«ÖV-Schutzbrief»

19. Juni 2018 05:47; Akt: 19.06.2018 05:47 Print

Pendler versichern sich aus Angst vor Dieben

von P. Michel - Aus Angst um den Verlust der Kreditkarte oder des Zonen-Abos schliessen Pendler zunehmend Versicherungen ab. Das ist laut Experten jedoch nicht nötig.

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Für 27 Franken pro Jahr bietet die Allianz zusammen mit der SBB eine ÖV-Versicherung an. Sie ist bei Reisenden beliebt: Auf Anfrage teilt die Alliance mit, dass die Zahl der verkauften Policen jährlich im «höheren zweistelligen Prozentbereich» steige. Gegenüber 2017 stelle man sogar eine Verdopplung fest. Genaue Zahlen will die Allianz nicht preisgeben. Aber: Es seien «sehr viele» Ein Grund für die zunehmende Nachfrage ist laut Mediensprecher Sandro Schwärzler, dass die Pendler heute immer mehr Wertsachen mit sich herumtragen. Die Versicherung deckt etwa den Verlust persönlicher Karten wie ID, Zonen-Abo oder Kreditkarte, den Ersatz des Hausschlüssels inklusive Schloss oder das Bargeld im Portemonnaie. Karin Blättler, Präsidentin von Pro Bahn, kann über die Gründe nur spekulieren. Sie glaubt, dass die Zunahme weniger im fehlenden Vertrauen in den Fundservice liegen als in der Chance, dass die Verlustsachen gar nicht ins Fundbüro gelangen. Sie stelle aber auch fest, dass nicht nur die Pendler sondern auch Gelegenheitsreisende immer öfter «das halbe Büro» dabei» hätten. Ein Suchauftrag bei der SBB für einen verlorenen wichtigen Gegenstand kostet 50 Franken. Die Versicherung, die keinen Selbstbehalt in Rechnung stellt, kostet 27 Franken pro Jahr. Ein Knackpunkt an der Versicherung: Geräte wie Handys oder Tablets sind nicht versichert. Schwärzler: «Würden wir elektronische Geräte inkludieren, liesse sich das niemals zu einem so tiefen Preis versichern.» Auch wegen solcher Ausnahmen findet Frank Zimmermann, Sprecher der Interessensgemeinschaft öffentlicher Verkehr, die Versicherung «unnötig». Mit dem Angebot würden Ängste bei den Kunden geschürt, indem man ihnen vorgaukle, verlorene Gegenstände im ÖV seien nicht gedeckt. Dabei sei ein Grossteil der Schäden bereits in der Hausratsversicherung drin. Deshalb rät auch Cécile Thomi, Leiterin Recht beim Konsumentenschutz: «Man sollte genau prüfen, ob diese Schäden nicht bereits in einer anderen Versicherung gedeckt sind.» «Im Gegensatz zur Hausratversicherung erhält der Kunde mit dem ÖV-Schutzbrief für nur 27 Franken pro Jahr eine Versicherung ohne jeglichen Selbstbehalt, welcher bei fast allen Hausratsversicherungen vorgesehen ist», kontert Schwärzler von der Allianz.

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Im Pendlerstress oder in der Hektik vor einer Reise ist es schnell passiert, dass die Tasche oder die Jacke im Zug liegen bleibt. Aber auch Diebe sind im Zug unterwegs: Gemäss dem SBB-Geschäftsbericht wurden im letzten Jahr 20 000 Straftaten im Bahnumfeld verübt. 63 Prozent davon entfallen auf Diebstähle, das sind 12600 pro Jahr. Für «das gute Gefühl, dass Sie nichts aus der Ruhe bringen kann», bieten die SBB und die Allianz Assistance mit dem «ÖV-Schutzbrief» eine entsprechende Versicherung für Wertgegenstände an.

Und die Nachfrage bei den Reisenden, ihre Wertsachen zu versichern, ist gross: Auf Anfrage teilt die Allianz mit, dass die Zahl der verkauften Policen jährlich im «höheren zweistelligen Prozentbereich» steige. Gegenüber 2017 stelle man sogar eine Verdopplung fest. Genaue Zahlen will die Allianz nicht preisgeben. Aber: Es seien «sehr viele».

«Kunden haben nicht die Geduld, den Suchauftrag abzuwarten»

Ein Grund für die zunehmende Nachfrage ist laut Mediensprecher Sandro Schwärzler, dass die Pendler heute immer mehr Wertsachen auf sich trügen. Die Versicherung deckt etwa den Verlust persönlicher Karten wie ID, Zonen-Abo oder Kreditkarte, den Ersatz des Hausschlüssels inklusive Schloss oder das Bargeld im Portemonnaie. Zudem ist die Rückgabegebühr von 20 Franken eingeschlossen. «Der Ersatz verschiedener Kreditkarten oder Verlust des Haussschlüssels kann heute schnell einmal einige hundert Franken kosten», sagt Schwärzler. Die Kunden wollten das Risiko, wenn der Schlüssel nicht ins Fundbüro gelange, absichern oder hätten nicht die Geduld, den Suchauftrag abzuwarten.

Karin Blättler, Präsidentin von Pro Bahn, kann über die Gründe nur spekulieren. Sie glaubt, dass die Zunahme weniger im fehlenden Vertrauen in den Fundservice liegt als im Umstand, dass die Verlustsachen gar nicht ins Fundbüro gelangten. Sie stellt aber auch fest, dass nicht nur die Pendler, sondern auch Gelegenheitsreisende immer öfter «das halbe Büro» dabei» hätten.

Ist diese Versicherung überhaupt nötig?

Ein Suchauftrag bei der SBB für einen verlorenen wichtigen Gegenstand kostet 50 Franken. Die Versicherung, die keinen Selbstbehalt in Rechnung stellt, kostet 27 Franken pro Jahr. Ein Knackpunkt an der Versicherung: Geräte wie Handys oder Tablets sind nicht versichert. Schwärzler: «Würden wir elektronische Geräte inkludieren, liesse sich das niemals zu einem so tiefen Preis versichern.»

Auch wegen solcher Ausnahmen findet Frank Zimmermann, Sprecher der Interessensgemeinschaft Öffentlicher Verkehr, die Versicherung «unnötig». Mit dem Angebot würden Ängste bei den Kunden geschürt, indem man ihnen vorgaukle, verlorene Gegenstände im ÖV seien nicht gedeckt. Dabei sei ein Grossteil der Schäden bereits in der Hausratsversicherung drin. Deshalb rät auch Cécile Thomi, Leiterin Recht beim Konsumentenschutz: «Man sollte genau prüfen, ob diese Schäden nicht bereits in einer anderen Versicherung gedeckt sind.»

Selbstbehalt entfällt

SBB-Sprecher Reto Schärli erklärt, dass rund die Hälfte aller beim Fundservice abgegebenen Gegenstände an die Besitzer zurückgegeben werden können. Wer dringend benötigte Dinge wie das Portemonnaie verliere, könne für 50 Franken einen Suchauftrag aufgeben, worauf das Zugpersonal aktiv danach suche. Der Zusatznutzen der Versicherung liege darin, dass die Kosten für den Ersatz versichert seien. Sandro Schwärzler von der Allianz ergänzt: «Im Gegensatz zur Hausratversicherung erhält der Kunde mit dem ÖV-Schutzbrief für nur 27 Franken pro Jahr eine Versicherung ohne jeglichen Selbstbehalt, der bei fast allen Hausratsversicherungen vorgesehen ist.»

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Michi am 19.06.2018 06:19 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Meine Meinung

    Rund um die Bahnhöfe verkehren zum Teil schon komische Gestalten.

    einklappen einklappen
  • Alternative für die Schweiz am 19.06.2018 06:52 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Die Versicherungen freuts

    Wenn der Staat nicht ausreichend schützt, wer dann, die Versicherung??

    einklappen einklappen
  • Gabi Gubser am 19.06.2018 07:18 Report Diesen Beitrag melden

    Mach den Menschen Angst

    und sie kaufen dir jede Versicherung ab...

Die neusten Leser-Kommentare

  • Herr Paternoster Live us de Chnelle am 19.06.2018 18:54 Report Diesen Beitrag melden

    ja genau

    kann man sich da auch noch gegen Angst versichern

  • Asterix am 19.06.2018 18:30 Report Diesen Beitrag melden

    ANGST

    Mit der Angst lässt sich leicht Geld machen.

  • Züri Horner am 19.06.2018 11:32 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Wir werden im Sekunden Takt beklaut

    Das Schweizer Volk wird von der Politik immer mehr im Stich gelassen. Jetzt müssen wir uns schon ganz selbstverständlich beklauen lassen.

  • Elias Truttmann am 19.06.2018 11:16 Report Diesen Beitrag melden

    Deppenprämie

    Ich pendle seit über 20 Jahren. Mehr als einen alten Pulli habe ich nie aus Versehen liegen gelassen. Aber bitteschön, wer seine Schussligkeit versichern lassen will, soll das machen.

  • Matthias am 19.06.2018 11:16 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Einfach nur dumm

    Klar mit der Angst der Menschen kann man unsäglich viel Geld scheffeln. Alle bezahlt jährlich einen Beitrag und die Wenigsten werden beklaut. Das Geld ist trotzdem weg und bekommt es nie wieder. Da lass ich mich lieber einmal im Leben beklauen, anstatt ein ganzes Leben für Nichts Prämien zu bezahlen.