Zersiedelung

19. März 2014 06:31; Akt: 19.03.2014 10:02 Print

Pfadilager im Grünen sind in Gefahr

von J. Büchi - Wohnungen statt grüne Wiesen: Für Pfadfinder wird es zunehmend schwieriger, Plätze zu finden, auf denen sie ihre Zelte aufschlagen können. Nun eilt ihnen die Politik zu Hilfe.

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«Wo sich vor 20 Jahren noch Fuchs und Hase Gute Nacht gesagt haben, ist heute alles verplant und verbaut.» Das Lamento über die zunehmende Zersiedelung der Schweiz ist derzeit in aller Munde. Doch die jüngste Kritik stammt nicht etwa von Umweltschützern, Zuwanderungsgegnern oder Bauern – sondern von der Pfadi. In einem Prospekt, der in diesen Tagen an 1,4 Millionen Haushalte ging, beklagt sich die Schweizerische Pfadistiftung, es werde immer schwieriger, Plätze für die Pfingst- und Sommerlager zu finden.

Die Flyer-Kampagne steht unter dem Motto: «Wir Pfadis gehören ins Grüne, nicht ins Graue.» Wo einst Kinder ihre Zelte aufgeschlagen hätten, stünden heute Wohnsiedlungen oder Strassen, erklärt Rolf Steiner von der Pfadistiftung. An der Stelle, an der in Affoltern am Albis früher ein Pfadiheim und ein Zeltlagerplatz gestanden hätten, führe etwa seit einigen Jahren die Autobahn A4 durch. Mehr als 50 Lagerplätze seien in den letzten Jahren auf diese Weise verschwunden. «Wir beobachten diese Entwicklung mit Sorge.»

Wenn sich die Pfadis eines Tages statt eines Lagerfeuers mit einem Gasgrill begnügen müssten, wäre das ein herber Verlust: «Für die gesunde Entwicklung eines Kindes ist es doch essenziell, hin und wieder aus dem behüteten städtischen ‹Man-darf-nichts-mehr-machen›-Umfeld herauszukommen!» Sich im Pfingstlager von Kopf bis Fuss schmutzig zu machen und auch einmal mit ungeputzten Zähnen ins Bett zu gehen, sei eine Erfahrung, die vielen ein Leben lang in bester Erinnerung bleibe.

Vorstoss im Parlament geplant

Zwei Faktoren führten dazu, dass immer mehr Lagerplätze von der Pfadi-Liste gestrichen werden müssten, so Steiner: Neben der zunehmenden Überbauung von Wiesen und Feldern auch die Tatsache, dass Landwirte und Behörden vermehrt strikte Auflagen für die Nutzung ihrer Grünflächen erliessen. Um dieser Entwicklung Einhalt zu gebieten, erhofft sich die Pfadistiftung neben Spenden aus der Bevölkerung auch Hilfe von der nationalen Politik. Man habe bereits das Gespräch mit «pfadinahen eidgenössischen Parlamentariern» gesucht, so Steiner, der selbst für die SP im Zürcher Kantonsrat sitzt.

Auf offene Ohren stiess die Stiftung bei Alois Gmür, CVP-Nationalrat aus dem Kanton Schwyz – in der Pfadi einst auch als «Spund» bekannt. Er werde in der Sommersession einen Vorstoss zum Thema einreichen, kündigt er gegenüber 20 Minuten an. «Ziel muss es sein, die bestehenden Landwirtschaftsflächen zu schützen, damit diese nicht auch noch überbaut werden.» Wie genau das geschehen soll, sei aber noch offen.

Zersiedelung in «gravierendem Ausmass»

Klar ist: Gmür begibt sich damit auf ein Terrain, das derzeit heftig umkämpft ist. Die Zersiedelung der Landschaft diente zuletzt den Initianten der Zweitwohnungs- und der Masseneinwanderungsinitiative als schlagkräftiges Argument. In der bevorstehenden Diskussion um die Ecopop-Initiative dürfte der befürchtete Kulturlandverlust ebenfalls eine wichtige Rolle spielen. Die Initianten wollen die Zersiedelung eindämmen, indem sie das Wachstum durch Zuwanderung in der Schweiz begrenzen.

Marcus Ulber, Raumplanungsexperte von Pro Natura, sagt, die Zersiedelung habe in der Schweiz zwar tatsächlich «gravierende Ausmasse» angenommen. Das Rezept aus der Ecopop-Küche sei aus seiner Sicht aber definitiv das falsche, um des Problems Herr zu werden. Damit die Siedlungsflächen nicht weiter anwachsen, müsse in erster Linie verdichtet gebaut werden.

Mit der Revision des Raumplanungsgesetzes, die letztes Jahr angenommen wurde, seien die richtigen Weichen gestellt worden. «Nun gilt es, das Gesetz in den Kantonen und Gemeinden richtig zu vollziehen.» Dass dies gelinge, sei von grösster Bedeutung. Ansonsten hätten Mensch und Natur darunter zu leiden: «Der natürliche Lebensraum von Tieren wird von Strassen zerschnitten oder geht ganz verloren. Das Beispiel Pfadfinder zeigt zudem, wie auch der Erholungsraum für den Menschen drastisch zurückgeht.»

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • NichWundern am 19.03.2014 08:07 Report Diesen Beitrag melden

    Mich wundert gar nichst mehr

    Keiner will Fluglärm, aber alle gehen sie mit dem Flieger in die Ferien Alle wollen sie Umweltschutz, keiner verzichtet auf sein Auto Alle wollen sie den Urbevökerungen auf der Welt helfen, konsumieren aber weiterhin uneingeschränkt Fleisch (abholzung der Urwälder), Handies, Computer (Coltan) Alle wollen einsam in der Wildnis ein Häuschen - und beklagen sich, dass unsere Nachkommen (für die wir notabene die Welt schaffen), keine Grünflächen mehr gibt... Komisch

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  • Pfadi4ever am 19.03.2014 08:04 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Pfadi ist das grösste!

    Ich war über 10 Jahre in der Pfadi und es war eine Grossartige Zeit! Nicht nur alle Freunde die ich dadurch gefunden hab, ich hab auch vieeeles gelernt die ich selbst jetzt noch brauche. Ich bereue keinen Tag und kann es allen empfehlen, wenn ihr Zeit habt dann nehmt sie euch und geht in die Pfadi. Persönlich werd ich mich auch weiterhin einsetzen, selbst wenn es passiv ist. Es gab nichts besseres als einfach mal ein paar Tage/Wochen im Jahr das Handy und den PC zu vergessen und sich mit anderen aktiv zu unterhalten und raus in die Natur zu gehen. Verantwortung über sich und die anderen zu haben da ich Patroullien Leiter war. Ich hoffe, dass die Pfadi noch lange aktiv ist. MfG Tschogg

  • Sandro am 19.03.2014 08:12 Report Diesen Beitrag melden

    Alle wollen mitreden

    Das Problem betrifft nicht nur die Pfadi. Auch die Jubla, Cevi und alle anderen Jugendverbände sind betroffen. Das Problem ist aber nicht nur die Zersiedelung. Immer mehr Leute gehen in den Wald und immer mehr Leute wollen bei allem dreinreden. So kann ein das Leiten vergehen...

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Martin am 19.03.2014 18:30 Report Diesen Beitrag melden

    Pfadi

    Ich glaube nicht das die zunehmende Zersiedelung der Schweiz hauptsächlich dafür verantwortlich ist das die die Pfadi kaum mehr Plätze hat. Eher liegt es daran das die Landbesitzer ihr Land nicht mehr zurverfügung stellen.

    • Scrat am 19.03.2014 23:22 Report Diesen Beitrag melden

      leider...

      Das liegt jedoch mehrheitlich daran, dass es den Landbestzer zunehmend erschwert wird, einen Lagerplatz zu betreiben. Es wird dadurch jedes Jahr schwieriger einen Lagerplatz zu finden, und man muss oft bereits ein Jahr im Voraus reservieren.

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  • Cellius am 19.03.2014 15:24 Report Diesen Beitrag melden

    Lt. Linken hat es genug Platz für alle?

    Ich verstehe die Welt nicht mehr? Die Linken haben doch eben gerade gewettert es hätte noch genug Platz für Zuwanderer in der Schweiz und jetzt haben wir nicht mal mehr Platz für die Pfadi? Ich hoffe man findet da doch noch Plätze denn es gibt doch nichts besseres als die Pfadi um den Jungen den Umgang mit der Natur nahe zu bringen.

  • Verein schäft qwant am 19.03.2014 12:42 Report Diesen Beitrag melden

    Win-Win-Win

    Für die Pfadi-Jugend ist Freizeit in der Natur in Gefahr, für die fahrenden Jenischen steht die ganze Lebensgrundlage auf dem Spiel. Das Fahren und somit auch die Notwendigkeit, genügend Standplätze zu erhalten, gehören zu unserer Kultur wie die Alpweide zur überwiegend verstädterten Schweiz gehört. Für Bauern, Pfadi und Jenische könnte eine gemeinsame Grundlage zur Bodennutzung eine Win-Win-Win-Situation sein!

  • Jung Wacht am 19.03.2014 11:26 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Nicht so übertreiben, es gibt genug Kantone

    Mit genug freien Platz. Ein Lager in einem anderen Kanton fand ich persönlich besser, weil es immer was neues zu entdecken gab....

  • Smiley am 19.03.2014 10:57 Report Diesen Beitrag melden

    Ernsthaft?

    Vielleicht ist die Frage ja blöde aber ist das hier ernst gemeint? Pfadilager können wegen der Zersiedelung nicht mehr stattfinden? Wurden alle Wälder abgeholzt und alle Wiesen zugebaut? Habe ich irgend etwas verpasst? So eine Aussage ist doch an Peinlichkeit kaum noch zu überbieten.