«Kettenbrücken»-Prozess

20. Oktober 2009 17:14; Akt: 20.10.2009 18:48 Print

Nickys Mutter bricht vor Gericht in Tränen aus

von Amir Mustedanagic, Aarau - Im Prozess um den gewaltsamen Tod von Nicky Hoheisel sind nun auch die zwei mitangeklagten Kollegen von Marcel M. befragt worden. Dabei verhedderten sie sich in Widersprüche und belasteten sich untereinander schwer. Noch ist nicht klar, wer den tödlichen Schlag ausführte.

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Die zwei Kollegen von Marcel M., die in der folgenschweren Tatnacht im Club Kettenbrücke in Aarau anwesend und an der Prügelei beteiligt waren, verhedderten sich mit ihren Aussagen vor Gericht in Widersprüche. Der erste Mitangeklagte behauptete, der dritte im Bunde habe sich nach der Schlägerei mit seiner Tat gebrüstet: Er habe ihn mit nur einem Faustschlag erledigt. Nach dieser Aussage verlor die Mutter des verstorbenen Nicky Hoheisel, die bislang den ganzen Tag über ruhig neben dem Staatsanwalt sass, die Fassung. Ihr Schluchzen war über das vor ihr stehende Mikrophon im ganzen Raum zu hören. Eine Familienangehörige tröstete die weinende Mutter.

Während der erste Mitangeklagte den mutmasslichen Haupttäter Marcel M. mit seiner Aussage eher entlastet hatte, belastete er den dritten Beteiligten hingegen schwer. Doch dieser gab seinerseits die Schuld an den Hauptangeklagten Marcel M. weiter. «Habt ihr gesehen, den habe ich fertig gemacht!», habe er sich auf dem Nachhauseweg gerühmt. Die beiden Aussagen haben die Sache nun zusätzlich verkompliziert: Wer den letzten, fatalen Schlag auf Nickys Gesicht zu verschulden hat, ist immer noch im Dunkeln. Die beiden Mittäter betonten auch immer wieder, dass sie sich an den genauen Hergang nicht mehr genau erinnern würden, da die Schlägerei schon zwei Jahre zurückliege.

Laut diversen Zeugen, die am Morgen verhört worden waren, nahm die Schlägerei ihren Anfang, als das spätere Opfer Nicky im Club Kettenbrücke zunächst gegen eine andere Person pöbelte. Es sei zu Schubsereien gekommen, zudem habe Nicky die Person in den Schwitzkasten genommen. Ob im Klub schon Schläge ausgeteilt wurden, ist unklar. Die Kollegen zeigten sich von der aufbrausenden Art des 19-Jährigen überrascht. Er habe sich zwar immer wieder provozieren lassen, aber «ich weiss nicht, warum Nicky so ausflippte», so ein Zeuge.

Türsteher schmiss Nicky aus dem Klub

Der Türsteher fackelte nach den Vorkommnissen im Klub nicht lange und schmiss Nicky aus der «Kettenbrücke». Doch dieser liess sich laut Zeugenaussagen kaum beruhigen. Nicky sei aufgewühlt gewesen, als er vor dem Klub mit ihm geredet habe, so ein Kollege. Er habe nicht verstanden, weshalb sich Nicky von den Kollegen nicht beruhigen liess.
Dann ging offenbar alles ganz schnell. Nach Aussage einer der zwei Mitangeklagten liess sich ein Kollege von Nicky zur Aussage hinreissen, ob denn Marcel M., der von Nicky angepöbelt wurde, ein «Bueb» sei, das er sich nicht gegen dessen Anpöbelei zur Wehr setze. Darum sei man zum Gegenangriff übergegangen und auf die dreiköpfige Gruppe, zu der Nicky gehörte, zugesteuert. Man habe ihn aber lediglich zur Rede stellen wollen, wie der Mitangeklagte sagte. Erst kurz vor dem Zusammentreffen habe der Hauptangeklagte Marcel M. zu seinen Kollegen gesagt, er wolle Nicky verprügeln. Aus Sicht von Nickys Freunden, die zu diesem Zeitpunkt neben ihrem Freund standen und ihn zu beruhigen versuchten, sind Marcel M. und seine zwei Kollegen unvermittelt auf Nicky losgestürmt. Nach einem kurzem Wortwechsel habe eine Person aus der Gruppe von Marcel M. den fatalen Schlag mitten ins Gesicht ausgeführt.

Die Zeugenaussagen gaben im Detail kein einheitliches Bild über den genauen Tathergang. Vor allem aber ist offen, wer den letzten Faustschlag austeilte. Auch am Nachmittag konnte keiner der Zeugen den Schläger identifizieren.

Nickys Ärzte haben keine Fehler gemacht

Man könne nicht zweifelsfrei sagen, ob Nicky Hoheisel wegen «eines Schlags, von wem auch immer» gestorben sei, sagte der Verteidiger von Marcel M. noch heute Morgen. Nach Anhörung der medizinischen Sachverständigen - eines Neuroradiologen und eines Gerichtsmediziners - ist noch vor der Mittagspause klar geworden: Der letzte Faustschlag ins Gesicht von Nicky Hoheisel war fatal. Er fiel ins Koma und wachte nicht wieder auf.
Das Urteil wird morgen gefällt
Bis zu 100 Personen haben heute in Aarau den «Kettenbrücken»-Prozess mitverfolgt. Auch bei der Fortsetzung und Urteilsverkündung morgen Mittwoch wird das Interesse gross sein.

20 Minuten Online ist live für Sie vor Ort und berichtet fortlaufend über den aktuellen Stand der Verhandlung.