Landwirtschaft

03. Juli 2019 16:57; Akt: 03.07.2019 16:57 Print

Bio-Anbau würde 600 Tonnen Pestizide sparen

von B. Zanni - Forscher geben einer pestizidfreien Landwirtschaft grosse Chancen. Dafür müssten ältere Gemüse- und Früchtesorten angebaut werden.

Bildstrecke im Grossformat »
«Um den Weg für eine Zukunft ohne Pestizide freizumachen, muss die Schweizer Landwirtschaft einen viel grösseren Schwerpunkt auf resistente Obst- und Gemüsesorten setzen», sagt Monika Messmer, Pflanzenzüchterin beim FiBL. Laut Messmer braucht es stattdessen Mischkulturen mit Pflanzen, die gut ohne Pflanzenschutzmittel überleben. «Die beliebten, aber für Krankheitserreger sehr anfälligen Gala-Äpfel müssten robusteren Sorten weichen, die geschmacklich ebenso gut sind.» Eine weitere Lösung zur Förderung der Biodiversität sehen die Forscher im Anbau von älteren Gemüse- und Früchtesorten. Dazu zählt Messmer die Förderung der Pastinake, ... ... der Steckrübe oder ... ... der schwarzen Johannisbeere. FiBL-Direktor Urs Niggli sieht die Zukunft in vielfältigen Anbausystemen und im biologischen Pflanzenschutz. «Das bedingt eine sehr lange Umstellungszeit, in der sich die Bauern neu orientieren und Investitionen wie zum Beispiel Maschinen für die mechanische Unkrautbekämpfung tätigen.» Unvorstellbar sind die Szenarien für Markus Ritter, Präsident des Schweizerischen Bauernverbands. «Die Annahme beider Initiativen hätte ein grosses Bauernsterben, massiv zunehmende Lebensmittelimporte und 20 bis 40 Prozent höhere Konsumentenpreise zur Folge», sagt er. Die Praxis und die Forschung im Biolandbau zeigen laut den Forschern des FibL, dass Herbizide mit modernsten Geräten, Mischkulturen und Bodenbedeckungen vollständig ersetzt werden können. Die Wissenschaftler beurteilen eine «Schweizer Landwirtschaft ohne Herbizide» als eine für die Praxis, die Alleinstellung am Markt und die Agrarpolitik interessante Vision. Das FiBL fordert einfache Pestizid-Lösungen als Ersatz. Bauern, Pflanzenschützer, Anbautechniker, Ökologen, Forscher und Berater seien nur vernetzt Teil der Lösung. Neue Sorten brauchen Zeit und Geld. Dies betrifft auch Züchtungsprojekte wie verbesserte Krankheitstoleranzen beim Apfel oder die Toleranz von Baumwolle gegen Wurzelbohrer und saugende Insekten, die das FiBL in Indien durchführt. Seit 30 Jahren forschen das FiBL und Agroscope an direktem Pflanzenschutz ohne chemisch-synthetische Pestizide. Das Forschungsinstitut beurteilt die Anzahl an mögliche Lösungen als riesig. Dazu zählt etwa der Einsatz von Antagonisten wie Insekten, Viren und Nematoden. Eine weitere Option sind Pflanzenextrakte oder natürliche Materialien wie Tonmineralien und Milchextrakte. Da es extrem teuer sei, diese Lösungen zu standardisierenden Pflanzenschutzprodukten zu entwickeln, fordert das FiBL öffentliche und private Investitionen in die Forschung.

Zum Thema
Fehler gesehen?

Die Initianten der Trinkwasser-Initiative und der Initiative «Für eine Schweiz ohne synthetische Pestizide» träumen von einer pestizidfreien Landwirtschaft. Davon ist die Schweiz noch weit entfernt. Über 1300 Tonnen Pflanzenschutzmittel kommen aktuell pro Jahr für Grünland, den Ackerbau und Spezialkulturen zum Einsatz.

Umfrage
Wie denken Sie über Pestizide?

Eine neue Analyse des Forschungsinstituts für biologischen Landbau FiBL zeigt: Würden sämtliche Bauern auf eine vollständig biologische Landwirtschaft umsteigen, würden im Grünland keine Pflanzenschutzmittel mehr eingesetzt, da sich die 46 Tonnen Pflanzenschutzmittel ausschliesslich aus Herbiziden zusammensetzen. Im Ackerbau gäbe es eine Einsparung von 480 Tonnen Pflanzenschutzmittel (98,5 Prozent) und in den Spezialkulturen Obst-, Wein-, Gemüsebau und Kartoffeln von 150 Tonnen (20 Prozent) Pflanzenschutzmittel.

Besonders klein ist die Einsparung in Spezialkulturen, weil dort Krankheiten und Schädlinge grösstenteils jetzt schon mit natürlichen Produkten kontrolliert werden. Total entspräche die Einsparung fast 600 Tonnen Pestiziden.

«Wegkommen von Monokulturen»

«Die Praxis und die Forschung im Biolandbau zeigen, dass man ohne Weiteres Herbizide mit modernsten Geräten, Mischkulturen und Bodenbedeckungen vollständig ersetzen kann», lautet das Fazit der FiBL-Forscher. Auch sehen sie im Einsatz von Insekten und Viren sowie Pflanzenextrakten oder natürlichen Materialien wie Tonerden und Milchextrakten im Kampf gegen Schadenerreger ein grosses Potenzial.

«Um den Weg für eine Zukunft ohne Pestizide freizumachen, muss die Schweizer Landwirtschaft einen viel grösseren Schwerpunkt auf resistente Obst- und Gemüsesorten setzen», sagt Monika Messmer, Pflanzenzüchterin beim FiBL. Die Bauern müssten von Monokulturen wegkommen. «Nur in Monokulturen können sich Schädlinge epidemieartig ausbreiten.»

Pastinaken und Steckrüben

Laut Messmer braucht es stattdessen Mischkulturen mit Pflanzen, die gut ohne Pflanzenschutzmittel überleben. «Die beliebten, aber für Krankheitserreger sehr anfälligen Gala-Äpfel müssten robusteren Sorten weichen, die geschmacklich ebenso gut sind.» Eine weitere Lösung zur Förderung der Biodiversität sehen die Forscher im Anbau von älteren Gemüse- und Früchtesorten.

Dazu zählt Messmer die Förderung der Pastinake, Haferwurzel, Steckrübe, schwarzen Johannisbeere und des Weinbergpfirsichs. «Um ohne Pestizide auszukommen, müsste die Schweiz viel mehr in eigene Züchtungsprogramme für ökologische Anbausysteme investieren.»

FiBL-Direktor Urs Niggli sieht die Zukunft in vielfältigen Anbausystemen und im biologischen Pflanzenschutz. «Das bedingt eine sehr lange Umstellungszeit, in der sich die Bauern neu orientieren und Investitionen wie zum Beispiel Maschinen für die mechanische Unkrautbekämpfung tätigen.» Dazu bräuchten sie die Unterstützung des Bundes.

«Klar ein Gewinn für die Zukunft»

Agrarfachleute sehen in der pestizidfreien Landwirtschaft grosses Potenzial. «Der Anbau ohne Pestizide wäre für die Zukunft der Schweizer Landwirtschaft klar ein Gewinn», sagt Andreas Bosshard, Geschäftsleiter der Denkwerkstatt Vision Landwirtschaft. Wie eine neue Studie zeige, könne mit einer Einkommenszunahme der Bauernfamilien von bis zu 34 Prozent gerechnet werden. «Für die pestizidfreien Produkte können sie bessere Preise lösen.»

Zudem sparen sich die Bauernhöfe laut Bosshard die hohen Kosten für Pestizide und andere Hilfsstoffe. Nicht zuletzt profitiere auch die Versorgungssicherheit, zumal die Landwirtschaft durch die Importe von Pestiziden und enormen Mengen an Futtermitteln heute stark vom Ausland abhängig sei. «Da ohne den Einsatz von Pestiziden mehr Handarbeit anfällt, gibt es zudem mehr Arbeitsplätze in der Landwirtschaft.»

Bauernpräsident warnt vor höheren Preisen

Unvorstellbar sind die Szenarien für Markus Ritter, Präsident des Schweizerischen Bauernverbands. «Die Annahme beider Initiativen hätte ein grosses Bauernsterben, massiv zunehmende Lebensmittelimporte und 20 bis 40 Prozent höhere Konsumentenpreise zur Folge», sagt er. Der Anbau vieler Kulturen ohne Pflanzenschutzmittel sei illusorisch. «Wichtig ist, dass wir die die Aktionspläne des Bundes konsequent umsetzen und uns die Forschung beim Anbau von resistenten Sorten unterstützt.»

Ritter verweist darauf, dass mit dem Aktionsplan Pflanzenschutzmittel des Bundes die Mengen und Risiken von Pflanzenschutzmitteln deutlich reduziert würden. Im Rahmen der Agrarpolitik ab 2022 ist ein zusätzliches Massnahmenpaket in diesem Bereich vorgesehen.

Kommentarfunktion geschlossen
Die Kommentarfunktion für diese Story wurde automatisch deaktiviert. Der Grund ist die hohe Zahl eingehender Meinungsbeiträge zu aktuellen Themen. Uns ist wichtig, diese möglichst schnell zu sichten und freizuschalten. Wir bitten um Verständnis.

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • die Ritterin am 03.07.2019 17:33 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    konsequente Konsumenten bitte

    Als Biobäuerin bin ich klar für ein generelles Verbot von chem Herbiziden, Insektiziden, Fungiziden und Düngemitteln, nur sollte der Konsument in der Schweiz diese Produkte auch kaufen, anstatt zu Ware aus dem Ausland greifen. Und an jene, welche meinen,,in der Schweiz braucht es gar keine Bauern: ihr seid doch dieselben, welche Missstände in der Schweizer Nutztierhaltung anprangern, aber im selben Atemzug greift ihr zu Billigware aus Tierqualhaltung. Ziemlich verlogen. Übrigens: die von Tamedia angeprangerten über 7000 Fälle von Tierquälerei in LW ist schlicht gelogen. Da wurden ganz dreist auch Verstösse dazugezählt, bei denen ein Kreuz auf dem Journal nicht gemacht wurde. Zum Glück sind diese Bagatellen der häufigste Grund für eine Beanstandung bei der Kontrolle, aber der schweizerische Bauernhasser schürt doch lieber die Lügen.

    einklappen einklappen
  • Hugo Bart am 03.07.2019 17:14 Report Diesen Beitrag melden

    Festgebissen

    Sieht so aus, als hätte sich der oberste Bauer an der bestehenden Giftpolitik festgebissen und kann nicht mehr loslassen. Schade --- aber kein Grund, ihn nicht auszuwechseln, denn durch ihn haben alle Bauern jetzt ein giftiges Image.

    einklappen einklappen
  • Roli am 03.07.2019 17:20 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Kleinere Höfe und mehr Diversifizierung für die Zu

    Herr Ritter müsste eigentlich klar dafür sein! Aber vermutlich wird er zu sehr von Pharma- und Chemielobbyisten umschmeichelt. Wenn in Zukunft mehr Erträge pro Hof generiert werden können, könnte die Landwirtschaft auch für Quereinsteiger spannend werden. Es wird mehr, aber wieder kleinere Höfe geben, die nicht 100 Kühe halten sondern vielleich noch 20-30. Dazu eine starke Diversifizierung beim Obst und Ackerbau. Der Bund sollte hier Startkapital sprechen und sichere Absatzkanäle schaffen und den grossen Detailhändler ihre Marktmacht entreissen.

    einklappen einklappen

Die neusten Leser-Kommentare

  • Bettina am 04.07.2019 21:56 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ausland

    Kürzlich kam in der ARD ein Beitrag über den Obst- und Gemüseanbau in Spanien und Italien. Es ist schrecklich zusehen wie diese Arbeiter ausgenommen werden, wie sie ohne Schutzkleider Pestizide spritzen. Und diese Lebensmittel kommen dann zu uns. Wollt ihr das wirklich Essen? Denkt ihr das dort keine giftigen Rückstände vorhanden sind? Aber wo und wie produziert wird ist den Leuten egal solange es nicht in der Schweiz ist. Und die SBB spritzt seit Jahrzehnten das Unkraut mit Glyphosat. Wieviele Tonnen das im ganzen Streckennetz das wohl sind...? Aber okay gebt nur den Bauern die Schuld.

  • Anna Meier am 04.07.2019 18:08 Report Diesen Beitrag melden

    Die Verantwortung der Konsumenten

    Ich möchte daran erinnern, dass vor nicht langer Zeit die Schweizer Bevölkerung 2 Initiativen bachab geschickt hat, die einen Umbau zu einer wirklich ökologischen Landwirtschaft erwirkt hätten. Auch kann es nicht sein, dass immer die Bauern für alles verantwortlich gemacht werden; die Konsumenten haben ihren Teil Schuld an der Misere, da viele nicht bereit sind, den Preis für die Mehrkosten des "Bio" zu bezahlen.

    • Ich les wohl nicht richtig am 04.07.2019 23:41 Report Diesen Beitrag melden

      Wie bitte?

      Welche 2 Iniativen für wirklich ökologische Landwirtschaft wurde bachab geschickt?! Bitte aufklären. Dass die "Bauern immer für alles verantwortlich gemacht werden" ist jedoch grossartige Ironie. Es gibt keine einzige Berufsgruppe in der Schweiz, welche so wenig Eigenverantwortung zeigt. Die Biodiversität ist auf dem Land mittlerweile kleiner als in der Stadt! Weil die Bauern die Natur so miserabel behandeln. Das ist ein undiskutabler Fakt. Ich sehe also nicht annähernd Verantwortung seitens der Bauern, obwohl wir mit bis zu 20 Milliarden pro Jahr alles sehr, sehr, sehr teuer subventionieren!

    einklappen einklappen
  • Kurt am 04.07.2019 15:47 Report Diesen Beitrag melden

    Egoistisch bis zum abwinken

    Wers glaubt. Erst wird die Produktionsmenge sinken, dann wird entsprechend aus dem Auslang importiert und dort widerum ist Gift im Einsatz. Unter dem Strich wirds also kaum besser. Hier natürlich schon, nur nicht anderswo.

  • Lüpfer am 04.07.2019 15:11 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    ....

    Macht einfach mal vorwärts WENN es was gutes ist! nicht wie die EUturbos zb".

  • Analyst am 04.07.2019 11:05 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Leider

    heißt Agrowirtschaft produzieren und Normrüebli, Einheitsgurken und pausbackige Glanzprospektfrüchte produzieren, weil sonst die Einkäufer wieder Angst haben, dass die Kunden die angebliche Ware 2. Klasse nicht kaufen würden. Das Problem sind nicht die Landwirte und Produzenten, sondern die Gesellschaft die das so will.

    • Eveline am 04.07.2019 11:13 Report Diesen Beitrag melden

      Weg mit den Normen, Natur ist gefragt

      @Analyst Die Gesellschaft muss nehmen was ihr angeboten wird. Die Normen und Richtlinien kommen nicht von der Gesellschaft es heisst einfach immer nur "der Kunde will es so". Billigere Ausreden gibt es nicht.

    • Betty am 04.07.2019 19:31 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Eveline

      In meiner Ausbildung auf einem Bio Betrieb der auf dem Markt Obst verkauft, gab es immer wieder Szenen wo der Kunde den Preis feilschte... Da der nicht so schön ist wie im Coop, Micros ect...

    einklappen einklappen