«Fühlte mich hilflos»

06. September 2019 19:47; Akt: 06.09.2019 20:06 Print

Pöbler erschrecken ÖV-Passagiere

von B. Zanni - Eine Bloggerin geriet wegen eines aggressiven Zugpassagiers in Panik. Solche Vorfälle sind verbreitet. Die SBB rät, mit Alarmen nicht zu zögern.

In einer Instagram-Story berichtete Kitchwitch vom Vorfall. (Video: bz)
Zum Thema
Fehler gesehen?

Die Fahrt in der 1. Klasse im Intercity von Biel nach Olten vor einigen Tagen wurde für Lifestylebloggerin Denise Lehmann alias Kitchwitch zum Horrortrip. «Ein sehr angetrunkener Mann mit einer Bierflasche in der Hand schlich ständig durch den Gang und schrie aggressiv herum. Ich hatte richtig Angst», erinnert sich die Bernerin, die den Vorfall auch in einer Story auf Instagram geteilt hat (siehe Video oben).

Umfrage
Fühlten Sie sich im ÖV aufgrund eines anderen Passagiers unwohl?

Ausser ihr und einer anderen Passagierin sei im Wagen weit und breit niemand gewesen. «In der letzten Viertelstunde vor dem Ziel hatte ich regelrecht Panik.» Der Zug habe an keiner Station mehr angehalten. «Ich war eingesperrt im Zug und hätte vor dem Mann nicht flüchten können, wenn er mich attackiert hätte.»

«Fühlte mich vom Personal im Stich gelassen»

Sie habe sich in dieser Situation völlig hilflos gefühlt. «Habe ich einmal das Halbtax vergessen, kümmern sich gefühlt 50 Leute des Bahnpersonals um mich. In einer Notsituation fühlte ich mich aber im Stich gelassen. Ich hätte es dem Mann zugetraut, dass er mir plötzlich seine Bierflasche anschmeisst», sagt Kitchwitch.

Es ist nicht das erste Mal, dass sie wegen pöbelnder Fahrgäste im Zug zittern muss. «Eine betrunkene und geistig verwirrte Frau stolperte einmal durch die Abteile und fasste alle Passagiere an.»

Referat über Drogen im Morgenverkehr

Auch andere Pendler wurden im öffentlichen Verkehr von unangenehmen Gästen überrascht. Eine geistig verwirrte Frau sei morgens um sieben Uhr durch eine Zürcher S-Bahn marschiert und habe den Passagieren mit einem Vortrag über Drogen ins Gewissen geredet, berichtet eine Pendlerin (siehe Audioausschnitt im Video oben).

«Als den Passagieren klar wurde, dass die Frau harmlos war, mussten einige ob ihres Geschwätzes schmunzeln. Zuvor aber waren viele Leute zusammengezuckt», so die Pendlerin. Laut Schilderungen von Pendlern verstören zudem teilweise laut fluchende Personen in Trams Passagiere.

Kundenbegleiter sollten Präsenz markieren

Zugpöbler beschäftigen auch die Kundenorganisation Pro Bahn Schweiz. «Ganz allgemein stellt man fest, dass Pöbeleien und Aggressivität im öffentlichen Raum zunehmen. Und der ÖV gehört dazu», sagt Präsidentin Karin Blättler.

Pro Bahn lege grossen Wert auf begleitete Züge. «Dabei sollen die Kundenbegleiter die Züge auch regelmässig abgehen und Präsenz markieren. Das erhöht die effektive Sicherheit und das Sicherheitsgefühl.»

Sicherheit habe oberste Priorität

SBB-Mediensprecher Martin Meier sagt, die Sicherheit der Kunden für die SBB habe oberste Priorität. Die Kunden sollten sich zu jeder Tages- und Nachtzeit wohlfühlen. In der Regel seien deshalb immer zwei Kundenbegleiter im Einsatz.

«Fühlen sich Kunden unwohl, sollten sie nicht zögern, die anwesenden Kundenbegleiter zu informieren oder die Transportpolizei unter der Telefonnummer 0800 117 117 zu alarmieren», sagt Meier. In gravierenden Fällen könne die Einsatzzentrale die Transportpolizei aufbieten, die bei der nächstmöglichen Bahnstation einsteige. «Meist beruhigt sich die Situation aber, wenn ein Kundenbegleiter erscheint.»

Alkohol als Problem

Zahlen und Hintergründe über pöbelnde Personen liegen keine vor. Für Walter von Arburg, Kommunikationsbeauftragter des Sozialwerks Pfarrer Sieber, steht aber fest: «Alkoholprobleme sind heute generell ein grosses Thema. Bei betrunkenen Pöblern im Zug handelt es sich nicht zwingend um Obdachlose mit Drogen- oder Alkoholproblemen.» Um Konflikte im ÖV zu vermeiden, rate er, solchen Menschen aus dem Weg zu gehen.


Kommentarfunktion geschlossen
Die Kommentarfunktion für diese Story wurde automatisch deaktiviert. Der Grund ist die hohe Zahl eingehender Meinungsbeiträge zu aktuellen Themen. Uns ist wichtig, diese möglichst schnell zu sichten und freizuschalten. Wir bitten um Verständnis.

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Tom Levi am 06.09.2019 20:28 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Kundenbegleiter SBB....

    .... auch wir haben oft Angst, unangenehme Situationen, werden angepöbelt und beschimpft, und die Transportpolizei kommt nicht, wenn man sie bräuchte.... überall wird gespart...... Soll ich mich als menschliches Schutzschild einsetzen und selbst in Gefahr bringen ? Unser Gehalt rechtfertigt so etwas nicht ...

  • Madame am 06.09.2019 21:58 Report Diesen Beitrag melden

    Dini Muetter

    Bei aller Liebe, die ZugsbegleiterInnen sind genauso "wehrlos" wie alle anderen, man kann nicht erwarten, dass die sich in Gefahr begeben, um die Passagiere zu schützen, dafür sind sie weder ausgebildet noch bezahlt. Das einzige, was man in einer solchen Situation tun kann - wenn man nicht alleine im Waggon ist- andere auffordern sich auch zu wehren. So blöd wie es tönt und so miserabel es sich auch anfühlt, fight or flight. Und übrigens, wenn der/die ZugsbegleiterInnen blöd angemacht werden, dann müssen wir auch reagieren. Und nicht kuhäugig glotzen und auf die Eskalation warten.

  • cuddy am 06.09.2019 20:21 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    man musste ja die kondukteure abschaffen

    ich erinnere mich noch an zeiten, da war der kondukteur so ziemlich der einzige, der im zug herumlief. es wurde auch nicht gesoffen und gegessen im zug. aber man musste diese stelken streichen, weil es angeblich unrentabel war, kondukteure zu beschäftigen, bei denen man sogar ein billet im zug lösen konnte. jetzt haben wir den dreck!

Die neusten Leser-Kommentare

  • Ute am 06.09.2019 22:21 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Unwohl

    Ich muss zum Glück nicht pendeln, aber allein in den letzten zwei Wochen war mir im Zug und Tram 4 mal sehr unwohl. Einmal habe ich sogar meinen Schlüsselbund in die Hand genommen weil ich mit Gewalt gerechnet habe.

  • Ältere Zugfahrerin am 06.09.2019 22:13 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Wo bleiben die Zugbegleiter?

    Als regelmässige Zugfahrerin habe ich bis jetzt zum Glück noch ganz selten unangenehme Situationen erlebt. Was mich aber oft verwundert, wo bleiben die Zugbegleiter? Verstecken sie sich oder sind sie einfach zu faul, durch den Zug zu laufen und die Passagiere zu kontrollieren? ist bei der BLS besser.

  • +/- am 06.09.2019 22:06 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Denk darüber nach

    Wenn ich einschreite und den beiden Damen beistehe kassiere ich eine Anzeige und ein neunmalkluger Richter verdonnert mich für meine Hilfe zu einer Busse. Habs erlebt. Keiner ist mir selber am Schluss beigestanden. Nie wieder.

  • Thomy S. am 06.09.2019 22:00 Report Diesen Beitrag melden

    Hilflos? Agieren!

    Aufstehen und in die 2. Klasse gehen? Da hat's idR nicht alleine im Wagen...

  • Madame am 06.09.2019 21:58 Report Diesen Beitrag melden

    Dini Muetter

    Bei aller Liebe, die ZugsbegleiterInnen sind genauso "wehrlos" wie alle anderen, man kann nicht erwarten, dass die sich in Gefahr begeben, um die Passagiere zu schützen, dafür sind sie weder ausgebildet noch bezahlt. Das einzige, was man in einer solchen Situation tun kann - wenn man nicht alleine im Waggon ist- andere auffordern sich auch zu wehren. So blöd wie es tönt und so miserabel es sich auch anfühlt, fight or flight. Und übrigens, wenn der/die ZugsbegleiterInnen blöd angemacht werden, dann müssen wir auch reagieren. Und nicht kuhäugig glotzen und auf die Eskalation warten.