn der Islamische Verein will das konkrete Projekt des Kulturzentrums im Oktober oder November vorstellen — wenige Wochen vor der Abstimmung über die Anti-Minarett-Initiative. «Das ist ein Zufall, weil es jetzt mit dem Kauf des Lands geklappt hat», sagt Maizar. Enthält das Projekt ein Minarett, dürfte es den Minarett-Gegnern trotzdem in die Hände spielen.

Zwar hat der Stadtrat von Wil keine grundsätzlichen Einwände gegen eine Moschee. Doch in der Bevölkerung formierte sich bereits vor drei Jahren Widerstand. SVP-Nationalrat Lukas Reimann, damals noch St. Galler Kantonsrat, hatte ein Komitee gegründet, das rund Tausend Sympathisanten umfasste. Jetzt will er die Organisation reaktivieren. Für ihn ist eine Einsprache gegen das Baugesuch so gut wie sicher. «Es findet sich bestimmt ein Nachbar, der gegen das Projekt ist», sagt Reimann. Ihn stört nicht nur ein allfälliges Minarett: «Wil ist schon jetzt ein Zentrum der muslimischen Einwanderung, ein Kulturzentrum würde das noch verstärken.»

Missglückte Kommunikation zu Beginn des Projekts

Den Widerstand in der Bevölkerung hat der Islamische Verein bereits zu spüren bekommen: Die Suche nach einem Grundstück war nicht einfach, sagt Maizar. Gut drei Jahre habe man gesucht. Das nun gekaufte Land liegt am südlichen Ende der Rosengartenstrasse in Wil, wie die «Wiler-Nachrichten» berichten. Es handelt sich um eine Gewerbe- und Industriezone, sagt Stadtpräsident Bruno Gähwiler gegenüber 20 Minuten Online. Der Stadtrat sei über den Kauf informiert worden.

Maizar hat in Wil die Projektleitung übernommen, nachdem der lokale Imam 2006 mit der Präsentation einer damaligen Projektskizze überrascht und für Aufregung gesorgt hatte. Maizar will nun die offenen Fragen «mit Ruhe und Konsens» lösen, wie das in der Schweiz üblich sei. Er hat schon früher Informationsveranstaltungen für die lokale Bevölkerung mitorganisiert, die auch von den Landeskirchen, den lokalen Kirchgemeinden und politischen Parteien unterstützt wurden. «Auch mit dem Stadtrat von Wil stehen wir im Kontakt.»

«Wir wollen eine Schweizer Moschee»

Wie das konkrete Projekt des islamischen Kulturzentrums aussehen wird, kann Maizar noch nicht sagen. Das Zentrum sei ein Gebäude analog zu einem Kirchgemeindehaus, mit Gebetsstätte und Versammlungsräumen. «Wir haben verschiedene Ideen gesammelt, die wir nun sortieren.» Der Islamische Verein in Wil wird möglicherweise eine architektonische Pionierrolle übernehmen, will Maizar doch eine Schweizer Moschee bauen: «Wir wollen ein Gotteshaus, das nicht unscheinbar ist, aber in die Landschaft passt.» Der Bau soll kulturvermittelnd sein und den Islam auch architektonisch in die hiesigen Verhältnisse integrieren. «Das Gebäude soll nicht aussehen wie eine türkische Moschee.»