Kontroverse nach Brand

16. April 2019 21:47; Akt: 16.04.2019 23:55 Print

«Notre-Dame ist doch nur ein Gebäude»

von B. Zanni - Auf das Inferno in der Kathedrale Notre-Dame reagieren die Menschen bestürzt oder aufreizend gleichgültig. Eine Historikerin nimmt Stellung.

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Fast jeder hat zum Inferno der historischen und weltberühmten Kirche etwas zu sagen. Auf der ganzen Welt zeigen sich Staatsvertreter, Politiker und Bürger bestürzt. «Es ist für viele Menschen unbegreiflich, dass ein elektrisches Gerät im 21. Jahrhundert den riesigen Kulturraum in Schutt und Asche legen konnte», sagt Claudia Zey, Professorin für Allgemeine Geschichte des Mittelalters an der Universität Zürich. Teilnehmer einer Mahnwache gedenken der zerstörten Kathedrale. Zusammen pilgern sie zu Dutzenden in Richtung Notre-Dame. Es werden Kerzen angezündet und Blumen niedergelegt. «Wir werden Notre-Dame wieder aufbauen»: Der französische Staatschef Emmanuel Macron vor der Kathedrale Notre-Dame. (15. April 2019) Das Ausmass der Zerstörung ist noch nicht klar: Bild aus dem Innern der Kathedrale. Die Flammen sind laut der Pariser Feuerwehr mittlerweile unter Kontrolle. «Die Intensität des Feuers hat nachgelassen», sagte der französische Innenstaatssekretär Laurent Nuñez. Die Gefahr eines Einsturzes des nördlichen Glockenturms ist nach seinen Angaben vorerst gebannt. Am späten Montagabend teilte der Leiter des Feuerwehrteams, Jean-Claude Gallet, mit, dass die Struktur von Notre-Dame nach mehrstündigen Löscharbeiten «gerettet» sei. Ein Drohnenbild zeigt, wie sich die Flammen im Inneren der Kathedrale ausbreiten. Beeindruckend: Die Rauchwolke ist aus der Luft zu sehen. Ob die Flammen auch das Gewölbe erreichen werden, das die Kathedrale schützt, sei noch unklar. Emmanuel Gregoire, Beigeordneter der Pariser Bürgermeisterin, sagte, es werde versucht, alle Kunstwerke zu retten, «die noch zu retten sind». Der kleine Spitzturm der Kathedrale brach zusammen. Dabei handelte sich um einen kleineren Turm in der Mitte des Daches. Aus den beiden grossen Türmen der Kathedrale drang schwarzer Rauch. Der Feuerwehr zufolge brach der Brand gegen 18.50 Uhr aus und breitete sich rasend schnell aus. Emmanuel Grégoire, Beigeordneter der Pariser Bürgermeisterin, sagte, es werde versucht, alle Kunstwerke zu retten, «die noch zu retten sind». Der Brand schien von den Baugerüsten auszugehen, die auf dem Dach installiert waren. Die weltberühmte Kathedrale Notre-Dame in Paris steht in Flammen. Eine dichte Rauchwolke schraubte sich in den Himmel. Alles brennt», sagte der Sprecher von Notre Dame, André Finot. «Von dem Dachstuhl, der zu einem Teil aus dem 19. Jahrhundert und zum anderen Teil aus dem 13. Jahrhundert stammt, wird nichts übrig bleiben.» Ob die Flammen auch das Gewölbe erreichen werden, das die Kathedrale schützt, sei noch unklar. Die Bestürzung in Paris ist gross. Die Feuerwehr rief die Einwohner auf, die Gegend zu meiden und den «Rettungsfahrzeugen Platz zu machen». Ungeachtet dessen bildeten sich an den Quais und auf den Brücken große Zuschauermengen. Viele machten Fotos mit ihren Handys. Ein Teil der Seine-Insel, auf der die Kathedrale steht, wird seit 19.30 Uhr evakuiert. Löschwagen aus ganz Paris rasten zur Isle de la Cité, der Insel inmitten der Seine, auf der Notre-Dame steht. Die Polizei von Paris bat Passanten, sich vom Tatort zu entfernen, weil das Feuer derzeit so stark sei, dass Asche und Glut über sie fallen könnten. Nach weniger als zwei Stunden wurde bereits ein Teil des Dachs von den Flammen zerstört. Einem Sprecher von Notre-Dame zufolge brach der Brand gegen 18.50 Uhr auf dem Dachboden der Kathedrale aus. Sie wird zur Zeit aufwändig restauriert. Laut Feuerwehr könnte der Brand mit den Arbeiten zusammenhängen. Leser-Reporter teilen Bilder der Rauchwolke auf sozialen Medien. Wie «Le Parisien» berichtet, soll das Feuer am späten Nachmittag ausgebrochen sein. Das Feuer stehe möglicherweise in Zusammenhang mit Renovierungsarbeiten, wie die Feuerwehr mitteilte. Laut eines Sprechers wurde der Brand um 18.50 Uhr gemeldet. Das Feuer sei auf dem Dachboden ausgebrochen. Auf Bildern im französischen Fernsehen war eine grosse Rauchsäule über dem Pariser Wahrzeichen zu sehen. Die Polizei gab zunächst keine Informationen über den Zwischenfall bekannt.

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Nach dem Brand der Pariser Kathedrale Notre-Dame überschlagen sich die Reaktionen. Fast jeder hat zum Inferno der historischen und weltberühmten Kirche etwas zu sagen. Auf der ganzen Welt zeigen sich Staatsvertreter, Politiker und Bürger bestürzt. Bundespräsident Ueli Maurer (SVP) spricht im Namen des Bundesrats seine tiefe Trauer aus, wie Bundesratssprecher André Simonazzi in einem Tweet vermeldete.

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Viele 20-Minuten-Leser trifft das Inferno. Manche sprechen von einem «rabenschwarzen Tag» für Frankreich.


Doch während die einen Menschen grosse Bestürzung zeigen, lässt die Kathedrale die anderen eher kalt.









Mit solchen Kommentaren kann Claudia Zey, Professorin für Allgemeine Geschichte des Mittelalters an der Universität Zürich, wenig anfangen. «Man sollte Menschenleben nicht mit Schäden an historischen Gebäuden in einen Topf werfen», sagt Zey. Es sei jedem überlassen, ob er sich dieser Bestürzung und Trauer anschliessen wolle.

Laut Zey ist es zudem nicht so, dass etwa Opfer einer Hungersnot diese Trauernden kaltlassen würden. Um einzelne Menschen oder Gruppen, die wir nicht kannten, würden wir vielleicht eher abstrakt trauern. Aber auch diese Trauer könne sehr tief sein. «Anders ist es bei Dingen, die zur Menschheitsgeschichte gehören: Zu einem Bau wie der Kathedrale haben unendlich viele Leute eine Verbindung, und dazu noch eine positive.»

Vergänglichkeit von vermeintlich Ewigem mache Angst

Für Zey liegt die grosse Bestürzung auf der Hand. Die Kathedrale Notre-Dame, deren Grundstein 1163 gelegt wurde, sei nicht nur ein Gebäude, sondern im Laufe der Zeit zu einem Ort des kulturellen Gedächtnisses von Frankreich geworden. Der Bischofssitz befinde sich dort und symbolisiere daher auch das Zentrum geistlicher Macht. Dass der Brand ausgerechnet in der Osterwoche passierte, treffe die gläubigen Menschen besonders stark.

«Es ist für viele Menschen unbegreiflich, dass ein elektrisches Gerät im 21. Jahrhundert den riesigen Kulturraum in Schutt und Asche legen konnte.» Zey macht darauf aufmerksam, dass Paris von vielen Kriegen, Umbrüchen und Zerstörungen durchgeschüttelt wurde. «Von all dem blieb Notre-Dame schliesslich aber immer verschont.»

Immer wieder würden aber vermeintlich ewige Gebäude zerstört. «Dass vermeintlich ewige Gebäude eben doch auch vergänglich sind, macht Angst.» Es sei völlig normal, dass dem Konstanten erst besondere Aufmerksamkeit zu schenken, wenn etwas passiert sei. «Ansonsten gäbe es in den Zeitungen auch Schlagzeilen wie: ‹Heute ist niemand auf der Strasse ums Leben gekommen›.»

Humor sei fehl am Platz

«Eine besondere und plastische Verbindung zu diesem Ort haben viele Menschen durch den Glöckner von Notre-Dame», sagt Zey. Der Glöckner habe der Kathedrale diese mythische Bedeutung verliehen. «Einige Menschen dachten nach dem Brand deshalb sofort an die Verfilmung mit Anthony Quinn von 1956 oder an den Disney-Klassiker von 1996.»

Humor ist für Zey in diesem Zusammenhang fehl am Platz. Kommentare über Quasimodo und Grillparty blieben einem im Halse stecken. Vielleicht versuche der Absender die kollektive Trauer von sich zu weisen, mutmasst die Historikerin. Möglich sei auch, dass man mit solchen Kommentaren auffallen oder Likes erhalten wolle. «Die Person könnte wegen des Brandes aber auch selber verzweifelt und traurig sein und deshalb zum Galgenhumor greifen.»



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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • chrilly112 am 17.04.2019 04:22 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Tragisch aber

    Ich finde es traurig, auch wenn ein historisches Gebäude zerstört ist, binnen weniger Stunden, hunderte Millionen Euro zusammen kommen. Wobei auf der Welt, Erbeben wie Haiti oder Hungersnöte leiden, quasi "gebetelt" werden muss, dass geholfen wird. Meine Meinung

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  • so nicht am 16.04.2019 22:14 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    kein Geld für nichts - oh die Kirche braucht Geld

    für das notwendige fehlt es und für sowas hat jeder noch etwas übrig - krass

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  • Peter am 16.04.2019 22:29 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Irrglaube

    Schade... Dieses alte Gebäude war eine Sehenswürdigkeit. Aber das Leben geht weiter, vergöttert keine Häuser. Diese bringen niemanden in den Himmel!

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Optimist am 17.04.2019 13:17 Report Diesen Beitrag melden

    Geschichte geht weiter

    Es tut weh Geschichte und Kultur brennen zu sehen. ABER das Gebäude steht noch und seine Geschichte wird laufend geschrieben. Der Brand ist nun ein Teil davon...

  • Anna am 17.04.2019 12:55 Report Diesen Beitrag melden

    Sozialwohnungen

    Die Kirche wäre glaubwürdig, wenn sie anstelle der Kathedrale ein grosses Wohnhaus mit Sozialwohnungen für die Ärmsten bauen würde. Arme gibt es genug in Paris.

  • reto am 17.04.2019 12:50 Report Diesen Beitrag melden

    und geld für die schulen?

    in ganz paris verlottern schulen und bekommen nichts für die renovation. und hier sollen einfach mal hunderte millionen ausgegeben werden? und niemand sagt, es sei kein geld dafür vorhanden.. das sollte jedem zeigen, wo die prioritäten in einem kapitalistischen staat liegen und wie wir alle belogen werden.

  • Prisa am 17.04.2019 12:35 Report Diesen Beitrag melden

    Selber schuld...

    ...wenn Sie das Gebäude zu wenig schützen! Das passiert eben, wenn man sparen will. Ganz klar selber Schuld.

  • Alumdria841 am 17.04.2019 12:31 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Könnte immer noch heulen

    Klar es ist "nur" ein Gebäude. Aber dieses Gebäude ist über 800 Jahren alt und ein Teil ist noch aus dem 13.Jahrhundert. Ich bin selbst Atheist aber dieses Feuer tut mir im Herzen weh. Es geht nicht nur um die Religion sondern auch um Kunst, Geschichte und Kultur. Da drin wurde unter anderem Napoleon zum Kaiser gekrönt. Ausserdem ist die Architektur wunderschön mit diese. Gotik Baustil. Ausserdem ist es neben dem Eiffelturm und dem Triumphbogen eins der grössten Wahrzeichen von Paris, wenn nicht sogar von ganz Europa.