Experten sind alarmiert

03. Dezember 2019 04:48; Akt: 03.12.2019 08:21 Print

Soll Gesetz Kinder vor Prügel-Eltern schützen?

Die Hälfte aller Eltern in der Schweiz wendet bei der Erziehung Gewalt an. Experten fordern ein explizites Verbot der «Züchtigung».

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Das Resultat der Auswertung dreier Studien zur Gewalt in der Erziehung besagt: Die Zahl der Eltern, die ihre Kinder schlagen, ist seit 1990 gesunken. Dies teilt die Eidgenössische Kommission für Kinder- und Jugendfragen EKKJ in einem Positionspapier mit. (Symbolbild) Trotzdem wendet weiterhin die Hälfte aller Schweizer Eltern bei der Erziehung physische Gewalt an. Jeder vierte Elternteil nimmt an, dass ein Klaps auf den Hintern noch niemandem geschadet habe oder Ohrfeigen als Ausnahme erlaubt seien. (Symbolbild) 6 bis 11 Prozent aller Eltern wenden häufig oder sogar regelmässig physische Gewalt an. Besonders betroffen von körperlicher Gewalt sind Kinder zwischen 0 bis 6 Jahren. (Symbolbild) Ganze zwei Drittel der Eltern greifen zu psychischer Gewalt, jeder vierte Elternteil regelmässig. (Symbolbild) Aufgrund dieser Zahlen sieht die Kommission «dringenden Handlungsbedarf». Neben mehr Prävention, Schulungen und Beratungsangeboten ist es für die Experten zentral, dass endlich im Gesetz die letzten Überreste des «Züchtigungsrechts» entfernt werden. (Symbolbild) SP-Nationalrätin Yvonne Feri sagt, man müsse darüber aufklären, dass psychische und physische Gewalt keine Erziehungsmethoden sind. «Eltern müssen von der Vorstellung wegkommen, dass ein Klaps aufs ‹Füdli› nicht schaden würde.» (Symbolbild) «Deshalb braucht es ein Züchtigungsverbot in der Schweiz», so Feri. Denn eine Gesetzesänderung könne zu einem Umdenken führen. «Eltern und Betreuungspersonen erkennen dann, dass Gewalt nicht in Ordnung ist. Das ist wie bei Verkehrsregeln.» (Symbolbild) SVP-Nationalrätin Andrea Geissbühler findet das Züchtigungsverbot unnötig. «Wir haben bereits genügend Strafartikel, aufgrund derer man jemanden wegen Gewalt an Mitmenschen anzeigen kann und im Falle von sichtbarer, wiederholter Gewalt an Kindern auch anzeigen sollte.» (Symbolbild) «Ich bin für gewaltfreie Erziehung und wir sollten alles dafür tun, dass diese erreicht wird», sagt Geissbühler. Ihrer Ansicht nach reichen hierfür Präventions- und Informationskampagnen. «Solche gibt es bislang praktisch gar nicht.» (Symbolbild)

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In einem neuen Positionspapier hat die die Eidgenössische Kommission für Kinder- und Jugendfragen EKKJ drei Studien zur Gewalt in der Erziehung ausgewertet. Das Resultat: Die Zahl der Eltern, die ihre Kinder schlagen, ist zwar gesunken, trotzdem wendet weiterhin die Hälfte aller Schweizer Eltern bei der Erziehung physische Gewalt an.

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Jeder vierte Elternteil nimmt an, dass ein Klaps auf den Hintern noch niemandem geschadet habe oder Ohrfeigen als Ausnahme erlaubt seien. 6 bis 11 Prozent aller Eltern wenden häufig oder sogar regelmässig physische Gewalt an. Besonders betroffen von körperlicher Gewalt sind Kinder bis 6 Jahre. Ganze zwei Drittel der Eltern greifen zu psychischer Gewalt, jeder vierte Elternteil regelmässig.

Züchtigungsverbot

Aufgrund dieser Zahlen sieht die Kommission «dringenden Handlungsbedarf». Neben mehr Prävention, Schulungen und Beratungsangeboten, ist es für die Experten zentral, dass endlich in der Rechtssprechung die letzten Überreste des «Züchtigungsrechts» entfernt werden.

Bislang sind aber alle Initiativen für eine Verankerung des Rechts auf gewaltlose Erziehung respektive die Einführung eines Züchtigungsverbots gescheitert. Denn obschon der Begriff des «Züchtigungsrechts» 1978 aus dem ZGB gestrichen wurde, bezieht sich das Bundesgericht weiterhin darauf, vor allem bei Fällen der Verletzung der Fürsorge- oder Erziehungspflicht.

Unklar definierte Grenzen bei Züchtigung

Zuletzt erwähnte es das Bundesgericht bei einem Entscheid 2018, in dem ein Vater seinen Sohn mit Gürtel, Holzstock oder Kabeln schlug, weil dieser zu lange ferngesehen habe. Damit gebe das Bundesgericht zu verstehen, dass Züchtigung innerhalb unklar definierter Grenzen weiterhin zulässig sei, kritisiert die Kommission.

Das Problem dabei: Damit Gewalt an Kindern geahndet werden kann, muss sie ein gewisses Ausmass annehmen. «Um dieses Ausmass des Zulässigen auszuloten, verwendet das Bundesgericht in seiner Rechtssprechung auch heute noch den Begriff des elterlichen Züchtigungsrechts als Massstab.»

«Kinder brauchen besonderen Schutz»

Yvonne Feri, SP-Nationalrätin und Stiftungsratspräsidentin von Kinderschutz Schweiz, begrüsst es, dass die Kommission das Thema aufgreift. Man müsse darüber aufklären, dass psychische und physische Gewalt keine Erziehungsmethoden seien. «Eltern müssten von der Vorstellung wegkommen, dass ein Klaps aufs Füdli nicht schaden würde.»

«Kinder sind die fragilsten Teile der Gesellschaft und brauchen besonderen Schutz, vor allem auch die Kleinkinder. Denn sie sind häufig von Übergriffen betroffen, leider zumeist aus dem engsten Umfeld.»

Züchtigungsverbot und Umdenken

«Deshalb braucht es ein Züchtigungsverbot in der Schweiz», so Feri. Denn eine Gesetzesänderung könne zu einem Umdenken führen. «Eltern und Betreuungspersonen erkennen dann, dass Gewalt nicht in Ordnung ist. Das ist wie bei Verkehrsregeln.» Zudem helfe bei der Vermittlung dieser Ziele auch der öffentliche Diskurs über das Thema. «Die Menschen werden sensibilisiert.»

Erziehung sei oft eine grosse Herausforderung, so Feri. «Mit begleitenden Massnahmen, beispielsweise Präventionskampagnen, kann parallel zur Gesetzesänderung mit Eltern nach alternativen Handlungsmöglichkeiten gesucht werden.» Feri zufolge wäre es wünschenswert, wenn es mehr niederschwellige Bildung für Eltern gäbe, womit sie sich auf schwierige Situationen vorbereiten könnten.

«Wir haben bereits genügend Strafartikel»

SVP-Nationalrätin Andrea Geissbühler ist der Ansicht, dass ein Züchtigungsverbot zwar eingeführt werden kann, aber nicht viel bringt. «Wir haben bereits genügend Strafartikel, aufgrund derer man jemanden wegen Gewalt an Mitmenschen anzeigen kann und im Falle von sichtbarer, wiederholter Gewalt an Kindern auch anzeigen sollte.» Und man müsse ehrlich sein: «Eltern werden aufgrund eines Gesetzes nicht davon abgehalten, ihre Kinder zu schlagen.»

Denn zu Gewalt in der Erziehung komme es in situativen Momenten der Überforderung, so Geissbühler. Kinder könnten phasenweise sehr schwierig sein. «Zudem muss man zwischen schwerer Gewalt und einem Klaps auf den Hintern unterscheiden.»

Forderung nach mehr Präventionsmassnahmen

«Ich bin für gewaltfreie Erziehung und wir sollten alles dafür tun, dass diese erreicht wird», sagt Geissbühler. Ihrer Ansicht nach, braucht es vor allem präventive Massnahmen.

Sie schlägt vor, dass Hebammen Eltern bei der Geburt ihrer Kinder beraten und ihnen Flyer mitgeben, die auf schwierige Phasen in der Entwicklung – Zahnen, Trotzphase, Pubertät – hinweisen. Zudem sollten darauf Vorschläge für einen guten Umgang damit und Kontaktdaten zu Beratungsstellen zu finden sein. «Das wäre eine einfache und kostengünstige Massnahme, die sich schnell umsetzen liesse.»

(ihr)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Toni am 03.12.2019 05:40 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

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    Ich höre da schon das Kind... "Mama, du darfst mich nicht anfassen, sonst zeige ich dich an"

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  • Marcel am 03.12.2019 05:23 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Gewalt gehört bestraft.

    Ich hasse Gewalt gegen Kinder. Aber zur richtigen Zeit ein kleiner Ohrstüber oder ein Klaps auf die Hand zeigt Wirkung. Dann wissen die Kinder, dass sie zu weit gegangen sind. Sie müsseen keine Schmerzen erhalten einfach ein "jetzt ist genug" . Wir alle hatten so etwas und lieben unsere Eltern trotzdem. Aber wenn Kinder geschlagen werden dann ist es zuviel und die Eltern gehören bestraft.

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  • Viggi Schweitzer am 03.12.2019 05:07 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    eher wichtig

    das thema in der schweiz ist eher sexueler missbrauch der Kinder. ein mehrere jahrhundert tabu thema das entlich mal öffentlich werden muss. wieviele 100'000e kinder wurden in der eigenen familie missbraucht und kein gesetz geht hart dagegen an. fremdschämen!!!

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Bernhard am 03.12.2019 17:55 Report Diesen Beitrag melden

    Hebammen?!

    Weiss Andrea Geissbühler was Hebammen verdienen und wie unglaublich viel unbezahlte Extraarbeit schon geleistet wird weil diese gar nicht verrechnet werden kann? Und dass die Beratungsstellen oft überfordert- und unterbesetzt sind?

  • Gina. W. am 03.12.2019 17:04 Report Diesen Beitrag melden

    Gewaltfreie Kommunikatorin

    Ja, ich bin pro gewaltfrei! Mit Kindern und überhaupt. Das versuche ich auch täglich und beschäftige mich auch beruflich damit. Die Definition von Gewalt ist schon mal eine Sache für sich. Schlagen? Wut ausdrücken? Agression? Depression? Liebesentzug durch Schweigen? Festhalten? Drohen? Bestrafen? Wo fängt Gewalt an? Und wie stoppen wir den Kreislauf? Meistens geben die Menschen ja das wieder, was sie selbst erlebt haben. Gewalt mit Bedrohungen und Strafen stoppen wird schwierig, aus meiner Erfahrung. Alternativen zeigen zu gewaltvollen Handlungen oder Kommunikation schon eher.

  • Fragesteller am 03.12.2019 16:49 Report Diesen Beitrag melden

    Grau

    Wo beginnt Gewalt?Ist es Gewalt,wenn eine Mutter ihr Kind grob am Arm packt und wegzieht,um zu verhindern,dass es von einem Auto überfahren wird?Ist es Gewalt,wenn ein Kind seine Grenzen bis ins letzte Austestet und die Eltern intervenieren,indem sie das Kind für eine gewisse Zeitdauer in sein Zimmer "verbannen",um "herunterzukommen" und abschliessen?Ist es Gewalt,wenn Eltern ihre Kinder anschreien,wenn sie sich unverstanden,übergangen oder überfordert fühlen und das Gefühl haben,ihr Kind momentan anders nicht zu erreichen?Manchmal gibt es grau und nicht nur schwarz oder weiss...

  • Erich Ed. Müller am 03.12.2019 16:01 Report Diesen Beitrag melden

    Totalverbot gefordert.

    Das ist jetzt schon Realität. Im Kanton Zürich zum Beispiel, ist das häusliche Gewalt und fällt unter Gewaltschutzgesetz. Häusliche Gewalt wird als Offizialdelikt qualifiziert. Gewalt an Kindern MUSS verboten werden. Es ist eigentlich ein Skandal, dass noch darüber geschrieben und diskutiert werden muss!!

  • Arke am 03.12.2019 15:55 Report Diesen Beitrag melden

    Alternativ vorschlag

    Eigentlich sollte man ärzte dazu zwingen solche verdachtsmomente die in einem gebrochen arm oder ähnlichem endeten zu melden als offizialdelikt. Denn die sehen es als erste und wissn viel zu häufig sehr genau was da passiert ist dürfen aber nicht helfen wenn keiner nach hilfe schreit ..., und die polizei könnte dann nachforschen in wie weit da die grenze überschritten ist oder tatsächlich nur ein unfall war ... Denn so würden viele probleme angegangen und wahrscheinlich auch gelöst und dies nicht nur bei kindern bez. bei schlägen ...