Pflegepersonal

26. März 2020 10:10; Akt: 26.03.2020 10:10 Print

«Wenn es uns nicht mehr gibt, ist finito»

von B. Zanni - Die gesetzlichen Arbeits- und Ruhezeiten sind wegen der Corona-Krise ausser Kraft gesetzt. Spitalmitarbeiter wehren sich.

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Das Coronavirus verbreitet sich rasant – in den Spitälern diktiert der Ausnahmezustand den Alltag. Das Personal pflegt zahlreiche Infizierte oder kämpft um ihr Leben. Aufgrund der Krise zapfte der Bundesrat am 20. März die letzten Kräfte der Ärzte und Pflegenden an: Vorübergehend sind die gesetzlichen Arbeits- und Ruhezeiten aufgehoben. Pflegefachfrau M. V.* nimmt kein Blatt vor den Mund: «Die erfahrene Wertschätzung mit dem Klatschen der Bevölkerung ist eine einmalige, schöne Geste der Solidarität in der aktuellen Situation. Sie lindert aber die realen Missstände im Bereich der Pflege nicht», sagt die 39-Jährige. Werde immer noch mehr verlangt, gehe es dem Personal selber irgendwann nicht mehr gut. «Wenn es uns nicht mehr gibt, ist finito.» Pflegefachfrau N. G.* (33) sagt: «Wir arbeiten schon am Anschlag, wenn wir nicht gegen eine Epidemie kämpfen.» Oft hätten sie sechs Tage am Stück Dienst, einen Freitag, worauf der nächste Sechserblock folge. Täglich mindestens eine halbe Stunde länger zu arbeiten, sei normal. «All das tun wir zu einem bescheidenen Lohn.» G. befürchtet, dass damit das Risiko für Fehler steigen könnte. «Kommt man nicht mehr zur Ruhe, häufen sich die Fehler, was dramatische Folgen haben kann.» Der Schweizer Berufsverband der Pflegefachfrauen und Pflegefachmänner (SBK) teilt die Kritik. «Das Pflegepersonal arbeitet in den Bereichen von Covid-19 intensiv und ist selbstverständlich auch bereit, Ausserordentliches zu leisten», sagt Geschäftsführerin Yvonne Ribi. Zum Arbeitnehmerschutz gehöre, dass auch die Arbeits- und Ruhezeiten gewährleistet würden, so Ribi. «Diese erlauben, dass sich das Personal nach dem Einsatz ausruhen kann und gesund bleibt. Bei einem Ausfall von Mitarbeitern würden die Patienten als Erste leiden.» Der SBK forderte zusammen mit dem Verband Schweizerischer Assistenz- und Oberärzte in einem Brief an den Bundesrat Leitplanken zum Schutz der Arbeits- und Ruhezeiten. Sie hofften auf eine baldige Antwort, sagt Ribi. «Wir versichern, dass wir alles geben, um diese Krise zu lösen, aber nachher muss Tacheles geredet werden.» Es sei unbestritten, dass mit der Bewältigung der Corona-Krise erhöhte Belastungen auf die Pflege und auch alle Ärztinnen und Äzrte zukomme, sagt Stefan Althaus, Kommunikationsverantwortlicher des Spitalverbands H+. «Aber da müssen wir nun solidarisch zusammenstehen und diese ausserordentliche Lage meistern.»

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Das Spitalpersonal kommt seit Tagen kaum mehr zur Ruhe. Das Coronavirus verbreitet sich rasant – in den Spitälern diktiert der Ausnahmezustand den Alltag. Das Personal pflegt zahlreiche Infizierte oder kämpft um ihr Leben. Aufgrund der Krise zapfte der Bundesrat am 20. März die letzten Kräfte der Ärzte und Pflegenden an: Vorübergehend sind die gesetzlichen Arbeits- und Ruhezeiten aufgehoben. Konkret heisst das: Das Personal darf über 60 Stunden pro Woche eingesetzt werden. Gewerkschaften kritisierten die Streichung scharf. Einigen Spitalmitarbeitern ist der Kragen geplatzt.

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Der Bundesrat habe die Erholungszeiten für das Gesundheitspersonal gestrichen, kritisiert ein Mitarbeiter eines grossen Schweizer Spitals auf Facebook. Er gratuliere den Schreibtischtätern, spottet er. Man glaube wohl, das Pflegepersonal lasse sich alles gefallen und man könne ihm dazu einen schlechten Lohn bezahlen.

«Applaus bringt uns nicht weiter»

Auch Pflegefachfrau M. V.* nimmt kein Blatt vor den Mund: «Die erfahrene Wertschätzung mit dem Klatschen der Bevölkerung ist eine einmalige, schöne Geste der Solidarität in der aktuellen Situation. Sie lindert aber die realen Missstände im Bereich der Pflege nicht», sagt die 39-Jährige. Werde immer noch mehr verlangt, gehe es dem Personal selber irgendwann nicht mehr gut. «Wenn es uns nicht mehr gibt, ist finito.»

V. bedauert, dass die Arbeit des Pflegepersonals erst jetzt Wertschätzung erfahre. «Personalmangel, Überforderung, Respektlosigkeit und eine schlechte Entlöhnung kann man nicht wegklatschen – hier braucht es dringend handfeste Massnahmen, um die Arbeitsbedingungen zu verbessern.» Sie hoffe, dass die Corona-Krise eine Chance dafür sei. «Es ist unser tägliches Brot, sofort zur Stelle zu sein, wenn Menschen Hilfe brauchen.» Pflegefachfrau sei ein Herzensjob. «Das bedeutet aber nicht, dass man uns ausnützen darf.»

«Arbeiteten schon vorher am Anschlag»

Pflegefachfrau N. G.* (33) sagt: «Wir arbeiten schon am Anschlag, wenn wir nicht gegen eine Epidemie kämpfen.» Oft hätten sie sechs Tage am Stück Dienst, einen Freitag, worauf der nächste Sechserblock folge. Täglich mindestens eine halbe Stunde länger zu arbeiten, sei normal. «All das tun wir zu einem bescheidenen Lohn.»

Laut G. ist es zurzeit auf ihrer Station noch ruhig. «Wenn wir dann aber auch zur Corona-Station werden, werden wir zwischen den Abend- und Frühschichten kaum mehr Pause machen können.» G. befürchtet, dass damit das Risiko für Fehler steigen könnte. «Kommt man nicht mehr zur Ruhe, häufen sich die Fehler, was dramatische Folgen haben kann.» Etwa ein Medikamentenfehler könne den Tod eines Patienten bedeuten.

Brief an den Bundesrat

Der Schweizer Berufsverband der Pflegefachfrauen und Pflegefachmänner (SBK) teilt die Kritik. «Das Pflegepersonal arbeitet in den Bereichen von Covid-19 intensiv und ist selbstverständlich auch bereit, Ausserordentliches zu leisten», sagt Geschäftsführerin Yvonne Ribi. Zum Arbeitnehmerschutz gehöre, dass auch die Arbeits- und Ruhezeiten gewährleistet würden. «Diese erlauben, dass sich das Personal nach dem Einsatz ausruhen kann und gesund bleibt. Bei einem Ausfall von Mitarbeitern würden die Patienten als Erste leiden.»

Der SBK forderte zusammen mit dem Verband Schweizerischer Assistenz- und Oberärzte in einem Brief an den Bundesrat Leitplanken zum Schutz der Arbeits- und Ruhezeiten. Sie hofften auf eine baldige Antwort, sagt Ribi. «Wir versichern, dass wir alles geben, um diese Krise zu lösen, aber nachher muss Tacheles geredet werden.»

«Solidarisch zusammenstehen»

Schliesslich zeigt die Corona-Krise laut Ribi ein schon lange bekanntes Problem nur deutlicher auf. «Auch im Normalzustand hat das Pflegepersonal zu wenig Zeit, und das Fachpersonal ist nicht in ausreichender Zahl vorhanden.» Mit der Pflegeinitiative kämpft der SBK schon seit Jahren unter anderem gegen den Pflegenotstand.

Es sei unbestritten, dass mit der Bewältigung der Corona-Krise erhöhte Belastungen auf die Pflege und auch alle Ärztinnen und Ärzte zukomme, sagt Stefan Althaus, Kommunikationsverantwortlicher des Spitalverbands H+. «Aber da müssen wir nun solidarisch zusammenstehen und diese ausserordentliche Lage meistern.» Mit der Flexibilisierung der Arbeits- und Ruhezeiten habe der Bundesrat einen wichtigen Schritt getan. «Aber die Arbeitgeber sind auch verpflichtet, Sorge zu tragen zum Personal.»

*Name der Redaktion bekannt