«Gesetzlose Zustände im Fussball»

05. Oktober 2019 19:44; Akt: 05.10.2019 20:02 Print

Politik will illegale Praxis bei Transfers verbieten

Bei Fussballtransfers streichen Agenten Milliarden ein – das sei illegal, sagt eine Schweizer Agentur, die Anzeige bei der Fifa erstattete. Nun fordern Politiker, dass der Bund handelt.

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Anwalt Philippe Renz kämpft mit der Freiburger Agentur Sport 7 gegen eine umstrittene Praxis bei Fussballtransfers: «Dort wird systematisch betrogen – und die Fifa unternimmt nichts», sagt Renz. Dabei geht es um Clubs und Spieleragenten, die gemeinsame Sache machen und viel Geld verdienen. Laut Renz haben Agenten bei Transfers eine Doppelrolle inne. Sie erhalten einen Auftrag vom Spieler, lassen sich aber vom Club bezahlen. «Dieses Doppelmandat ist gesetzeswidrig. Das ist nach Schweizer Recht und auch laut Fifa-Reglement verboten», betont Renz Allein für den Brasilianer Neymar zahlte Paris Saint-Germain im Sommer 2017 die Rekordsumme von 222 Millionen Euro. Dabei dürfte auch dessen Agent ordentlich mitkassiert haben. Von 2014 bis 2017 verdienten Spieleragenten weltweit laut einer Studie 4,75 Milliarden Euro. «Rund 3 Milliarden davon haben Spieleragenten illegal abgezweigt», sagt Renz. Dieser Betrug findet laut dem Anwalt auch in der Schweizer Super League statt: Hier seien Spieler und Vereine letztes Jahr so um etwa 5 Millionen geprellt worden. Eine Studie des Centre International d'Étude du Sport (CIES) in Neuenburg stützt diese Vorwürfe: Die weitverbreiteten Absprachen zwischen Clubs und Agenten führen zu korrupten Praktiken. Agenten würden sich persönlich an Clubgeldern bereichern. Zudem würden so Geldwäscherei und Steuerhinterziehung gefördert. Schweizer Politiker wollen diesen «gesetzlosen Zuständen» einen Riegel vorschieben. In einem Vorstoss, den elf Parlamentarier von links bis rechts unterstützen, verlangt SVP-Nationalrat Sebastian Frehner Antworten vom Bund. «Es kann nicht sein, dass bei Fussballtransfers offenbar ein rechtsfreier Raum vorherrscht», sagt Frehner. Da die Uefa und die Fifa ihren Sitz in der Schweiz haben, müsse der Bundesrat nun Druck ausüben und aufzeigen, wie das Transfergeschäft entkriminalisiert werden könne. Die Fifa betont, sie passe das Transfersystem laufend an. So habe die Fifa-Kommission nun vorgeschlagen, Geldbezüge von Agenten zu limitieren und deren Mehrfachvertretungen zu beschränken. Laut Anwalt Renz werden diese Vorschläge aber nichts an der heutigen Praxis ändern. Die Swiss Football League hat die Problematik erkannt und will handeln: Sie prüft nun eine eigene Transferregelung. Möglich sei eine Lösung, dass Agenten künftig nur noch von Spielern beauftragt und bezahlt werden dürfen – und nicht mehr von Clubs. Das heutige Transfersystem sei nicht nur illegal, sondern verfälsche auch den Wettbewerb, sagt Anwalt Renz. Da sich nur Grossclubs die mächtigsten Agenten leisten könnten und diesen hohe Summen zahlten, bekämen sie auch die besten Spieler. Ein Beispiel aus England untermauert das: 2007 verbot der englische Verband Doppelvertretungen von Agenten. Nur wenige Monate später krebste er zurück, weil die Premier-League-Clubs interveniert hatten. Die Agenten hatten kein Interesse mehr, Top-Spieler bei ihnen unterzubringen, weil sie von anderen Grossclubs massiv mehr Geld erhielten.

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Korruption, Manipulation, Geldwäscherei: «Bei Fussballtransfers wird systematisch betrogen – und die Fifa unternimmt nichts», sagt Philippe Renz. Er ist Anwalt der Freiburger Agentur Sport 7, die gegen diese «systematische Kriminalität» kämpft. Es geht dabei um Clubs und Spielervermittler, die gemeinsame Sache machen – und damit riesige Summen verdienen.

Allein für den Brasilianer Neymar zahlte Paris Saint-Germain im Sommer 2017 die Rekordsumme von 222 Millionen Euro, dabei kassierte wohl auch dessen Agent ordentlich mit. Von 2014 bis Ende 2017 verdienten Spieleragenten weltweit 4,75 Milliarden Euro. Das zeigt eine Studie des Centre International d’Étude du Sport (CIES) in Neuenburg. «Rund 3 Milliarden davon haben Spieleragenten illegal abgezweigt», sagt Renz. Dieser Betrug finde auch in der Schweiz statt: Hier seien Spieler und Vereine letztes Jahr so um etwa 5 Millionen geprellt worden.

«Illegale Doppelrolle von Agenten»

Dies, weil Agenten bei Transfers eine Doppelrolle innehätten: Sie erhalten einen Vermittlungsauftrag vom Spieler, lassen sich aber fast ausschliesslich vom Klub bezahlen. «Dieses Doppelmandat ist gesetzeswidrig. Das ist nach Schweizer Recht und auch laut Fifa-Reglement verboten», betont Renz (siehe Box).

Die CIES-Studie stützt diese Vorwürfe. «Die weitverbreiteten Absprachen zwischen Clubs und Agenten führen zu korrupten Praktiken, bei welchen die involvierten Akteure Clubgelder für ihren persönlichen Gewinn missbrauchen», heisst es dort. Zudem würden Geldwäscherei und Steuerhinterziehung dadurch gefördert. Obwohl die Uefa die Studie in Auftrag gab, hält sie sie geheim. 20 Minuten liegt allerdings eine Zusammenfassung vor.

«Bund soll Druck auf Fifa machen»

Schweizer Politiker wollen diesen «gesetzlosen Zuständen» einen Riegel vorschieben. In einem Vorstoss, unterstützt von elf Parlamentariern aller grossen Parteien, verlangt SVP-Nationalrat Sebastian Frehner Antworten vom Bund. «Es kann nicht sein, dass bei Fussballtransfers offenbar ein rechtsfreier Raum vorherrscht, der systematisch kriminelle Machenschaften zulässt.»

Da die Uefa und die Fifa ihren Sitz in der Schweiz haben, müsse der Bundesrat Massnahmen aufzeigen, wie das Transfergeschäft entkriminalisiert werden könne. «Er muss Druck auf die Fifa ausüben», sagt Fussballfan Frehner. Zudem solle der Bund sicherstellen, dass die Fifa ihre Reglemente auch einhalte, ergänzt Renz. Weiter brauche es bei Verstössen eine rechtliche Handhabe – also starke Sanktionen für Agenten oder Lizenzentzüge für Clubs.

SFL prüft eigene Regelung

Die Agentur Sport 7 hat bereits vor zwei Jahren Klage bei der Fifa eingereicht und das Anliegen bei der Bundesanwaltschaft (BA) deponiert. Passiert ist seither wenig. Die BA fühlt sich dafür nicht zuständig, die Verantwortung liege bei den Fussballverbänden der Länder.

Die Fifa betont, sie sei daran, das Transfersystem laufend anzupassen. Gerade am Mittwoch habe die Fifa-Kommission vorgeschlagen, Geldbezüge von Agenten zu begrenzen und deren angeprangerten Mehrfachvertretungen zu beschränken. «Diese Vorschläge werden aber an der heutigen Praxis nichts ändern», sagt Anwalt Renz. Zudem hätten Spieleragenten bereits damit gedroht, gegen diese Vorschläge rechtlich vorzugehen.

Der Problematik bewusst ist sich die Swiss Football League (SFL). Und sie will handeln: «Wegen kritischer Punkte im Vermittlerwesen» prüfe man eine eigene Transferregelung, schrieb die SFL kürzlich an die Schweizer Clubs. Möglich sei eine Lösung, wie sie die belgische Pro League einführen möchte: So dürften Agenten künftig nur noch von Spielern beauftragt und bezahlt werden – und nicht mehr von den Clubs.

«System verfälscht Wettbewerb»

Das heutige Transfersystem sei nicht nur illegal, sondern verfälsche auch den Wettbewerb im Weltfussball, sagt Renz. Da sich nur Grossclubs die mächtigsten Agenten leisten könnten und diesen hohe Summen zahlten, bekämen sie auch die besten Spieler. «So festigen diese Grossclubs auch ihre sportliche Dominanz über Jahre.»

Diese «Elite-Clubs» machten seit Jahren die vorderen Plätze in den grossen Ligen Europas unter sich aus: Das sei unter anderem in England, Italien, Deutschland, Frankreich und Spanien zu beobachten, erklärt Renz. «Kleinere Clubs sind so gleich mehrfach benachteiligt.»

Ein Beispiel untermauert das: 2007 verbot der englische Verband Doppelvertretungen von Agenten. Nur wenige Monate später krebste er zurück. Die Premier-League-Clubs hatten massiv interveniert: «Die Agenten hatten plötzlich kein Interesse mehr, Top-Spieler bei englischen Clubs unterzubringen. Das, weil sie von anderen europäischen Grossclubs massiv mehr Geld erhielten», sagt Renz.

(rol)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Waldemaar Appeldoorn am 05.10.2019 20:03 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Dreckgeschäft

    Das Fussballgeschäft ist seit Jahrzehnten ein mafiöses Dreckgeschäft und das traurigste daran ist, dass Schweizer massgeblich am Aufbau beteiligt waren und sind.

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  • Joel am 05.10.2019 19:55 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Dass ich nicht lache

    In anderen Worten: Politik will auch ein Stück vom Kuchen..

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  • roland guerber am 05.10.2019 20:00 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    CH politik = korrupt

    welche Politik die Politik die im Moment gerade mehrheitlich den Bundesanwalt bestätigen will der in der FIFA Affäre plötzlich Gedächtnisschwund hatte? oder eher die Politik die den Taxi Führerschein abschaffen will weiss für Uber dann viel günstiger wäre oder die Politik die in allen Chemie Verwaltungsräten Auf dem Papierposten hat und bezahlt wird damit weiterhin Glyphosat (Gift) ausgebracht werden darf oder die Politik die von der Pharmaindustrie bezahlt wird und verantwortlich ist das immer noch ...

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Kurt am 06.10.2019 14:41 Report Diesen Beitrag melden

    komisch

    Kann man denn eine "illegale" Praxis überhaupt noch verbieten? Seit wann ist denn etwas Illegales erlaubt?

  • Alberz am 06.10.2019 14:08 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Beweis das dies nicht funktioniert

    Die politik soll .... haha die sind doch genau so korupt. Die fifa und der staatsanwalt machen es vor und die politik segnet es noch ab durch die wiederwahl.

  • polo am 06.10.2019 13:57 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    transfer

    eigentlich sollte jeder seinen vertrag erfüllen. also ohne ausstiegsklausel. wenn der vertrag ausläuft, kann der club gewechselt werden. die ablösesumme entfällt somit. das würde vielen clubs ein bisschen luft geben um bessere spieler zu kaufen.

    • Chris am 06.10.2019 16:21 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @polo

      Warum wollen Sie zwei Parteien verbieten, zu vereinbaren, wann der eine oder der andere den Vertrag kündigen darf (Ausstiegsklausel)? Wenn beide Parteien mit der Klausel einverstanden sind, gibt es m.E. keinen Grund, warum der Staat dies verbieten soll.

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  • Stavi am 06.10.2019 12:39 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Kamel vs Nadelöhr

    Solange man solche Bubis wie Götter verehrt und ihnen Geld reinstopft, wird sich nichts ändern. Früher war alles besser, damals hatten sie Gladiatoren und das war weniger pervers wie heute.

  • Hotwith am 06.10.2019 12:23 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    sie wollen?

    das ist eine erschreckende aussage weil, wir wissen wenn die spez.im fussball was wollen, endeds in der sackgasse.Sie wollen nur aber mal handeln das, wollen sie wieder nicht.