Pflanzen und Tiere bedroht

02. April 2019 09:28; Akt: 02.04.2019 09:28 Print

Pestizide verseuchen Bäche in der Schweiz

Die Belastung durch Pestizide in kleinen Fliessgewässern ist nach wie vor hoch. Pflanzen- und Tierwelt sind bedroht.

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Die Forschungsanstalt Eawag und das Oekotoxzentrum zeigen erneut, dass kleine Bäche mit landwirtschaftlich genutzten Einzugsgebieten stark mit Pflanzenschutzmitteln belastet sind. Es besteht demnach ein Risiko für Schäden an Pflanzen- und Tierwelt.

Die beiden Institutionen überwachten fünf kleinere Bäche mit landwirtschaftlich genutztem Einzugsgebiet von Frühjahr bis Herbst 2017. In zwei Artikeln in der Fachzeitschrift «Aqua&Gas» berichten die Fachleute nun von den Ergebnissen: Pro Standort fanden sich zwischen 71 und 89 Wirkstoffe, insgesamt 145, wie die Eawag am Dienstag mitteilte.

Bei allen fünf Bächen wurden Umweltqualitätskriterien überschritten. Diese werden für jeden Stoff aus Tests abgeleitet. Über mehrere Monate hinweg – zwischen dreieinhalb und sechseinhalb Monaten, also teils während der gesamten Vegetationsperiode – lagen die Werte einzelner Stoffe demnach so hoch, das mit einer schleichenden Schädigung der Tiere und Pflanzen zu rechnen sei, hiess es weiter.

Wochenlang erhebliches Risiko

Zwischen zwei und knapp elf Wochen war das Risiko so hoch, dass mit einer akuten Beeinträchtigung der Lebensgemeinschaften gerechnet werden müsse, schrieb die Eawag.

Dies aufgrund einzelner Stoffe, aber auch der ganzen Mischung aus verschiedenen Unkraut-, Pilz- und Insektenvernichtungsmitteln.

Beispielsweise lag das berechnete Risiko im Eschelisbach im Thurgau bis 36 mal und im Weierbach im Kanton Basel-Land bis 50 mal über der Schwelle, ab welcher Fortpflanzung, Entwicklung und Gesundheit von Pflanzen, Tieren und Mikroben beeinträchtigt sind.

21 problematische Substanzen im Weierbach

Beide Bäche wurden bereits in einer früheren Studie von 2015 untersucht. Der Vergleich zeigte, dass sich die Stoffzusammensetzung teils deutlich unterschied: Beispielsweise gab es im Weierbach insgesamt 21 Substanzen, die für Wasserlebewesen problematisch sind. Davon lagen aber nur vier in beiden Jahren in problematisch hohen Konzentrationen vor.

Mögliche Gründe seien das Wetter und die Lage der landwirtschaftlich genutzten Flächen zum Gewässer, halten die Fachleute fest. Insgesamt ging die Belastung im Weierbach im Vergleich zu 2015 zurück, im Eschelisbach lag sie leicht höher.

Repräsentativ für viele Schweizer Bäche

Dass Schweizer Gewässer stark mit Pestiziden belastet sind, ist bereits aus früheren Untersuchungen bekannt. Allerdings stellte sich dabei die Frage, welchen Anteil Wirkstoffe aus nicht-landwirtschaftlichen Quellen ausmachen, und ob die Messungen repräsentativ für die Schweiz seien. Bei den Messungen von 2017 stellten die Fachleute daher sicher, dass praktisch keine Siedlungsabwässer mitgemessen wurden und dass die Messstandorte nicht aussergewöhnlich waren.

«Bei vier von fünf Bächen würde selbst eine zehnfach extensivere Landwirtschaft im Einzugsgebiet wohl noch zu Überschreitungen der Qualitätskriterien führen», sagte Christian Stamm von der Eawag gemäss der Mitteilung, «in diese Kategorie fallen rund 13'000 Kilometer Schweizer Bachläufe.»

Aus den Messungen leiten die Expertinnen und Experten unter anderem ab, dass die pauschalen Grenzwerte der Gewässerschutzverordnung teils wenig Aussagekraft haben. So liegt diese für organische Pestizide bei 0,1 Mikrogramm pro Liter. Negative Auswirkungen sind aber beispielsweise bei Glyphosat erst ab 120 Mikrogramm pro Liter zu befürchten, bei anderen Stoffen bereits bei Werten unter dem offiziellen Grenzwert.

Gewässerschutz konsequent umsetzen

Um die Gewässerbelastung zu reduzieren sei ein ganzes Bündel an Massnahmen notwendig: «Dazu zählen der Ersatz von besonders kritischen Stoffen, eine generelle Reduktion des Einsatzes von Pflanzenschutzmitteln und das Minimieren von Verlusten aus den Anbauflächen», so Stamm. All dies seien Punkte, die im Nationalen Aktionsplan Pflanzenschutzmittel vorgesehen sind und nun möglichst rasch umgesetzt werden müssten.

Die Untersuchung fand im Auftrag des Bundesamts für Umwelt (BAFU) im Rahmen der Nationalen Beobachtung Oberflächengewässerqualität (NAWA) statt und wurde von fünf Kantonen und der Plattform Wasserqualität des Verbands Schweizer Abwasser und Gewässerschutzfachleute unterstützt.

(kat/sda)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • GreaTa am 02.04.2019 09:38 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Kranke Welt

    Mich würde mal interessieren wer dafür zuständig ist, dass diese und andere Gifte zugelassen und nicht verboten sind. Was können wir dagegen tun??

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  • anne Fragt am 02.04.2019 09:41 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Prioritäten

    Ja so traurig ist das. Der BR bewilligt schön weiter Glyphosate und andere Gifte. Wir aber sollen auf Ferienflug verzichten.

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  • B. M. am 02.04.2019 09:41 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Gülle bis zum geht nicht mehr

    So lange der Bauer meint, seine Unmenge an Gülle sei Dünger, so lange wird sich nichts ändern. Dies ist ganz klar reine Entsorgung, hier hilft alles Schönreden nichts. Jeder andere Betrieb muss das Abwasser kostenpflichtig entsorgen.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Peter K. am 05.04.2019 11:42 Report Diesen Beitrag melden

    Der stille Tod unserer Bäche und Flüsse

    Überall herrscht Überproduktion. Nicht nur die Gifte sonder auch die Gülle tötet alles Leben im Wasser. Die Politik soll eine sanfte, diversifizierte Landwirtschaft unterstützen und nicht Riesenhöfe. Der Bauer, der den Boden, Wald und das Wasser hegt und pflegt soll die Subventionen erhalten. Das BLW steht ebenfalls in der Pflicht. Empfehle den Beitrag von Netz Natur zu genau diesem Thema. Ausstrahlung 2018

  • AMD am 03.04.2019 12:02 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Wettbewerb

    Wer hat der schönste garten im ganze Land ? Jede Frühling das gleiche , grosse Wettbewerb wer sein garten am schnellste angepflanzt hat und eine Menge Pestizide dass kein Unkraut wächst.

  • BioLogo am 03.04.2019 09:19 Report Diesen Beitrag melden

    Ernährungssicherheit

    Boden und Grundwasser (Trinkwasser!) werden mit der aktuellen Landwirtschaft langfristig vergiftet, das Gegenteil von Ernährungssicherheit. Die Grenzwerte können nicht ewig nach oben angepasst werden. Diese Giftcocktails zerstören die Zukunft unserer Kinder und sind schon heute der Kostentreiber (Allergien, Resistenzen etc.) im Gesundheitswesen.

    • Matti am 05.04.2019 12:28 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @BioLogo

      Genau so sieht es aus und die Bioprduzenten vermitteln den Konsumenten Bio wäre gesünder. Gift ist Gift und macht im Grundwasser oder generell im Wasser ht halt vor Bioobst und Biogemüse, genauso wenig wie vorm Getreide und den Viehbestand beim Grasen.

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  • hutti am 02.04.2019 23:25 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    giftwaschmittel

    lest mal auf den Verpackungen der Waschmittel , als schlimmstes Beispiel die neuen Duftperlen bei coop und Migros... mittel schädigt nachhaltig Wasserorganismen und Bakterien, darf nicht ins Wasser gelangen....! verkaufen kein Problem und gekauft wird es gerne, Man hat ja gerne Wäsche die 10 Wochen gut duftet

    • Bearnairdine Baumann am 07.04.2019 14:39 Report Diesen Beitrag melden

      Erkrankungen verursacht durch Chemie

      genau so ist es! Die Giftigkeit der Waschmittel und Weichspüler etc. wird gewaltig unterschätzt - oder ignoriert und totgeschwiegen? Ich wünsche keinem die Zentralnervenverletzungen die davon entstehen können.

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  • Grundsatzmotzer am 02.04.2019 22:17 Report Diesen Beitrag melden

    Wachstumsdogma führt an die Wand

    Die Direktzahlungen sollten auf die Biolandwirtschaft konzentriert werden, auch wenn damit eine inländische Produktionseinbusse einhergeht. Nur gesunde Böden eigenen sich im Notfall für die Produktion von Grundnahrungsmitteln wie z.B. Kartoffeln. Für eine Selbstversorgung einer 8+ Millionen-Schweiz reicht das verfügbare Land auf die Dauer nicht. Also muss auch bei der Einwanderungspolitik angesetzt werden.