Im Cisalpino nach Italien

10. Juni 2011 13:49; Akt: 10.06.2011 14:00 Print

Nächster Halt: Chaos

von Lukas Mäder - Gerade zur Ferienzeit kommt es in Bahnhöfen und Zügen auf der Strecke Schweiz–Italien regelmässig zu chaotischen Szenen. Eine Verbesserung auf der Gotthard-Linie ist nicht in Sicht.

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Keine Paradestrecke der SBB: Auf den internationalen Verbindungen nach Italien kündigen die Bundesbahnen Verspätungen bereits im Fahrplan an. (Bild: Keystone)

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Tumultartige Szenen spielen sich zuweilen in der Bahnhofshalle von Milano Centrale ab, wenn der Zug aus dem Norden einfährt. So auch am letzten Sonntag, als Hunderte Reisende den Zug Richtung Schweiz stürmten. Die sieben Waggons mit gegen 50 Betriebjahren auf dem Buckel boten zu wenige Sitzeplätze, Dutzende mussten stehen. Für einmal verdarb das kühl-regnerische Wetter niemandem die Stimmung, sind die Waggons doch unklimatisiert.

Doch nicht nur in Ausnahmesituationen wie zur Ferienzeit entsprechen die Verbindungen nach Italien nicht dem gewohnten Niveau der SBB. Vielmehr erfolgen die Verspätungen planmässig und sind dementsprechend im Fahrplan angegeben. Bei mehreren Zügen täglich verlängert sich laut diesen Angaben die Reisezeit um 25 Minuten, teilweise müssen die Bahnfahrer sogar in Chiasso umsteigen - obwohl sie vielleicht wegen des Gepäcks bewusst eine umsteigefreie Verbindung gewählt haben. Denn die Einschränkungen variieren je nach Woche.

Unklare Zukunft nach Cisalpino-Ende

Grund für das planmässige Zugschaos an der Südgrenze sind in erster Linie die pannenanfälligen Cisalpino-Traktionen, die schon seit Jahren bei betroffenen Reisenden und den Verantwortlichen für rote Köpfe sorgen. Immerhin haben die SBB jetzt ein Ende des Trauerspiels angekündigt: Die Cisalpino verkehren nur noch bis Ende 2014 und werden dann ausser Betrieb genommen, wie die SBB Ende Mai mitteilten. Wie die SBB in den verbleibenden dreieinhalb Jahren den Zugsverkehr abwickeln wollen und ob die Italien-Reisenden noch Monate mit dem unbefriedigenden Angebot leben müssen, konnte die Medienstelle auf Anfrage nicht sagen.

Mit den Ersatzzügen, die möglicherweise noch Monate oder gar Jahre verkehren, sind für die Reisenden nicht nur Verspätungen programmiert. Einschränkungen gibt es auch beim Komfort. Neben der Klimanlage fehlen in etlichen Zügen auch Speisewagen - obwohl dieses Angebot gerade von Ferienreisenden geschätzt wird. Besonders unbefriedigend ist die aktuelle Situation für Personen, die einen Sitzplatz reserviert haben. Offenbar stimmen die für den Cisalpino vorgesehene Wagen- und Sitzplatznummer nicht mit jenen der Ersatzzüge überrein. Denn während die Ersatzzüge nur aus sieben Waggons bestehen, hat eine Cisalpino-Komposition neun.

Grosse Versprechungen

Ob die Verantwortlichen bei den SBB mit dem Entscheid, den Cisalpino auszurangieren, tatsächlich die unzumutbaren Zustände beim Italien-Verkehr erkannt haben, bleibt zu hoffen. Ob die angestrebten Verbesserungen tatsächlich umgesetzt werden, ist eine andere Frage. Noch im letzten November pries SBB-CEO Andreas Meyer den Nachfolger des Cisalpino, den ETR 610, als Prunkstück der internationalen SBB-Flotte. Ab Dezember werde ein Zugspaar von Basel über Luzern nach Venedig verkehren, schrieb er an die Urheber einer Petition zur Wiedereinführung des Nachtzugs Zürich-Rom. «Mit der Lieferung der neuen Züge wird nach und nach die Verbindung Zürich-Mailand ebenfalls mit diesen modernen und komfortablen Kompositionen geführt.» Dieser Optimismus ist aber bereits ein halbes Jahr später verflogen.

Mit dem Fahrplanwechsel im Dezember verschlechtern sich die SBB-Verbindungen über den Gotthard und weiter nach Italien. Der moderne Cisalpino II verkehrt ab dann nur noch auf der Simplon-Achse. Die Direktverbindung nach Venedig wird gestrichen. Grund für den Abzug des ETR 610 ist offiziell die zu geringe Anzahl Fahrzeuge. Zusätzlich haben sich die SBB gewaltig verschätzt. Das Bundesamt für Verkehr hat die neuen Neigezüge nicht für die von den SBB gewünschten Kurvengeschwindigkeiten freigegeben – zu gefährlich. Diese erste Panne des neuen Cisalpino lässt befürchten, dass die Verbindungen nach Italien noch einige Zeit eine Baustelle bleiben.

Die SBB wollten auf eine Anfrage zu den Problemen keine Stellung nehmen.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Andreas Wermelinger am 20.06.2011 05:47 Report Diesen Beitrag melden

    Fahrplanwechsel Dezember 2011

    Fahrplanwechsel 2011 Die Parallelzüge zu den EC verkehren nur bis/ab Lugano. Die Probleme für das Mendrisiotto bleiben weiterhin. Auch dieser Teil des Tessins gehört noch zur Schweiz. Wann erwachen endlich die Fahrplangestalter und bringen ein Angebot, das die Bedürfnisse bis Chiasso abdeckt?

  • Roland Käser am 11.06.2011 09:52 Report Diesen Beitrag melden

    Schweizer Unfähigkeit

    Vielleicht wird den meisten jetzt endlich klar wie erbärmlich armselig unser öffentlicher Verkehr in Wirklichkeit ist. Wer mal im Ausland (England/USA) mit dem ÖV gefahren ist, merkt bald dass dieser dort, ganz im Gegensatz zu landläufigen Meinung, sehr viel besser und effizienter funktioniert als bei uns.

  • Simon am 13.06.2011 15:43 Report Diesen Beitrag melden

    Brutkasten

    Obwohl ich den ÖV in der CH sehr schätze, verzichte ich seit 2 Jahren bewusst auf Zugfahrten nach Italien - unzählige Verspätungen, Zuganullationen, Schwitzen im Brutkasten, kein Licht, Gestank im Waggon, Lokdefekte, ... Scheinbar scheint sich noch nichts verbessert haben!

Die neusten Leser-Kommentare

  • Andreas Wermelinger am 20.06.2011 05:47 Report Diesen Beitrag melden

    Fahrplanwechsel Dezember 2011

    Fahrplanwechsel 2011 Die Parallelzüge zu den EC verkehren nur bis/ab Lugano. Die Probleme für das Mendrisiotto bleiben weiterhin. Auch dieser Teil des Tessins gehört noch zur Schweiz. Wann erwachen endlich die Fahrplangestalter und bringen ein Angebot, das die Bedürfnisse bis Chiasso abdeckt?

  • Simon am 13.06.2011 15:43 Report Diesen Beitrag melden

    Brutkasten

    Obwohl ich den ÖV in der CH sehr schätze, verzichte ich seit 2 Jahren bewusst auf Zugfahrten nach Italien - unzählige Verspätungen, Zuganullationen, Schwitzen im Brutkasten, kein Licht, Gestank im Waggon, Lokdefekte, ... Scheinbar scheint sich noch nichts verbessert haben!

  • Gerog am 13.06.2011 09:47 Report Diesen Beitrag melden

    So ist das halt...

    An alle die hier herumnörgeln, man erwartet von einem Land wie Italien ja auch nicht dass alles planmässig abläuft! Also kann man auch mit den verspätungen leben!

  • Anto71 am 12.06.2011 18:25 Report Diesen Beitrag melden

    Und wass denn über die ICN-Züge?

    Am Samstag bin ich nach Lugano gefahren, mit einem ICN; folgt ein Etr470 nach Venedig dem ICN. Der ICN hat eine Panne in Bellinzona: Verspätung für den ICN 16 Minuten. Selbstredend, entsprechende Verspätung für den Etr470, der dem ICN folgt: auch etwa 16 Minuten. Aber diese Verspätung von einem Etr470 gehört 100% zu einem von unseren ICN-Zügen. Und das ist kein Einzelfall. Die Geschichte vom Etr470 hat viele sehr interessanten Geheimnisse. Der Etr470 ist ein guter Sündenbock für die SBB!

  • Julian Ryf am 12.06.2011 17:35 Report Diesen Beitrag melden

    Lötschberg statt Gotthard

    Für alle, die eine zuverlässige Verbindung nach Milano suchen: Fahren Sie über Bern-Lötschberg-Simplon. Auch da gibt es Verspätungen, aber wesentlich weniger, da mit den neuen ETR 610 gefahren wird, die weniger störungsanfällig sind.

    • Peter Meier am 13.06.2011 14:27 Report Diesen Beitrag melden

      Lötschberg keine Lösung

      Lötschberg ist auch keine Alternative wenn der Simplon geschlossen ist wie die letzten paar Tage....

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