Transpersonen

01. Juni 2018 21:57; Akt: 01.06.2018 21:57 Print

Vom Mann zur Frau und wieder zurück operiert

von Qendresa Llugiqi - Manche Transpersonen unterziehen sich einer erneuten Geschlechtsangleichung. Der Geschlechterdruck spielt dabei eine entscheidende Rolle.

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Am Unispital Zürich (USZ) werden immer mehr Geschlechtsangleichungen von Mann zu Frau durchgeführt. So wurden letztes Jahr 20 Patienten operiert, 2014 waren es zehn. Anders als am USZ wird am Unispital Basel in beide Richtungen operiert. Hier wird aktuell eine geschlechtsangleichende Operation pro Woche durchgeführt. Im selben Zeitraum würden ein bis zwei Personen ins Behandlungsprogramm aufgenommen. Nicht bei allen bleibt es bei einer Geschlechtsangleichung. Es kommt vor, dass sich Patienten re-transitionieren lassen, also erneut eine Geschlechtsangleichung machen lassen.

«In unserer Klinik wird ungefähr eine Re-Transition alle zwei Jahre vorgenommen», sagt David Garcia, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie und Leiter Schwerpunkt Geschlechtervarianz am Unispital Basel. «Die Re-Transitions-Quote ist ausserordentlich gering.» Sowohl seine klinische Erfahrung als auch internationale Studien würden zeigen, dass weniger als ein Prozent der operierten Transpersonen operative Re-Transitionsschritte unternehmen.

Transpersonen bereuen Eingriff nicht

Laut Garcia werden Re-Transitionen nicht vorgenommen, weil die betroffenen Personen den Eingriff etwa bereuen: «Ganz im Gegenteil. Die Personen sind froh, dass sie den Geschlechtsangleichungsprozess begonnen haben», so der Arzt. «Es ist eher so, dass der diskriminierende Umgang mit dieser Gruppe dazu führt, dass sie auch nach erfolgten Eingriffen nicht selten vor schwierigen Situationen im Alltag stehen. Sie werden nicht selten ausschliesslich auf ihre Identität als Transperson reduziert und dementsprechend von wichtigen Bereichen wie beispielsweise Familie, Arbeitswelt, öffentlicher Raum verdrängt.»

So könne es mit der Zeit vorkommen, dass die Betroffenen beginnen, sich selbst die Schuld für diese Situation zu geben. «Die Selbststigmatisierung ist die schwerste Folge des gesellschaftlichen Ausschlussprozesses, die eine Transperson erleben kann. Dieser Umstand kann den Beginn einer Re-Transition darstellen.»

So funktioniert eine Geschlechtsangleichung. (Quelle: 20min / Sandro Büchler)

Ein «aufwühlender Prozess»

Der Arzt bezeichnet Re-Transitionen als «aufwühlende Prozesse, die körperliche, psychische und soziale Dimensionen der betroffenen Personen erfassen». Transpersonen, die sich für eine Re-Transition entscheiden, würden empfindlicher als andere Personen auf den ständigen Geschlechterdruck reagieren. Garcia: «In unserer Gesellschaft messen wir der Kategorie ‹Geschlecht› eine unheimlich grosse Bedeutung zu. Und auch wenn wir uns das selten eingestehen wollen, schützen wir dieses ‹hohe Gut›, indem wir beispielsweise von nur zwei Geschlechtern ausgehen.»

Laut Garcia ist es wichtig, dass Personen, die re-transitionieren, nicht vom Umfeld oder der Gesellschaft verurteilt werden: «Geschlechtsangleichungsprozesse bilden wichtige Schritte in der persönlichen Entwicklung der entsprechenden Personen. Man sollte also versuchen, zu verstehen und die betroffene Person zu unterstützen. In diesem Sinne geht es nicht um Reue oder Schuld, sondern um Akzeptanz.» Die Gesellschaft solle sich eingestehen, dass es «geschlechtervariante Personen gibt und dass sie Anspruch auf einen menschenwürdigen bio-psycho-sozialen Raum» haben.