Schweizer Armee

14. Januar 2009 16:05; Akt: 14.01.2009 17:07 Print

Muslimische Rekruten: Armee rüstet auf

von Marius Egger - Die Zahl der Soldaten mit muslimischem Glauben in der Schweizer Armee wird in Zukunft stark zunehmen. In der Armee laufen die Vorbereitungen zur Multikulti-Truppe bereits. In Österreich hat man sich ans Bild des Soldaten auf dem Gebetsteppich bereits gewöhnt.

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Gleiches Tenü, unterschiedliche Essensgewohnheiten: Rekrutenschüler beim Essen fassen. (Bild: Martin Ruetschi/Keystone)

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Der Rapport ist geplant. Im Mai sollen alle Armeeseelsorger zusammenkommen, Erfahrungen austauschen und die Herausforderungen der Zukunft besprechen. Mit dabei ist auch ein spezieller Gast: Ein Imam, ein islamischer Geistlicher. Denn eine der grösseren Fragen, die sich den Seelsorgern im Zusammenhang mit der Zukunft der Armee stellt, ist die wachsende Zahl der Soldaten mit muslimischem Glauben, sagt Urs Aebi, Chef Armeeseelsorge. «Wir stellen uns auf eine Armee ein, die immer mehr Muslime hat».

In den Kaderkursen für angehende Kompaniekommandanten gehört es neuerdings zum Standard, auf die Besonderheiten anderer religiöser Traditionen hinzuweisen. Eine eigens dafür geschaffene Projektgruppe des Psychologisch-Pädagogischen Diensts (PPD) der Armee erarbeitet derzeit in Zusammenarbeit mit der Armeeseelsorge Merkblätter für nichtchristliche Armeeangehörige sowie für die Kader. Der Gruppe gehören auch zwei Muslime an, die ihre eigenen Erfahrungen aus der Schweizer Armee in die Arbeit einfliessen lassen. Erfahrungen, die sich hauptsächlich auf drei Punkte reduzieren lassen: Gebete, Feiertage, Essen.

Feiertage gegen Kompensation

Die Kunst der Integration aller Nichtchristen in die Schweizer Armee bestehe im Dialog und der Kompromissbereitschaft, weiss Peter Bolliger, Chef des PPD. So werde in einigen Rekrutenschulen den Muslimen ein verfügbarer Raum zur Gebetsausübung zur Verfügung gestellt, teils gibt es auf gewissen Waffenplätzen einen «Raum der Stille» für alle Religionen. Andererseits seien die meisten Muslime bereit, Gebete auf Randzeiten zu verschieben oder nicht sämtliche fünf Gebete auszuüben. Für die Feiertage wiederum werden in der Regel Urlaubsgesuche durch die Armee bewilligt. Die Soldaten kompensieren die Zeit dafür durch einen früheren Dienstantritt – etwa bereits am Sonntagmorgen statt erst am Abend. Und dass Muslime und Juden kein Schweinefleisch essen, sei längst bis in die Militärküche durchgedrungen. Trotzdem ist es nicht immer möglich, sämtliche religiösen Regeln zu berücksichtigen - gerade bei der Verpflegung. In diesen Fällen kann den Nichtchristen auf Anfrage ein Teil des Essenskredits ausbezahlt werden, mit dem sie sich die Verpflegung selber beschaffen können. Nicht selten sorgen Muslime oder Juden aber selber vor, indem sie Verpflegung von zu Hause in die Armee mitnehmen.

«Ansehnlicher Bestand an Muslimen»

Wie viele Muslime bereits in der Schweizer Armee sind, weiss niemand. Zahlen gibt es keine. Aus Datenschutzgründen wird die Religionszugehörigkeit nicht mehr erfasst. Dass die demografische Entwicklung auch an der Armee nicht spurlos vorbeigeht, weiss aber auch Peter Bolliger. «Wir haben bereits heute gewisse Rekrutenschulen, die einen ansehnlichen Bestand an Muslimen vorweisen», sagt der PPD-Chef. Auch Bolliger und seine Männer stellen sich deshalb bereits heute den Anforderungen von morgen – den Anforderungen einer Multikulti-Armee.

Das österreichische Bundesheer hat auf die Herausforderungen einer multireligiösen Armee schon längst reagiert. Seit 2004 steht den muslimischen Soldaten ein islamischer Gebetsraum zur Verfügung, einzelne Truppenzüge sind ausschliesslich aus muslimischen Soldaten formiert und seit Kurzem hat das Bundesheer einen eigenen Imam als Armeeseelsorger engagiert. «Das funktioniert offenbar problemlos», sagt Bolliger. Trotzdem ist man von solchen Massnahmen in der Schweiz anscheinend noch weit entfernt. Über derartige Änderungen diskutiert die Schweizer Armee derzeit noch nicht konkret, sagt PPD-Chef Bolliger.

Probleme mit streng Religiösen

Bisher hat die Schweizer Armee mit den Nichtchristen hauptsächlich positive Erfahrungen gemacht. Schwierig werde die Zusammenarbeit, so Bolliger, «eigentlich nur bei Personen, die in der Armee strengstens nach ihren religiösen Regeln leben wollen. Diese Personen werden in der Regel aus der Armee entlassen, weil die strikte Beachtung aller religiösen Vorschriften die Ausbildung zum Soldaten praktisch verunmöglicht». Wie hoch diese Zahl ist, weiss er nicht. Doch sie dürfte in Zukunft weiter zunehmen.

Zunehmen wird laut Bolliger auch die Zahl der Ausnahmegesuche - sei es für Feiertage, Essenswünsche oder Gebetsstunden. «Bisher hatten wir die gleichen Fragen mit den jüdischen Armeeangehörigen. Seit neuestem kommen nun die Muslime dazu und das in einer ungleich grösseren Anzahl», sagt Bolliger. Dem trägt die Armee schon heute Rechnung. Der Austausch mit dem Imam am Seelsorger-Rapport dürfte nicht der letzte Meilenstein sein. Urs Aebi sagt: «Wir verspüren keinen Druck, aber wir wollen bereit sein.» Bereit für die Multikulti-Armee.


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