Promillegrenzen

04. September 2010 15:08; Akt: 05.09.2010 21:15 Print

Nach dem Rauch- das Alkoholverbot?

von Annette Hirschberg - Chur verhängte als erste Schweizer Stadt ein nächtliches Alkoholverbot. Ziehen nun Zürich, Zug und Luzern nach?

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Auf dem Marktplatz von Weinfelden gilt seit Ende August ein generelles Alkoholverbot.

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Parks, Schulhaustreppen, Friedhöfe, Badeanlagen oder Seeufer sind im Sommer Treffpunkte für Saufgelage. Lärm, Gewalt und Sachbeschädigung sind die Folge. Nun sollen Alkoholverbote auf öffentlichen Plätzen dem Treiben ein Ende setzen.

Der Schweizer Städteverband hat sich dieses Jahr mit 30 von 35 Stimmen dafür entschieden, vom Bund Rechtsgrundlagen für solche Verbote zu fordern. Gegenüber der «NZZ» sagte Martin Tschirren vom Städteverband, rund die Hälfte der Städte habe solche Verbote bereits selbst ins Auge gefasst.

Churer Weg hat Vorbildfunktion

Chur hat so ein Verbot bereits umgesetzt: Seit Sommer 2008 gilt zwischen 0.30 und 7.00 Uhr morgens ein generelles Alkoholverbot auf öffentlichen Plätzen. Seit der Einführung wurden rund 100 Bussen verteilt. «Wir büssen massvoll unser Ziel ist nicht das Pärchen, dass auf der Bank ein Glas Champagner geniesst, sondern die Gruppe, die lärmend in der Öffentlichkeit trinkt», sagt Polizeikommandat Ueli Caluori.

Das nächtliche Trinkverbot scheint ein Erfolg zu sein. In Chur hat sich die Situation auf öffentlichen Plätzen seit der Einführung des Verbots laut Polizeikommandant Caluori verbessert.
«Die positiven Erfahrungen von Chur haben uns dazu bewogen, diese Massnahmen ebenfalls zu prüfen», sagte darum der Luzerner Sicherheitsmanager Maurice Illi.

Null-Promille-Zonen in Zürich

Im neuen Sicherheitsbericht der Stadt Luzern werden denn auch Alkoholverbote im öffentlichen Raum als mögliche Massnahmen zur Verbesserung erwähnt. Doch nicht nur Luzern will dem Vorbild Chur folgen. In Thun fordert eine Petition die Einführung eines nächtlichen Alkoholverbots. Zug hat dies bereits am See auf dem Gebiet der Badi Seeliken umgesetzt. Das Konzept habe sich bewährt.

In der Stadt Zürich wird derzeit eine Polizeiverordnung erarbeitet, die ebenfalls lokale und zeitliche Alkoholverbote erlauben soll. In erster Linie geht es dabei um null Promille während Hochrisiko-Spielen der Superleague. Alkoholverbote liessen sich aber auch für andere Anlässe oder Bereiche aussprechen. Das Thema ist unter den Zürcher Politikern heiss umstritten und eine Rückweisung der neuen Verordnung wurde im Januar dieses Jahres nur knapp abgelehnt.

Kleine Gemeinden machen kurzen Prozess

Weniger zimperlich geht man in vielen kleinen Gemeinden mit öffentlichen Trinkgelagen um. So hat Weinfelden TG vor kurzem ein generelles Alkoholverbot für seinen Marktplatz im Zentrum erlassen. Die Verbotsschilder wurden letzte Woche montiert. Hintergrund des Verbots sind Alkoholiker und Randständige, die sich zum Trinken dort versammelten. Nun dürfen nicht nur sie auf dem Marktplatz keine Promille mehr bechern – es ist für alle verboten.

Beliebt sind solche Erlasse auch in den Gemeinden am Zürichsee: Uetikon, Männedorf und Oberrieden haben Areale rund um Schulhäuser, Friedhöfe und Kirchen zu alkoholfreien Zonen erklärt. In Oberrieden wurde zudem der Aufenthalt in diesen Gebieten zwischen 22 und 7 Uhr vollständig untersagt. Noch strenger ist da Männedorf: Dort dürfen Jugendliche unter 18 Jahren nur in Begleitung Erwachsener den Friedhof betreten und müssen ab Dämmerungseinbruch den Schulhausplätzen fern bleiben.

«Bald gibt es flächendeckende Alkoholkonsumationsverbote»

Bis jetzt sind die Alkoholverbote noch Einzelfälle. Doch sie lassen aufhorchen. Gilt nach dem flächendeckenden Rauchverbot in der Schweiz bald auch ein Konsumationsverbot von Alkohol auf öffentlichen Plätzen?

Für den Basler Soziologie-Professor Ueli Mäder ist die Antwort darauf klar: «Ja, es wird bald ein flächendeckendes Alkohol-Konsumationsverbot in der Öffentlichkeit geben.» Für ihn ist das zwiespältig, denn beides nervt ihn. «Der Alkohol betäubt die Gesellschaft und Verbote unterlaufen die Selbstverantwortung. Aber wenn wir in Europa einen Viertel weniger Alkohol konsumieren, liessen sich damit in der ganzen Welt die Grundbedürfnisse befriedigen.»