Knatsch wegen den Narren

28. Februar 2019 05:43; Akt: 28.02.2019 05:43 Print

Muss die Fasnacht politisch korrekt sein?

von B. Zanni - Verschiedene Fasnächtler verstiessen gegen die Political Correctness. Der Präsident des Fasnachtsverbands vermisst eine gewisse Narrenfreiheit.

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: Am 27. Februar startet die Fasnacht. Das Dorf heisst während dieser Tage traditionell «Negerchinge». Das sorgt nun erstmals für Kritik. Ein Schüler hat bei der Gemeindepräsidentin Johanna Bartholdi seinen Unmut über den Namen geäussert. Für Ferdi Segmüller, Präsident des Fasnachtsverbands Schweiz Hefari, wird die Fasnacht nicht so heiss gegessen wie gekocht. «Die Fasnacht ist auf eine bestimmte Zeit beschränkt, in der sich die Menschen etwas mehr erlauben. Danach ist Schluss damit», sagt Segmüller. Alles, was in dieser Zeit passiere, habe keine Botschaft. Dieser Text aus der Fasnachtszeitung «Knallfrosch» sorgt zurzeit in Luzern für Diskussionen. Auf sozialen Medien äussern User ihre Empörung: «Satire gegen Minderheiten ist erbärmlich», schreibt etwa ein Facebook-Nutzer. Später entschuldigte sich die Zunft. In Basel sorgte das Logo der Gruppe Negro Ryhgass für Diskussionen. Schlussendlich entschied sich die Gruppe, auf das Logo zu verzichten: «Bei aller Tradition: Die Zeiten haben sich geändert, gesellschaftliche und moralische Fragen werden heute anders beurteilt als vor 60 oder 90 Jahren. Was damals als süss oder niedlich empfunden wurde, kann heute verletzend und rassistisch wirken», erklärte die Guggemusik. Im Bahnhof Luzern stört sich die Gruppe Antira an dieser Maske, die einen schwarzen Mann darstellt. Auch die Guggenmusig Mohrenkopf aus Basel gab zu reden. Dieser Fasnachtswagen am Umzug in Allenwinden ZG sorgte an der Fasnacht 2018 für Unmut. Der Fasnachtswagen des Anstosses hatte essbare Insekten zum Thema: «Die Neger im Wald haben es schon lange auf der Speisekarte. Bei uns gibt es das jetzt auch und im Coop muss man sogar darauf warten», hiess es auf einem Banner am Fasnachtswagen. Eine Leser-Reporterin sagte damals: «Ich fand den Wagen so schlimm. Einfach nur rassistisch.» Dies ging der Zuger SP zu weit. Sie reichte einen Vorstoss mit dem Titel «Kein Rassismus – auch nicht an der Fasnacht, einem wichtigen Kulturgut» ein. Der Insekten-Wagen war nicht der einzige, der während der Fasnachtszeit negativ aufgefallen ist. So zogen die Hülsnerbuben Dietschwil mit einem «Asylparadies Schweiz»-Wagen durch Aadorf TG. An der Fasnacht 2016 sorgte eine Karikatur über Jolanda Spiess-Hegglin in der Zuger Fasnachtszeitung «Füürhorn» für Ärger: Die Karikatur zeigte sie nackt, mit überdimensional grossen Brüsten und Windeln. In der dazugehörigen Legende wird sie unter anderem als Luder bezeichnet, das auf Gruppenkuscheln stehe und am meisten Geld für Inkontinenzprodukte ausgebe. «Diese Karikatur ist aber klar ehrverletzend – das ist ein Straftatbestand», sagte Spiess-Hegglin damals. Die Karikatur hatte ein juristisches Nachspiel: Spiess-Hegglin erstattete Anzeige gegen den Präsidenten des Styger Rettungkorps, der das «Füürhorn» herausgibt. Ebenfalls reichte sie Anzeige gegen unbekannt ein. Die Staatsanwaltschaft kümmerte sich um den Fall, das Verfahren wurde aber eingestellt. Diese Maske mit Schnauz gab 2012 zu reden. «Hitler steht für einen entsetzlichen Völkermord. Wir können nicht verstehen, weshalb so eine Maske, die aussieht wie Hitler, als Gag-Artikel verkauft wird», sagte damals Jonathan Kreutner, Generalsekretär des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebundes, zu 20 Minuten Online. Eine Guuggenmusig bastelte 2013 für die Ausstellung «Tatort Luzerner Fasnacht» im Bahnhof Luzern ein Sujet mit einer Frau, die erstochen wird. Zu viel für etliche Passanten: Sie reklamierten wegen «Gewalt an Frauen». Das Sujet wurde nach dem Protest entfernt.

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Gleich mehrmals haben Fasnächtler am diesjährigen Treiben den Bogen überspannt. Die satirische Luzerner Fasnachtszeitung «Knallfrosch» der Wey-Zunft zog LGBTQ-Anhänger durch den Kakao, indem sie diese einem «schwulen, perversen und arbeitsscheuen» Inserenten als Partner vorschlug. Nachdem sich eine anonyme Gruppe darüber beschwert hatte, entschuldigte sich die «Knallfrosch»-Redaktion «in aller Form» für den Beitrag.

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Kurze Zeit später hagelte es erneut Kritik: Im Fokus stand die «Negerchinger Fasnacht» – das N, das die Solothurner Gemeinde Egerkingen während der Fasnacht jeweils an den Anfang ihres Ortsnamens setzt, hat eine Rassismusdebatte ausgelöst. Am selben Tag lief eine Gruppe wegen einer Deko am Luzerner Bahnhof Sturm: Eine Fasnachtsmaske zeigte einen schwarzen Mann. Nicht zu vergessen ist die Debatte um das Logo der Basler Gugge Negro-Rhygass. Seit diese in die Schlagzeilen geriet, verzichtet die Gugge auf ihre schwarze Figur mit Knochen-Haarschmuck.

Fasnacht habe eine Ventilfunktion

Für Ferdi Segmüller, Präsident des Fasnachtsverbands Schweiz Hefari, wird die Fasnacht nicht so heiss gegessen wie gekocht. «Die Fasnacht ist auf eine bestimmte Zeit beschränkt, in der sich die Menschen etwas mehr erlauben. Danach ist Schluss damit», sagt Segmüller. Alles, was in dieser Zeit passiere, habe keine Botschaft. «Man sollte den Fasnächtlern deshalb schon einen gewissen Freiraum geben.»

Manche Fasnächtler verfielen einem jugendlichen Übermut und trieben es mit Provokationen auf die Spitze, sagt Segmüller. Die Fasnacht habe für die Menschen schon immer eine Ventilfunktion gehabt. «Noch vor 150 Jahren teilten die Fasnächtler gegen Behörden und Privatleute viel deftiger aus.»

Heute hingegen müssen Fasnächtler laut Segmüller viel vorsichtiger sein, um nicht einen Ehrverletzungsprozess zu riskieren. Auch seien Indianer und Cowboys fast schon von der Bildfläche verschwunden. «Weil man Angst hat, als Rassist abgestempelt zu werden.»

«Es geht vor allem um eine Verulkung»

Laut Segmüller sind die Motive und Mottos der Fasnächtler in den wenigsten Fällen rassistisch gemeint. «Es geht vor allem um eine Verulkung.» Werde etwa aus Egerkingen ein «Negerkingen», gehe es darum, den Ort – und nicht dunkelhäutige Menschen – zu verulken. «Jede Fasnachtsgesellschaft muss aber selber wissen, was ihre Region verträgt und was zu viel ist.»

Segmüller plädiert für ein gewisses Mass zwischen Traditionen und politischer Korrektheit. «Man sollte nicht jede Verulkung aufgeben, denn heute stossen an der Fasnacht immer irgendwo Extreme aufeinander.»

Fingerspitzengefühl werde erfordert

Der Fasnachtsverband hält in seiner Fasnachtskultur, die weder doktrinär noch dogmatisch sei, unter dem Punkt «Frohsinn und Lachen verbreiten» fest, dass das Rügen zum Rollenbild des Narren gehöre. Humorvolle Kritik aus Narrenmund an den Narreteien des Alltags, die auf das Konto mehr oder weniger prominenter Zeitgenossen gehen, sei integraler Bestandteil der Fasnacht. Auch stellt der Verband klar: «Verletzende Attacken auf Wehrlose, Hohnlachen von Mehrheiten über Minderheiten, sind hier fehl am Platz. Lachen auf Kosten anderer hat am Ende immer einen schalen Nachgeschmack. Lachen miteinander bleibt in bester Erinnerung.»

Unter dem Punkt «Traditionen bewahren und die Zukunft gestalten» schreibt der Verband, dass der richtige Umgang mit Traditionen viel Fingerspitzengefühl erfordere. Um Extreme zu vermeiden, gelte es, das rechte Mass zwischen Tradition und Wandel, zwischen Statik und Dynamik, zwischen Beharrung auf Altem und Offenheit für Neues zu finden.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Green Liberal am 28.02.2019 06:27 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Hört auf mit dem Rassismus

    Last Fasnacht, Fasnacht sein. Ich fühle mich als Frau auch nicht angegriffen, wenn Männer in Frauenkleider rumlaufen. Wer als Ureinwohner Afrikas gehen möchte, sollte auch die Möglichkeit haben, dis an der Fasnacht zu Leben.

    einklappen einklappen
  • Geissenpeter am 28.02.2019 06:01 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    diese political correctness geht mir auf den Keks

    immer und überall dürfen wir bloss nichts zweideutiges sagen, weil sich jemand verletzt fühlen könnte. Die Mimosen sollen mal einen Kurs besuchen um sich abzuhärten. Die Verweichlichung unserer Gesellschaft schadet uns.

  • Juliette S. am 28.02.2019 07:10 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Man kann auch übertreiben

    So weit ist es gekommen, dass wir in der Schweiz den Mund nicht aufmachen dürfen, weil das gleich entweder diskriminierend oder rassistisch ist. Sogar am Fasnacht wird eine gewisse " Freiheit" geraubt!!

Die neusten Leser-Kommentare

  • Über Bevormundeter am 28.02.2019 11:39 Report Diesen Beitrag melden

    Fasnacht muss politisch unkorrekt sein

    man muss die Dinge beim Namen nennen können. Überspitzt, lustig, humorvoll, sarkastisch, bunt, uneingeschränkt, schrill, überdreht, usw. einfach so, zum feiern und Freude haben. zum lustig und manchmal auch unlustig sein. zum sich unbevormundet fühlen. egal welches Thema, welche Hautfarbe, welche Gesinnung, welche Religion. Fasnacht muss diese Freiheit haben!

  • ACC am 28.02.2019 11:12 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Etwas entspannter

    Das übertriebene Getue um die politische Korrektheit wird immer absurder,da wird bei einer Karikatur über die tobende Serena Williams gleich die Rassismus frage gestellt.Ein sicher scheusslicher Pullover "Empörung "Blackfacing,an der Fasnacht ein schwarzer Kopf in einer Kiste Rassismus.Kinderbücher umschreiben ist einfacher als erklären warum diese Wörter drinnen sind.

  • Max Schelibert am 28.02.2019 11:07 Report Diesen Beitrag melden

    Unkenntniss

    Das Hauptproblem ist, dass die meisten Polemiker hier gar nicht wissen, wie eine Fasnacht so abläuft; aber sie haben schon mal in der Zeitung gelesen, dass ein Betrunkener randaliert hat. Da waren sie auch noch nie. Und ja, man nimmt gesellschaftliche oder politische Themen auf, die dann z.T. schonungslos dargestellt werden. Z.B. Klimahysterie, Unfähigkeit unserer Politiker Gesundheitskosten oder AHV in den Griff zu bekommen, Flugzeugbeschaffung etc., etc. Und man trifft sich und hat es lustig miteinander, was soll daran schlecht sein?

  • H. K. am 28.02.2019 10:54 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Problem ? NEIN

    Ich finde man soll die Fasnacht so belassen wie sie ist. Niemand soll sich angegriffen fühlen. Ich kenne Leute, die sich als Nonnen verkleidet zum Maskenball gingen. Wie " schlimm " ist das? Regt euch nicht wegen solchen Sachen auf. Es gibt viel grössere Probleme, als dieses, dass eigentlich gar keines ist.

  • Hans Uli am 28.02.2019 10:46 Report Diesen Beitrag melden

    Freiheit

    Also wenn man nicht einmal an der Fasnacht faxen machen darf wann dann? Die Fasnacht sollte als pure Unterhaltung ansehen werden.