Nationalrat Béglé

29. Juli 2019 01:19; Akt: 29.07.2019 11:28 Print

Nordkorea-Tweets waren «gezielte Provokation»

Der CVP-Nationalrat würde seine verharmlosenden Kurznachrichten wieder absetzen. Und was er zur parteiinternen Kritik sagt.

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Nordkoreas Herrscher Kim Jong-un ist wegen seiner Raketentests gefürchtet. Laut Amnesty International reicht der Mindestlohn in einigen Regionen gerade mal für ein Kilo Reis pro Monat. «Wer aufmuckst, dem droht Arbeitslager.» Im kommunistischen Land leiden laut Amnesty International viele unter Mangelernährung. Claude Beglé besuchte eine Seidenspinnerei im Land von Diktator Kim Jong-un. In einem Tweet schwärmt der Waadtländer vom stalinistischen System: «Die Löhne sind tief (50 Franken pro Monat), aber alles wird kostenlos vom Staat zur Verfügung gestellt: der Reis und die wichtigsten Grundnahrungsmittel, die Unterkunft, die Gesundheit, die Bildung. Und es funktioniert um einiges besser, als man es sich hätte vorstellen können.» Das Personal werde laufend fortgebildet, so Beglé. Die Musterfabrik verfügt sogar über einen eigenen Pool für die Arbeiterinnen, eine hübsche Cafeteria, wie Beglé berichtet. Der ehemalige Post-Verwaltungsratspräsident und CVP-Nationalrat Claude Beglé macht derzeit Ferien in Nordkorea. Neben einer Fabrik hat Beglé in Pyongyang den Schülerpalast Mangyongdae besucht. Der Bau besteht laut einem Wikipedia-Eintrag aus 650 Räumen mit einer Fläche von über 100'000 Quadratmetern. Im Prestigebau, den das Regime gerne ausländischen Gästen präsentiert, verbringen nordkoreanische Schüler ihre Freizeit. Beglé ist auch hier angetan: «Das ist die gute Seite des Sozialismus, mit einem wahrhaftigen Effort, das Wissen zugänglich zu machen.» Hier könnten Kinder ihren Interessen nachgehen – von der Kalligrafie bis zur klassischen Musik. Ein Bild mit dem Führer ist Beglé auch ein Foto wert.

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CVP-Nationalrat Claude Béglé sieht keinen Anlass, sich von seinen umstrittenen Tweets aus Nordkorea zu distanzieren. Er würde es wieder tun, auch wenn ihm das als Starrsinn ausgelegt würde, sagte er nach seiner Rückkehr aus Pyongyang in einem Fernseh-Interview.

Auszüge aus dem am Sonntagabend ausgestrahlten Gespräch des Westschweizer Fernsehens RTS mit Béglé wurden bereits am Sonntagnachmittag online gestellt. Die positiv formulierten Kurznachrichten seien (für die Schweiz) eine gezielte Provokation gewesen, um das Vertrauen der Nordkoreaner gewinnen zu können, sagte Béglé. Dadurch, dass er nur «einen Teil der Wahrheit» geschrieben habe, habe er sich vor Ort eine grössere Bewegungsfreiheit erarbeitet und intensiver und ernsthafter mit seinen «privilegierten Kontaktpersonen» vor Ort sprechen können, auch über die unvorteilhafteren Dinge im Land.

Natürlich verleugne er nicht, dass in vielen Bereich noch Vieles im Argen liege in Nordkorea. «Es gibt Verschiedenes, das schockiert.» Nordkorea sei eine Diktatur und ein Schurkenstaat. Er habe jedoch mit seinen eigenen Augen auch «Positives in diesem System» beobachtet.

Chance für eine Öffnung

Er sehe in Nordkorea die Chance für eine Öffnung, deshalb sei er hingereist und habe sich so verhalten, wie er sich verhalten habe. Nach Hitler-Deutschland oder ins Stalin-Russland wäre er nie gereist, sagte Béglé auf die entsprechende Frage.

Der CVP-Nationalrat bedauerte weiter, dass sich seine Partei von ihm distanziert hat. Da scheine wohl etwas der Wahlkampf durch. Einige Rivalen hätten sich wohl gedacht, wenn einer Mist baue, könnte er vielleicht seinen Sitz erben.

Wenn sein Verhalten der CVP schaden sollte, dann tue ihm das aber leid. Ein «mea culpa» vor der Parteispitze werde es aber nicht geben. Die CVP hatte sich von den Tweets ihres Nationalrates distanziert.

«Nicht naiv»

Béglé bestätigte weiter, dass er auf eigene Kosten gereist und Aussenminister Ignazio Cassis über die Reise informiert gewesen sei. Es habe keine Paralleldiplomatie seinerseits gegeben. Sein Bericht über die Reise werde im Übrigen nuanciert und «nicht naiv» ausfallen.

Seine Reise sei kein politischer Fehler gewesen, resümierte Béglé. Er zeigte sich überzeugt, dass das wirtschaftliche Potenzial und die wachsende Mittelschicht zu einer Öffnung Nordkoreas nach chinesischem Vorbild führen werde. Die Schweiz könne bei der Integration des Landes in die internationale Gemeinschaft eine wichtige Rolle spielen.

In der Westschweizer Sonntagspresse gab es Reaktionen auf die Tweets. Sobald westliche Ausländer in Nordkorea ankämen, sähen sie, dass alles, was man ihnen zeigt, nicht der Realität entspricht, erklärte etwa der SVP-Nationalrat Jean-François Rime «Le Matin Dimanche». Alles, was besucht wird, sei ein Schaufenster, sagte zudem ein ehemaliger Mitarbeiter des EDA.

Jegliche Reflexion fehlt

Und die französische Journalistin und Autorin mehrerer Bücher, Juliette Morillot, sagte der Zeitung, sie habe die selben Dinge wie Béglé gesehen. Allerdings fehle ihm jegliche Reflexion der Eindrücke.

Béglé hatte sich mehrfach über die «positiven Seiten» der nordkoreanischen Diktatur geäussert während seines privaten Besuchs im Land. Die CVP hatte die «äusserst lobenden Botschaften» zu Nordkorea «mit Erstaunen» zur Kenntnis genommen. Béglé strebt im Oktober eine Wiederwahl an. Er ist für die CVP Waadt das Zugpferd für die nationalen Wahlen. Er kandidiert sowohl für den National- als auch für den Ständerat.

(sda/red)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Hecht am 29.07.2019 07:22 Report Diesen Beitrag melden

    Privilegienschinder

    "Dadurch, dass er nur «einen Teil der Wahrheit» geschrieben habe, habe er sich vor Ort eine grössere Bewegungsfreiheit erarbeitet und intensiver und ernsthafter mit seinen «privilegierten Kontaktpersonen» vor Ort sprechen können,.." Vorteile schinden auf einer privaten Reise, indem man Propaganda für eine Diktatur macht und Politik, nicht vom Privaten trennt. Die ganze Zeit redet der Mann über Politik und Wirtschaft, er hatte aber keinen Auftrag in Nordkorea, sondern er war dort in den Ferien. Damit hat er sein Nationalratsmandat missbraucht.

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  • Erika am 29.07.2019 07:01 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Wendehälse

    Vor den Wahlen den Kopf aus der Schlinge ziehen? Typisch CVP- Wendehals!

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  • bene am 29.07.2019 07:26 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Freiheit erkaufen mit Fakenews

    Glaubwürdigkeit mit Fakenews erkaufen? Sagt doch bereits alles über das grossartige Land. ... und der Poltiker gibt mir übergends zu denken.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Nina am 29.07.2019 20:49 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Wen interessiert's?

    Er soll seine subjektiven Ferien-Eindrücke für sich behalten. Es interessiert hier kaum jemanden, oder?

  • Roli1966 am 29.07.2019 20:20 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    wer wählt so einen?

    unbegreiflich

  • Ilumina am 29.07.2019 18:01 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ausreden

    Jetzt versucht er sich wieder rauszureden...so gesehen passt er eigentlich gut in unsere Politik. Warum also nicht wählen;-)

    • Roli1966 am 29.07.2019 20:21 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Ilumina

      CVP...

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  • Katzerich am 29.07.2019 17:25 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Neiaberau

    Und solche Typen wollen das Volk im Nationalrat vertreten. Wer wählt denn sowas?

    • Roli1966 am 29.07.2019 20:21 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Katzerich

      genau!

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  • Frau Meier am 29.07.2019 15:58 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Typisch

    Er macht ja eigentlich dasselbe, wie bald alle Politiker in der Schweiz. Irgendwas erzählen und dann doch alles wieder zu den eigenen Gunsten drehen. Typisch!