Ein Jahr Pokerverbot

02. Juni 2011 18:51; Akt: 02.06.2011 18:55 Print

Nur im Untergrund blühts

von Joel Bedetti - Vor einem Jahr verbannte das Bundesgericht Pokerturniere mit Geldeinsatz in die Illegalität. Ein junges Gewerbe ging zugrunde, gezockt wird nun in Hinterzimmern. Eine kritische Bilanz.

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Am Donnerstag, 26. Mai, stürmten Berner Polizisten und Beamte der Eidgenössischen Spielbankenkommission (ESBK) bereits zum zweiten Mal das «Queens Poker» in Langenthal BE. Betreiber René Ruch sah die Beamten schon durch die Glasscheibe antraben. Doch noch bevor er die Türe öffnen konnte, traten sie die Ordnungshüter ein. Die Polizisten beschlagnahmten den Spieleinsatz. Sie durchsuchten das Haus, nahmen Ruchs Computer mit, und nach dem Protest beim Statthalter verzichteten sie darauf, von den rund zwölf Teilnehmern Fotos zu schiessen. «Eigentlich ist alles korrekt abgelaufen», sagt René Ruch, aber man fühle sich trotzdem ein bisschen wie ein Verbrecher.

Pokerrunden als Versammlungen von Kriminellen: Das ist der Stand der Schweizer Pokerszene Anfang Juni 2011, ein Jahr nachdem das Bundesgericht Pokerturniere mit Geldeinsatz verboten hat. Die Razzia in Langenthal ist die letzte in einer Reihe von Durchsuchungen, welche die Spielbankenkommission in den vergangenen Monaten durchgeführt hat. Wie viele Razzien es waren und wie viele Verfahren gegen Pokerclubs hängig sind, will die ESBK gegenüber 20 Minuten Online nicht sagen.

Hunderte Stellen weg

Vor dem 2. Juni 2010 sah alles anders aus: Das Klima stand auf Liberalisierung. Nach einem vorläufig positiven Entscheid des Bundesgerichts gab die ESBK provisorische Lizenzen für Turniere heraus, bei denen man lediglich einen einmaligen Einsatz, meist 50 bis 200 Franken, zahlte. «Für Zocker mit der Tendenz zur Spielsucht war das grossartig – sie hatten ihren Spass und konnten nicht viel Geld verlieren», sagt Marc Horisberger, Besitzer des «Poker Palace» und der wohl beste Kenner der Zockerszene.

Das Pokergewerbe war eine junge und florierende Branche von Quereinsteigern und Start-Up-Unternehmen. Jede Woche fanden rund 100 legale Turniere statt. Der Zockerboom der vergangenen Jahre hatte das Insiderspiel zum Volkssport gemacht. Junge Pokerfreunde, wenig vertraut mit den Irrungen und Wirrungen von Politik und Justiz, bauten Pokerclubs auf. Das Bundesgerichtsurteil stellte die mehreren Dutzend Pokerclubs mit hunderten Teilzeitstellen über Nacht vor ein Berufsverbot.

Illegale Sportwetten

Begrüsst wurde die Massnahme damals lediglich vom Casino-Verband, welcher mit einer Klage das wegweisende Bundesgerichtsurteil erwirkt hatte. Er hoffte, dass die Spieler nun in den Casinos Pokerturniere besuchen würden. Die Pokerer jedoch befürchteten, dass die Spieler in unkontrollierbare illegale Hinterzimmerclubs abwanderten, wo man sich leicht verschuldet, oder im ebenfalls unkontrollierten Internet zockten. Den Casinos warfen sie vor, gar kein Interesse an einem grossen Pokerangebot zu haben - ihnen gehe es nur darum, Zockernaturen ins Casino zu locken, wo sie dann bei Black Jack, Roulette und Automaten ihr Geld liegen lassen würden.

Heute ziehen Pokerer, Politiker und Suchtexperten ein ernüchterndes Fazit. «Verloren haben jene, die mit der Spielbankenkommission zusammengearbeitet und ihre Turniere sauber durchgeführt haben. Gewonnen haben die illegalen Clubs, die nach dem Verbot einen grossen Zulauf haben», sagt SVP-Nationalrat Lukas Reimann, der sich für die Anliegen der Zockergemeinde stark macht. Auch Polizeiquellen und Glücksspielexperten wie Jörg Häfeli, Professor an der Hochschule für soziale Arbeit Luzern, pflichten Reimann bei: «Man hört immer mehr von solchen Clubs, wo neben Cash-Games auch illegale Sportwetten verkauft werden.»

Schwierige Zusammenarbeit

Eine weitere Befürchtung ist eingetroffen: Das einst florierende Gewerbe liegt danieder. Den kleinen Clubs ist es nicht gelungen, sich mit Poker-Schulungen, Firmenevents oder Turnieren ohne Geldeinsatz über Wasser zu halten. «Die meisten kleinen Buden sind Konkurs gegangen», sagt Marc Horisberger. Aber auch die grossen Clubs haben mit dem Verbot zu kämpfen. «Wir sind fünf Minuten davor aufzugeben», sagt Denis Esen, Betreiber des «Other Poker» in Basel.

Vor einem Jahr hatte Esen 45 Angestellte, jeden Tag spielten in den besten Monaten 4500 Zocker in seinem Club. Nach dem Urteil des Bundesgerichts änderte Esen diejenigen Spielmodalitäten, welche das Bundesgericht in seinem Urteil verurteilte: «Wir schütteten pro Tag nur noch 15 000 Franken Gewinn aus, weil alles darüber dem Geldwäschereigesetz untersteht; wir verlängerten die Spieldauer, um den Glücksfaktor zu minimieren; wir machten nur noch Turniere mit höchstens 250 Franken Einsatz.» Er habe die ESBK gefragt, ob das legal sei, erzählt Esen. Die Spielbankenkommission habe von ihm darauf 30 000 Franken zur Überprüfung des Gesuchs verlangt, wohl in der Hoffnung, ihn abzuwimmeln. «Als wir den Betrag zahlten, sistierte die ESBK unser Anliegen, weil sie zu viele hängige Verfahren gehabt habe». Danach sei der Kontakt abgebrochen – bis im März die ESBK ohne Vorwarnung eine Razzia durchführte.

Plötzlich Razzia

Seither führt Denis Esen nur noch Turniere ohne Spieleinsatz durch – die kaum Zocker anlocken. Esen hat mittlerweile alle seine 45 Angestellten entlassen und arbeitet wieder auf seinem früheren Beruf als Softwareentwickler. Den Club betreibt er mit seinem Geschäftspartner in der Freizeit.

Esens Erlebnis mit der Spielbankenkommission ist kein Einzelfall. Auch Dominic Lienhard, Betreiber des «Poker Club Bern», fragte nach dem Bundesgerichtsurteil, das Turniere um Geld im Freundeskreis weiter erlaubte, bei der Spielbankenkommission an, ob sein kleiner Club weiterhin Turniere mit Einsätzen spielen dürfe. «Die ESBK suggerierte mir, dass dies ok sei, die Polizei kontrollierte zweimal den Club, ich zeigte ihnen, wie es funktioniert», sagt Lienhard. Im Dezember 2010 gab es dann eine Razzia. «Seither bleiben die Spieler aus», sagt Lienhard. Er macht seinen Pokerclub nun dicht.

Spielregeln lernen

Das Pokerverbot und seine Folgen ist auch ein Beispiel, wie eine Branche ohne Lobby der Politik und Justiz ausgesetzt ist. Nach dem Verbot musste sich die kaum organisierte Spielerszene zusammenraffen und die Spielregeln des politischen Lobbyings erlernen. Marc Horisberger schickte den Ständeräten Pokersets. Im jungen SVP-Nationalrat Lukas Reimann fanden sie einen Verbündeten. Dessen Bemühungen fruchteten bisher nicht. Zurzeit hoffen Reimann und die Pokerer mit einem Minderheitenantrag, Pokerturniere mit Einsätzen bis 100 Franken wieder zu legalisieren.

Obwohl Reimann sich bezüglich des Antrags hoffnungsvoll gibt, legt er den Zockern nahe, sich besser zu organisieren. «Wenn man einen Verband mit 10 000 Mitgliedern hinter sich hat, nehmen einen die Politiker ernst.» Zudem müsse die Lobbyarbeit verstärkt werden. Der Casinoverband zum Beispiel decke die Parlamentarier ständig mit neuen Studien und Broschüren zu.

Denis Esen, Betreiber des «Other Poker» in Basel, versucht indessen, auf juristischem Weg das Pokerverbot aufzuheben. Er hat den Basler Strafrechtsprofessor Kurt Seelmann damit beauftragt, ein Gutachten zu verfassen, um die Möglichkeiten auszuloten, Turniermodi auszuarbeiten, welche im Einklang mit dem Bundesgerichtsurteil stehen. Zudem soll ein Statistiker wissenschaftlich untersuchen, ob der Befund des Bundesgerichts, Poker sei ein Glücksspiel, gerechtfertigt ist.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Legal am 02.06.2011 20:36 Report Diesen Beitrag melden

    All about the money..

    Es dreht sich immer nur ums Geld. Die Casinos entscheiden wann gespielt wird. Irgendwann wird es wieder legal sein...

  • Michi W am 30.09.2011 15:54 Report Diesen Beitrag melden

    FullHouse

    Ich habe hier alle Berichte gelesen und kann nur sagen........ Lasst euch nicht alles verbieten. Ich war, und werde wohl nie ein casino betreten, spiele aber schon ein paar jahre provitabel poker. spielt mit freunden im untergrund, dass macht sowieso mehr spass als im casino. macht nicht so ein wirbel draus

  • Stefan Brot am 02.06.2011 19:56 Report Diesen Beitrag melden

    Frust Schweiz

    Mich kotzt die Bevormundung langsam an. Der Staat soll lieber mal das ganzze Politikerlobbying ausmisten bevor er auf die kleinen Bürger losgeht. Pokern verboten,kiffen illegal,rauchen verboten, für jeden scheiss wollen die Behörden Geld und Vorschriften und Reglementierungen das selbst ein Anwalt nicht mehr durchblickt. Egal welche Partei man wählt es geht immer nur um Lobbys

Die neusten Leser-Kommentare

  • Michi W am 30.09.2011 15:54 Report Diesen Beitrag melden

    FullHouse

    Ich habe hier alle Berichte gelesen und kann nur sagen........ Lasst euch nicht alles verbieten. Ich war, und werde wohl nie ein casino betreten, spiele aber schon ein paar jahre provitabel poker. spielt mit freunden im untergrund, dass macht sowieso mehr spass als im casino. macht nicht so ein wirbel draus

  • Simpel am 21.09.2011 11:46 Report Diesen Beitrag melden

    eine einfache Lösung

    Als es jeder Durfte gab es Ärger wegen Betrug, der war nie nach zuweisen. Heute braucht man das nicht weil es illigal ist und der Abgezockte mag sich sicher nicht selbst anzeigen. Ich finds Klasse

  • Gambler am 21.09.2011 11:28 Report Diesen Beitrag melden

    Spiegelbericht

    Wie heute mal wieder festgestellt wird fröhlich betrogen. Von privaten Anbietern über Internet (Heute im Spiegel) bis zu bestochenen Schiris. Das Geschäft gehört nie in private Hände.

  • Wenzin am 06.06.2011 12:48 Report Diesen Beitrag melden

    Huch! Da sind wir aber erstaunt!!

    Warum hat uns NIEMAND vorher gesagt, dass die Clubs dann eben in die Illegalität abwandern?!?! Hätten wir Politiker und Richter mit Grips, hätte die Spielbankenkommission keine Handlungsmacht. Ein klein wenig Geschichtsunterricht mit Blick auf die Prohibition hätte gereicht um zu erkennen, dass diese Monopolverteidigung nicht machbar ist. Ich würde sagen: Gebt das Pokern wieder frei und schafft dafür die wirklich unnütze Spielbankenkommission - oder besser: INQUISITION - ab.

  • Boris Zambühl am 05.06.2011 13:46 Report Diesen Beitrag melden

    Hohn, kann es nicht mehr hören...

    Die Diskussion hängt mir zum Hals raus! Ich spiele professionell Poker, 6 Monate im Jahr lebe ich seit 2009 in Las Vegas. Was bei Ihnen in der Schweiz abgeht gleicht einem Witz. Die Befürworter schlagen komplett falsche Wege ein und meinen sie hätten tatsächlich eine Chance, traurig. So wie in der Schweiz "Poker" gespielt wurde, war eine Verachtung des Spiels (Blindlevel 20min., Startstacks von 5000 Chips, Rabbit Hunts bei Turnieren und und und und...) Das glich tatsächlich mehr Lotto als Poker und gehört weiterhin verboten! Beruhigt euch, schliesst diese Schuppen und spielt im Netz 0.10/0.25$