OECD-Forderung

21. November 2017 21:56; Akt: 21.11.2017 21:56 Print

Müssen Maurerlehrlinge bald Französisch lernen?

von P. Michel - Die OECD will, dass Schweizer Berufslehren mehr Allgemeinwissen wie etwa Sprachen vermitteln. Kritiker halten diese Akademisierung für «verheerend».

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Da immer mehr Tätigkeiten eine Hochschulausbildung erfordern würden und es viele freie Stellen in den hochqualifizierten Sektoren gebe, müssten in der Schweizer Berufslehre mehr «akademische Inhalte» vermittelt werden, findet die die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD). Die Hoffnung der OECD: Indem die Berufsschüler mehr allgemeinbildende Fächer wie Sprachen, Mathematik, Naturwissenschaften oder Geschichte pauken, falle ihnen später der Übertritt an eine Fachhochschule oder Uni leichter. Patrik Schellenbauer, Chefökonom von Avenir Suisse, begrüsst die Vorschläge: «Auch jemand auf dem Bau sollte in der Lehre eine Fremdsprache lernen.» Derzeit etwa sei eine Fremdsprache nur in der Hälfte der Berufslehren im Lehrplan enthalten. Indem Lernende mehr Allgemeinwissen erwerben würden, sagt Schellenbauer, seien sie später für das lebenslange Lernen oder für eine Umbildung besser gerüstet. «Angesichts der schnell voranschreitenden Digitalisierung ist es schwierig abzuschätzen, welche Anforderungen die Jobs von morgen genau stellen werden.» Kein Verständnis dafür hat Mario Rusca vom Verband ICT-Berufsbildung Schweiz. «Für unser Berufsbildungssystem wäre eine solche Verakademisierung verheerend, weil die Lehren kannibalisiert würden.» Statt den Fachkräftemangel zu lindern, würde dieser mit solchen Massnahmen gar noch verstärkt: «Der Grossteil der Fachkräfte im Informatikbereich rekrutieren wir aus Lehrabgängern», sagt Rusca. Bürde man nun den Jungen in der Berufsschule mehr Lektionen für Allgemeinbildung auf, gehe dies zulasten der Betriebe, da sie die Lernenden weniger im Betrieb ausbilden könnten.

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Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) hat einem Bericht die wirtschaftliche Situation der Schweiz beleuchtet und Empfehlungen formuliert. Ein Kritikpunkt, der bisher noch keine Beachtung fand: Die Organisation fordert, dass die Schweiz ihre Berufslehren reformiert.

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Soll in der Berufslehre mehr Allgemeinwissen vermittelt werden?

Da immer mehr Tätigkeiten eine Hochschulausbildung erfordern würden und es viele freie Stellen in den hochqualifizierten Sektoren gebe, müssten in der Berufslehre mehr «akademische Inhalte» vermittelt werden. Die Hoffnung der OECD: Indem die Berufsschüler mehr allgemein bildende Fächer wie Sprachen, Mathematik, Naturwissenschaften oder Geschichte pauken, falle ihnen später der Übertritt an eine Fachhochschule oder Uni leichter.

«Auch in der Baulehre sollte man Französisch lernen»

Patrik Schellenbauer, Chefökonom von Avenir Suisse, begrüsst die Vorschläge der OECD: «Auch jemand auf dem Bau sollte in der Lehre eine Fremdsprache lernen.» Derzeit etwa sei eine Fremdsprache nur in der Hälfte der Berufslehren im Lehrplan enthalten. Die Stärkung des Allgemeinwissens müsse aber auf die jeweilige Berufslehre abgestimmt werden, so Schellenbauer. «Für Informatiker machen vielleicht zusätzliche Lektionen in Naturwissenschaft Sinn, während im KV Programmieren oder eine weitere Fremdsprache denkbar wären.»

Indem Lernende mehr Allgemeinwissen erwerben würden, sagt Schellenbauer, seien sie später für das lebenslange Lernen oder für eine Umbildung besser gerüstet. «Angesichts der schnell voranschreitenden Digitalisierung ist es schwierig abzuschätzen, welche Anforderungen die Jobs von morgen genau stellen werden.» Darum sei ein breites Allgemeinwissen von Vorteil, denn es behalte sicher seinen Wert.

Kannibalisierung der Lehre?

Kein Verständnis dafür hat Mario Rusca vom Verband ICT-Berufsbildung Schweiz. «Für unser Berufsbildungssystem wäre eine solche Verakademisierung verheerend, weil die Lehren kannibalisiert würden.» Statt den Fachkräftemangel zu lindern, würde dieser mit solchen Massnahmen gar noch verstärkt: «Der Grossteil der Fachkräfte im Informatikbereich rekrutieren wir aus Lehrabgängern.» Bürde man nun den Jungen in der Berufsschule mehr Lektionen für Allgemeinbildung auf, gehe dies zulasten der Betriebe, da sie die Lernenden weniger im Betrieb ausbilden könnten.

«Damit sinkt die Attraktivität für die Firmen, überhaupt Lehrstellen anzubieten», sagt Rusca. Er ist überzeugt, dass das aktuelle Berufsbildungssystem keiner Reform in dieser Richtung bedarf. «Wer studieren will, kann sich das nötige Wissen in der Berufsmaturität oder in der Passerelle holen.» Akademisches Wissen auf Vorrat zu vermitteln, sei nicht sinnvoll.

Bund findet Vorschläge der OECD nicht sinnvoll

Auch das Eidgenössische Departement für Wirtschaft und Bildung zeigt sich erstaunt über die Forderungen der OECD. «Die Einschätzung trifft auf die Schweiz nicht zu», sagt Sprecher Dani Duttweiler.

Für die Schweiz mit ihrem hoch durchlässigen Bildungssystem seien keine wissenschaftlich fundierten Erkenntnisse bekannt, die mehr Allgemeinbildung in den Lehren rechtfertigen würden. «Die heutigen Lernenden in der beruflichen Grundbildung sind auf den Arbeitsmarkt oder auf die Nutzung weiterer Bildungsangebote gut vorbereitet», so Duttweiler. So sei die Quote der tertiären Bildungsabschlüsse (Bachelor oder eine gleichwertige Höhere Berufsbildung) in der Schweiz mittlerweile die vierthöchste in der OECD.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Fritz Lanz am 21.11.2017 22:11 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Hört mit so einem Nonsense sofort auf!

    Von einem Maurer erwarte ich ein solides Handwerk und keine Zitate von Voltaire!

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  • mr am 21.11.2017 22:09 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Oberstufe

    Es sollte bereits in der Oberstufe viel mehr Allgemeinwissen vermittelt werden. Und ich spreche nicht von Sprachen, sondern von Wirtschafts- und Gesellschaftsthemen, sprich z.B. Steuern, Wahlen usw.

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  • Sime am 21.11.2017 22:06 Report Diesen Beitrag melden

    Hat es überhaupt noch CH Maurer?

    Ich habe nur die Überschrift gelesen und das langt mir. Antwort: A Nein müssen Sie nicht...aber Arabisch und Portugiesisch.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Martial2 am 22.11.2017 21:26 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Kein Luxus...

    Eine zweite Landessprache lernen hat noch nie geschadet. Mit vier Sprachen in diesem kleinen Land wäre sowas üblich...!

  • Nicolas am 22.11.2017 19:04 Report Diesen Beitrag melden

    Die OECD macht keinen Sinn

    Der Gesangsunterricht kommt bei den Maurerlerlingen übrigens auch zu kurz!

  • Kurt am 22.11.2017 16:47 Report Diesen Beitrag melden

    Change

    Dann gehen die Azubis halt in die internationale Politik. Da scheint es kaum Anforderungen zu geben.

  • thefuture am 22.11.2017 16:23 Report Diesen Beitrag melden

    schon genug Leistungsdruck

    Ist ja nicht so, dass wir extra 9 obligatorische Schuljahre machen, um Allgemeinwissen zu erlernen. Damit wir in der BERUFSschule unseren Beruf lernen.

  • Wozu genau? am 22.11.2017 14:47 Report Diesen Beitrag melden

    Hindernis

    Werden in der Schweiz nicht schon zuvielen "hellen Koepfen" infolge der Franznoten unnoetige Hindernisse in den Weg gestellt? Fremdsprachen haben durchaus ihre Berechtigung - werden aber nach meinem Empfinden zu stark gewichtet. Wer sprachlich gut ist (oder boese gesagt: gut auswendig lernen kann) kommt schon ganz ordentlich durch die Sek resp. Kanti - und "rechnerisch halt nicht so gut" wird recht schnell akzeptiert. Viele haben handwerkliche Ausbildungen gewaehlt weil sie ihre Staerken halt eben nicht im Auswendiglernen haben. Das ist gut so und sollte mMn auch so bleiben