Studie

30. September 2016 09:30; Akt: 01.10.2016 17:20 Print

Nur 2 von 10 Lehrlingen bleiben auf ihrem Beruf

von P. Michel - Aus Karrieregründen kehren viele Lehrabgänger ihrem Job den Rücken. Übrig bleiben oft schlecht Qualifizierte.

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Die Lehrstellenplattform Yousty hat über 4000 Lehrlinge dazu befragt, wie zufrieden sie mit ihrem Job sind. Von zehn verfügbaren Punkten bewerteten die Männer ihre Lehrstelle mit der Punktzahl 7,1. Die Frauen vergaben ihrem Job 6,9 Punkte. Gegenüber dem Vorjahr hat die Zufriedenheit bei beiden Geschlechtern zugenommen. Die zufriedensten Lehrlinge arbeiten in den Kantonen Bern und Basel-Landschaft. Die hohe Zufriedenheit erklären die Studienautoren damit, dass insbesondere der Kanton Bern und die Bundesverwaltung die grössten Arbeitgeber im Kanton sind und zudem grosse Unternehmen wie Post, SBB und Swisscom, die eine Vorbildfunktion bei der Berufsbildung einnehmen, dort ansässig sind. Im Kanton Basel-Landschaft wird die hohe Zufriedenheit damit begründet, dass in dieser Region die Pharmaindustrie dominiert, die «leistungsstarke und motivierte Jugendliche anlockt». Nach ihren Zukunftsplänen befragt, gibt nur eine Minderheit an, weiterhin auf dem Beruf arbeiten zu wollen. Jürg Schweri, Professor am Eidgenössischen Hochschulinstitut für Berufsbildung, erklärt die grosse Nachfrage nach Weiterbildung damit, «dass die Jungen sich heute sehr früh bewusst sind, dass allein eine Lehre für eine erfolgreiche Berufskarriere nicht mehr ausreicht». Lehrabgänger, die ihre Zukunft nicht im Lehrbetrieb oder im gelernten Beruf sehen, sind für die betroffenen Branchen problematisch. «Es ist sehr schwierig, gute Lehrabgänger zu finden», bestätigt Markus Bär vom Maler- und Gipserverband.

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Nur 18,7 Prozent der Lehrabgängerinnen können sich vorstellen, nach bestandener Abschlussprüfung auf dem gelernten Beruf zu arbeiten. Bei den Männern sind es sogar noch weniger: Dort gibt nur noch jeder achte an, nach der Lehre dem Beruf treu bleiben zu wollen. Das zeigt eine neue, nicht repräsentative Studie der Lehrstellenplattform Yousty, die mehr als 4000 Schweizer Lehrlinge befragte.

Umfrage
Arbeiten Sie noch in Ihrem gelernten Beruf?
34 %
39 %
22 %
5 %
Insgesamt 5048 Teilnehmer

Besonders Lernende in Branchen, die ihre Stelle als wenig zufriedenstellend einstufen (siehe Rangliste), denken laut den Studienautoren häufig über einen Wechsel nach. Betroffen sind die Branchen Gastronomie, Detailhandel oder auch handwerkliche Berufe wie Maler oder Gipser oder Elektriker.

Männer wollen mehr Geld, Frauen Neuorientierung

Hoch im Kurs sind Weiterbildungen an einer Fachhochschule, Höheren Fachschule oder auch Sprachaufenthalte im Ausland. Mehr als die Hälfte der Befragten erhofft sich dadurch bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Es gibt aber auch Unterschiede bei den Geschlechtern: Während bei den Männern der finanzielle Aspekt im Vordergrund steht, suchen Frauen hauptsächlich eine berufliche Neuorientierung.

Jürg Schweri, Professor am Eidgenössischen Hochschulinstitut für Berufsbildung, erklärt die grosse Nachfrage nach Weiterbildung damit, «dass die Jungen sich heute sehr früh bewusst sind, dass allein eine Lehre für eine erfolgreiche Berufskarriere nicht mehr ausreicht». Christoph Weber von der Firma Berufsbildner.ch ergänzt: «Für den beruflichen Aufstieg zählen heute einzig Diplome. Das realisieren auch Lehrabgänger und jagen so schnell wie möglich diesen Papieren hinterher.»

«Fast unmöglich, gute Lehrabgänger zu finden»

Lehrabgänger, die ihre Zukunft nicht im Lehrbetrieb oder im gelernten Beruf sehen, sind für die betroffenen Branchen problematisch, wie Roger Huwiler, Geschäftsleitungsmitglied in einem Berner Elektrounternehmens, im Interview mit 20 Minuten sagt: «Es ist heute praktisch unmöglich, gute Elektroinstallateure zu finden. Die talentierten Lehrabgänger machen oft direkt nach dem Abschluss eine Weiterbildung oder gehen studieren.» Effektiv auf dem Beruf arbeiteten dann oft nur noch Montage-Elektriker, die in der Schule eher Mühe hatten und für die eine Weiterbildung nicht infrage komme.

Auch Markus Bär vom Maler- und Gipserverband bestätigt, dass «der Arbeitsmarkt ausgetrocknet» sei. Viele junge Berufsleute legten nach der Lehre ein Auslandjahr ein, absolvierten den Zivil- oder Militärdienst oder schauten sich nach einer Weiterbildung oder Zusatzlehre um. Bär führt die Entwicklung auf die gestiegenen Ansprüche an die Arbeitgeber und die Arbeitswelt generell zurück: «Die Jungen orientieren sich nach der Lehre neu, nicht weil sie keine dreckigen Hände mehr haben wollen, sondern weil sie sehen, dass in anderen Berufen Teilzeit oder in flexibler Arbeitszeit gearbeitet werden kann.»

Hier arbeiten die glücklichsten Lehrlinge

Betriebe schaden sich mit Lehrlingsselektion selbst

Laut Bildungsforscher Jürg Schweri sind die Betriebe aber auch mitschuldig daran, dass viele Lehrabgänger abwandern: «Oft entscheiden sich die Firmen bei der Besetzung der Lehrstelle für den Kandidaten mit den besten schulischen Leistungen.»

Dieser Fokus schon im Auswahlverfahren kann laut Schweri zum Problem werden: «Wenn die Betriebe nur die Besten wollen, schaden sie sich selbst. Sie weisen etwa einen Realschüler ab, der einen handwerklichen Beruf gut meistern könnte und nach der Lehre bleiben würde.» Stattdessen werde für eine Lehrstelle der vermeintlich Beste eingestellt – der sich aber nach Lehrabschluss einer höheren Ausbildung zuwende.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • peps müller am 30.09.2016 09:37 Report Diesen Beitrag melden

    Unfähigkeit der Verantwortlichen

    Es ist krass wieviele Milliarden wegen der Unfähigkeit unseres sogenannten "Bildungssystems" und dessen Lehrerschaft und der Behörden zum Fenster raus geworfen wird! Wenn diese "Fachkräfte" nur einen Schimmer davon hätten, um was es bei Menschen geht, dann würden sie die Jungen an ihre Berufung führen und sie nicht in Jobs pressen, die ihnen in der Seele nicht liegen!

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  • Badnoli am 30.09.2016 09:43 Report Diesen Beitrag melden

    Is OK

    Ja das ist doch kein Problem. Dann holen wir uns die "Fachkräfte" aus dem Ausland. Sind billiger und checken in den ersten Jahren eh nicht wie es läuft. Schweizer raus billige Fachkräfte aus dem Ausland rein. Schaffen wir uns weiter selber ab!

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  • Benz am 30.09.2016 09:44 Report Diesen Beitrag melden

    Alibi-Übung

    Meine Lehre war eine Alibi-Übung. Damals (ende 90er) gab es so wenige Lehrstellen, dass man das nehmen musste was übrig blieb und nicht das was man wollte. Weiss nicht wie es heute aussieht. Ich habe jedenfalls keinen einzigen Tag auf meinem gelernten Beruf gearbeitet und das war mir vom ersten Tag der Lehre an schon klar.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Fred am 30.09.2016 22:56 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Weiterbildung im Beruf

    Es fehlt in der Umfrage die wohl häufigste Variante: Ich habe, aufbauend auf der Berufslehre eine Weiterbildung gemacht und arbeite zwar nicht mehr ihm Lernberuf aber immer noch in der Branche. Dieser Artikel ist wohl von jemandem geschrieben worden der vom dualen Ausbildungssystem noch nie was gehört hat

  • Fred am 30.09.2016 22:33 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ist doch kein Problem

    Wenn ein Maurer nach der Lehre die Polierschule macht oder gar Bau-Ing. studiert, oder der Mech Maschinenbau studiert, ist das doch kein Problem, er bleibt der Branche ja erhalten und seine praktische Erfahrung ist gar ein Plus. Das ist doch genau die Stärke unseres dualen Bildungssystems.

  • Schön Schlau am 30.09.2016 21:18 Report Diesen Beitrag melden

    Was soll das?

    Ich sehe das genau so. Braucht man einen Sekundarabschluss und mindesten 2 Sprachen für WC-Putzen muss sich niemand wundern dass wir keine WC-Putzer finden. Und dann unter dem Deckmantel von Fachkräftemangel "Fachkräfte" aus dem Ausland anstellen zum WC-Putzen, die nicht mal deutsch können!!! Unsere Leute dürfen dann mal auf Staatkosten stempeln gehen.

  • Bojan am 30.09.2016 19:03 Report Diesen Beitrag melden

    Lohn

    Es liegt meistens am Lohn wäre, der Lohn besser wûrden die meisten in ihrem Betrieb und oder auf ihrer Brange bleiben. So ist es bei mir und bei den meisten meinere Baknten. Darum bilden wir uns weiter.

  • Problem am 30.09.2016 18:30 Report Diesen Beitrag melden

    Wo es nicht

    an Leuten fehlt, die grundsätzlich die nötigen Fähigkeiten hätten, gibt es keinen Mangel an Arbeitskräften, sondern nur zu schlechte Bedingungen! Dabei geht es nicht nur, aber auch um den Lohn.