Klimadebatte im Parlament

03. Dezember 2018 09:53; Akt: 03.12.2018 10:17 Print

Zahlen wir bald 8 Rappen mehr fürs Benzin?

Ab heute wird im Nationalrat entschieden, wie stark die Schweiz ihre Treibhausgasemissionen senken soll. Weder die Grünen noch die SVP sind mit dem Vorschlag zufrieden.

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Der Nationalrat debattiert Anfang Woche, wie gegen den Klimawandel vorgegangen werden soll. Der Temperaturanstieg beträgt in der Schweiz seit dem Messbeginn 1864 knapp zwei Grad Celsius und ist damit doppelt so hoch wie im weltweiten Mittel (0,9 Grad). Die Anzahl der Sommertage, an denen das Thermometer über 25 Grad Celsius steigt, wird in Zukunft genauso wie das Vorkommen von Tropennächten zunehmen. Hitzesommer können insbesondere für ältere Menschen tödlich enden. Seit Mitte der 80er-Jahre wird laut Glaziologen der Universität Freiburg im gesamten Alpenraum ein starker Gletscherschwund beobachtet. Dieser steht in direktem Zusammenhang mit den erhöhten Treibhausgasemissionen der Industriegesellschaft und dem dadurch verursachten globalen Temperaturanstieg. Der tauende Permafrost stellt für zahlreiche Bergbahnen ein kostspieliges Risiko dar, da Fundamente von Masten und Stationen in höheren Lagen häufig im gefrorenen losen Gestein verankert sind. Zudem erhöht sich die Steinschlag- und Felssturzgefahr im Gebirge. Im Bild ist das Felssturzgebiet auf der Ruosalp im Kanton Uri zu sehen. Die Wintersportsaison wird sich in Zukunft um einige Wochen verkürzen und die Schneegrenze um mehrere hundert Meter ansteigen. Vorerst wird der Klimawandel besonders Skigebiete, die unterhalb von 2000 Metern liegen, empfindlich treffen. Neben dem Winter-Tourismus sind direkte wirtschaftliche Folgen vor allem in den produzierenden und verarbeitenden Sektoren spürbar. In erster Linie leidet die Landwirtschaft unter Trockenperioden und Bauern werden in Zukunft öfter auf Bewässerung angewiesen sein. Für zahlreiche Tierarten bedeutet der Klimawandel das Verlassen des gewohnten Lebensraumes. Murmeltiere beispielsweise reagieren empfindlich auf die Wärme und weichen in höhere Regionen der Alpen aus. Die Humusschicht in höheren Lagen reicht irgendwann jedoch nicht mehr aus und der Boden wird wörtlich zu dünn, um genug tiefe Höhlen für einen sicheren Winterschlaf zu graben. Allergiker spüren Ärzten zufolge ebenfalls Anzeichen der weltweiten Erwärmung. Allergologen vermuten, dass der Anstieg der CO2-Konzentration die Pollenproduktion bei Pflanzen signifikant ankurbelt und deswegen das Allergierisiko steigt.

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Auf den Hitzesommer folgt die grosse Klimadebatte. Heute Montag und morgen Dienstag will der Nationalrat entscheiden, wie stark und mit welchen Massnahmen die Schweiz ihre Treibhausgasemissionen senken soll. Es zeichnen sich harte Auseinandersetzungen ab.

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Mit der Totalrevision des CO2-Gesetzes will der Bundesrat die Verpflichtungen aus dem Klimaabkommen von Paris erfüllen und die Klimapolitik nach 2020 festlegen. Die SVP lehnt dies ab. Sie beantragt dem Rat, auf die Gesetzesvorlage nicht einzutreten.

Die Grünen möchten diese an den Bundesrat zurückweisen mit dem Auftrag, dem Parlament einen anderen Vorschlag zu unterbreiten. Sie fordern eine raschere Senkung der Treibhausgasemissionen. Folgt der Rat seiner Kommission und tritt auf die Vorlage ein, beginnt die Detailberatung.

Umstrittenes Reduktionsziel

Schon der Zweckartikel gibt zu reden. Aus Sicht des Bundesrates soll die Schweiz einen Beitrag dazu leisten, den globalen Temperaturanstieg auf weniger als 2 Grad zu beschränken. Eine rechte Minderheit will diesen Passus streichen, eine linke Minderheit möchte als Ziel einen Temperaturanstieg von deutlich unter 2 Grad, möglichst 1,5 Grad, im Gesetz verankern.

Noch umstrittener ist das Reduktionsziel. Geht es nach dem Bundesrat, soll die Schweiz die Treibhausgasemissionen bis 2030 um 50 Prozent unter das Niveau von 1990 senken. Die Reduktion soll zu mindestens 60 Prozent durch Massnahmen im Inland erreicht werden. Die Nationalratskommission folgte dem Bundesrat.

Allerdings entschied sie sich mit knapper Mehrheit dafür, überhaupt eine Inlandquote im CO2-Gesetz aufzuführen. Zur Debatte stehen eine Reduktion um 60 statt 50 Prozent ohne festgelegten Inlandanteil, ein Inlandanteil von 50 Prozent und von mindestens 75 Prozent.

Standards für Gebäude

Zu den Massnahmen gehört – wie bereits heute – die Sanierung von Gebäuden. Dafür sind die Kantone zuständig. Umstritten ist, ob sie für Neubauten und bestehende Bauten Gebäudestandards erlassen sollen, wie der Bundesrat es vorschlägt.

Weiter muss der Nationalrat entscheiden, was geschehen soll, wenn die Ziele nicht erreicht werden. Der Bundesrat möchte für diesen Fall im Gesetz Grenzwerte vorsehen. Die Kommission will ihn lediglich ermächtigen, dem Parlament die Einführung eines Gebäudestandards zu beantragen.

Umweltfreundlichere Autos

Beim Verkehr sind ebenfalls Massnahmen geplant. Wie bisher sollen die Emissionsvorschriften für neue Autos schrittweise verschärft werden, im Gleichschritt mit der EU. Die Importeure müssen Vorgaben zu den durchschnittlichen CO2-Emissionen erfüllen. Importieren sie zu viele Autos mit hohem Ausstoss, müssen sie Sanktionen zahlen.

Die Hersteller und Importeure fossiler Treibstoffe sind seit 2013 verpflichtet, einen zunehmenden Anteil der CO2-Emissionen aus dem Verkehr zu kompensieren. Bisher war dieses Instrument auf die Kompensation im Inland ausgerichtet. Ab 2020 soll die zu kompensierende Emissionsmenge erhöht werden. Im Gegenzug könnten auch im Ausland erbrachte Reduktionsleistungen angerechnet werden.

Preisaufschlag auf Benzin

Der Anteil der CO2-Emissionen, der kompensiert werden muss, kann bis auf 90 Prozent erhöht werden. Nach dem Willen des Bundesrates sollen mindestens 15 Prozent in der Schweiz kompensiert werden, die Kommission will den Inlandanteil auf 20 Prozent festlegen. Die Massnahme verteuert den Benzinpreis.

Die Kommission will den Aufschlag auf den Liter Treibstoff aber begrenzen, und zwar auf maximal 8 Rappen. Eine Minderheit will den Preisaufschlag bei 5 Rappen deckeln, andere Minderheiten schlagen einen Deckel bei 12, 13 oder 20 Rappen vor. Der Entwurf des Bundesrates sieht keine Deckelung vor.

Höhere CO2-Abgabe

Teurer wird auch das Heizöl. Hier ist der Maximalsatz für die CO2-Abgabe auf Brennstoffen umstritten. Der Bundesrat möchte diesen von 120 auf 210 Franken pro Tonne CO2 erhöhen. Heute wird ein Teil der Gelder für Gebäudesanierungen verwendet. Diese Teilzweckbindung der Abgabe soll nach dem Willen des Bundesrates 2025 auslaufen.

Die Nationalratskommission möchte sie bis 2030 verlängern. Bis zum Auslaufen des Programms soll ein Drittel des Ertrags aus der CO2-Abgabe für Gebäudesanierungen eingesetzt werden, maximal 450 Millionen Franken.

CO2-Abgabe auf Flugtickets

Schliesslich steht eine CO2-Abgabe auf Tickets für Flüge ab Schweizer Flughäfen zur Diskussion. Der Bundesrat sieht das nicht vor, und auch die Kommission hat sich dagegen ausgesprochen, allerdings mit knapper Mehrheit.

Minderheiten schlagen eine Abgabe zwischen 12 und 30 Franken für Flüge in EU-Länder sowie zwischen 30 und 48 Franken für Flüge in andere Länder vor. Die Höhe soll von der Flugdistanz und der Anzahl der beförderten Passagiere abhängen.

(sda)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • JBL am 03.12.2018 09:58 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Die kleine Schweiz

    Die kleine Schweiz versucht mal wieder die Welt zu retten.

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  • Seppetoni am 03.12.2018 10:00 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Korrektur 2019

    Wir werden bei den Wahlen 2019 die entsprechende Korrektur anbringen.

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  • M/S am 03.12.2018 09:56 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Immer auf die kleinen

    Zum glück wird auf den Autofahrer weitere Kosten abgewälzt, aber Kreuzfahrtschiffe und Kontainerschiffe verbrennen Rohöl.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Maximus am 05.12.2018 08:30 Report Diesen Beitrag melden

    Lassen wir uns nicht spalten

    Alle hier wollen, dass es uns auf unserer Erde gut geht. Deshalb lasst uns im Rahmen von Umweltschutz gemeinsam die Probleme lösen, die wir lösen können. Sinnvoller Einsatz unserer Resourcen, Abholzung minimieren, Kriege entschieden zu bekämpfen. Aber hört auf Euch gegenseitig die Schuld in die Schuhe zu schieben, wer wieviel CO2 produziert und wer wieviel einsparen oder bezahlen soll. Es ist unerheblich, weil CO2 keinen Einfluss hat und sich das Klima schon immer verändert hat. Wir werden auch in dieser Thematik gespalten. Es hat schon früher eisfreie Alpen gegeben. Recherchiert selber.

  • Optimistin am 05.12.2018 08:26 Report Diesen Beitrag melden

    Inkonsequenz pur

    Warum die Negativspirale? Anstatt CO2-Abgabe eine Zulage für ÖV-Nutzer? Diejenigen, die ein Streckenabo zwischen Wohn- u. Arbeitsort in der Steuererklärung deklarieren, kriegen eine Zulage bzw. Steuererleichterung. Auch das mit dem Fliegen sehe ich auch nicht. Sonst kommt der Flughafen ZH und die Swiss und jammert, dass er bald Leute entlassen muss...

  • Patrick Flückiger am 05.12.2018 06:44 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    belohnt diejenige welche wenig Co2 verursachen

    Es sollten die belohnt werden welche wenig Co2 verursachen. ÖV, kein Auto besitzen, kleine Wohnung, wenig fliegen,

  • Anna Lena am 05.12.2018 05:40 Report Diesen Beitrag melden

    Die kleine Schweiz

    Unglaublich, aber immer mehr Leute in unser Land pressen, die alle Co2 ausstossen mit ihrem Verbrauch. Das funktioniert einfach nicht!

  • wukrs am 05.12.2018 05:23 Report Diesen Beitrag melden

    Bevölkerungswachstum

    Eine Hauptursache des CO2-Anstiegs wird beharrlich totgeschwiegen: Das andauernde Bevölkerungswachstum. Ja nicht erwähnen, da nicht dran rühren. Lieber erhöht man den Druck auf die ansässige Bevölkerung. Hauptsache, man macht irgendwas. Und lukrativ ist die Methode ja auch noch.